Terrorserie im Irak Alawi verhängt den Ausnahmezustand

Explosionen in Bagdad, Feuerwaffen-Überfälle auf Polizeistationen, Exekutionen auf offener Straße und Autobomben überall - der Aufstand im Irak eskaliert. Ministerpräsident Alawi hat über das ganze Land den Ausnahmezustand verhängt.


Straße bei Samarra, Samstagmorgen: Bei der von der US-Armee zunächst nicht bestätigten Attacke auf einen US-Konvoi wurden mindestens sechs Soldaten verletzt
DPA

Straße bei Samarra, Samstagmorgen: Bei der von der US-Armee zunächst nicht bestätigten Attacke auf einen US-Konvoi wurden mindestens sechs Soldaten verletzt



Bagdad - Während US-Truppen die irakische Stadt Falludscha eingekesselt halten, steigt die Zahl der Anschläge und Opfer quer durchs Land. Gut organisierte Gruppen tragen den Aufstand auch in bisher relativ ruhige Städte. In Haditha wurden 22 Polizisten von Aufständischen regelrecht exekutiert. Dadurch, so vermuten Beobachter, wollen die Aufständischen Druck von der "Rebellenhauptstadt" Falludscha nehmen.

Im Bagdader Viertel Karrada explodierte nahe des Wohnsitzes des irakischen Finanzministers Adil Abdel Mahdi eine Autobombe. Zunächst gab es keine Informationen über mögliche Opfer. Wie ein Sprecher des Innenministeriums mitteilte, war unklar, ob der Minister zum Zeitpunkt der Explosion zu Hause war. Ein Vertreter des Obersten Rats für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI) teilte wenig später mit, Mahdi sei unversehrt, einer seiner Leibwächter sei jedoch getötet worden.

Die irakische Regierung entschloss sich angesichts des Chaos, den Notstand für mindestens 60 Tage zu verhängen. Ein Regierungssprecher in Bagdad teilte mit, ausgenommen seien die Kurdengebiete im Norden des Landes.

Bagdad: Angriff auf Polizeifahrzeug
AP

Bagdad: Angriff auf Polizeifahrzeug

Noch warten die amerikanischen Truppen um Falludscha auf den offiziellen Einsatzbefehl des irakischen Interimspräsidenten Ijad Alawi, die Stadt zu erstürmen. In der Nacht zu Sonntag bereiteten sie mit teils schwerem Beschuss und Bombardement aus der Luft den Grund, am Sonntagmorgen soll es Augenzeugenberichten zufolge zu ersten schweren Gefechten an den Stadträndern gekommen sein.

Währenddessen setzt sich die heftige Anschlagsserie quer durch den zentralen Irak fort. Seit Freitag wurden zahlreiche Ziele und Personen in irakischen Städten und Dörfern von offenbar gut organisierten Gruppen Aufständischer attackiert. Beobachter sehen darin auch den Versuch, Druck von Falludscha zu nehmen, das als vermeintliche Hochburg des Aufstandes zum primären Ziel der amerikanischen und irakischen Truppen geworden ist.

In den westirakischen Orten Haditha und Haklanija attackierten Terroristen Stationen der irakischen Polizei. In Haklanija stellten sie sechs Polizisten und einen Geheimpolizisten an die Wand und exekutierten die Männer. Auch in Haditha kam es zu einem Massaker: 21 Polizisten, von denen einige von den Tätern vorab gezwungen wurden, sich auszuziehen, starben in ihrer von den Aufständischen eingenommenen Polizeistation durch Kopfschüsse.

Anspannung vor dem Sturm: US-Soldaten am Stadtrand von Falludscha warten auf den Befehl zum Angriff
AP

Anspannung vor dem Sturm: US-Soldaten am Stadtrand von Falludscha warten auf den Befehl zum Angriff

Einen Tag nach den katastrophalen Bombenattentaten von Samarra zeichnet sich ab, dass die Aufständischen entschlossen sind, an möglichst vielen Orten zugleich den Konflikt eskalieren zu lassen. Am späten Samstagabend bekannte sich die al-Qaida-nahe Gruppe des jordanischen Terroristenführeres Abu Mussab al-Sarkawi, dessen Hauptquartier in Falludscha vermutet wird, zu den koordinierten Anschlägen um Falludscha, Samarra und Bagdad.

Die werden seit Samstag nicht nur mit Autobomben, sondern auch unter Einsatz von Mörsergranaten, mobilen Raketen und Handfeuerwaffen vorgetragen. Aus Bagdad wurden durch die Nacht bis zum frühen Sonntagmorgen ganze Serien von Explosionen gemeldet.

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Bekannt geworden sind inzwischen auch eine ganze Reihe von Bombenattentaten und Anschlägen ab Samstag früh: Am Bagdader Flughafen wurden ein Iraker getötet, ein Zivilist und drei US-Soldaten bei der Explosion einer Autobombe verletzt. An einem Checkpoint in der Nähe von Falludscha explodierte eine Autobombe, die zwei US-Soldaten verletzte. Parallel dazu kam es zu offenbar gezielten Angriffen auf einzelne Personen. Auf einer Straße bei Bakuba stoppten bewaffnete Männer das Auto des vormaligen irakischen Geheimdienstchefs Abdul Sattar al-Luheibi und erschossen ihn vor den Augen seines dreizehnjährigen Sohnes.

Fast surreal: Am Samstagnachmittag vertreiben sich als Gladiatoren verkleidete US-Soldaten mit Hilfe konfiszierter Pferde und Karren bei improvidierten "Ben Hur"-Spielen die Zeit bis zum Angriff
AP

Fast surreal: Am Samstagnachmittag vertreiben sich als Gladiatoren verkleidete US-Soldaten mit Hilfe konfiszierter Pferde und Karren bei improvidierten "Ben Hur"-Spielen die Zeit bis zum Angriff

Währendessen verschärft sich der Nervenkrieg um Falludscha. Die einflussreiche sunnitische Bruderschaft muslimischer Gelehrter sprach eine Fatwa aus, die Muslimen jegliche Kooperation mit den Amerikanern verbietet. Für den Fall einer Stürmung von Falludscha drohen sie mit einem Aufruf zum Generalstreik.

Rückendeckung bekommen sie aus wahabitischen Kreisen: In einem am Samstag auf einer Webseite veröffentlichten offenen Brief erklären 26 saudische Geistliche den bewaffneten Widerstand gegen US-Amerikaner und deren irakische Verbündete für legitim. Wörtlich heißt es in dem auf Freitag datierten Dokument: "Wir kämpfen einen heiligen Krieg, um die Angreifer zurück zu schlagen. Widerstand ist ein legitimes Recht. Kein Muslim darf einem Widerständler Schaden zufügen oder Informationen über ihn weitergeben. Stattdessen sollten die Männer des Widerstands unterstützt und beschützt werden."

Die US-Armee vermutet in Falludscha, dass seit April von den radikalen Predigern der muslimischen Bruderschaft kontrolliert wird, zwischen 1200 und 5000 aktive und bewaffnete Aufständische.



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