Terrorserie in Bombay Blutiges Inferno in der Rushhour

Die Explosionen ereigneten sich, als die Waggons am vollsten waren: Zur Hauptverkehrszeit detonierten in der indischen Finanzmetropole Bombay Sprengsätze in sieben Pendlerzügen. Über 160 Menschen wurden getötet, mehr als 400 verletzt.

Bombay - Die Anschläge in der Hauptverkehrszeit trafen Pendler im Zentrum von Bombay sowie in mehreren Vororten, sagte D.K. Shankaran, der für Sicherheitsfragen zuständige Minister des Bundesstaates Maharashtra. Viele Pendler flohen nach den Anschlägen in Panik aus den Bahnhöfen. "Die Explosion war so heftig, dass wir dachten, uns habe der Blitz getroffen", sagte Ladenbesitzer Gopi Chand an der Bahnstation Khar.

Auf Fernsehbildern waren chaotische Szenen zu sehen: Menschen in blutverschmierter Kleidung trugen Leichen fort, während Verletzte auf Tragen weggebracht wurden. Ein Augenzeuge sagte, nach dem Anschlag seien weder Polizisten noch Mitarbeiter der Eisenbahn zur Stelle gewesen, um zu helfen.

Benommene Opfer mit Kopf-, Hand- und Beinverletzungen irrten auf den Bahnhöfen umher. Der Feuerwehrchef der Stadt sagte, seine Leute hätten rund 60 Menschen an den Anschlagsorten gerettet. Einige Bahnwaggons waren durch die Detonation wie Blechbüchsen aufgerissen.

Über 160 Menschen seien getötet worden, sagte die Polizei. Der Regierungschef von Maharashtra, dessen Hauptstadt Bombay ist, bezifferte die Zahl der Verletzten auf mindestens 439. Fernsehsender riefen zu Blutspenden für die Verletzten auf.

Die Bombenleger wählten die Ziele mit grausamer Präzision: Mehr als sechs Millionen Pendler fahren täglich mit den Vorortzügen Bombays, die damit das weltweit meistgenutzte Nahverkehrsmittel in Großstädten sind. Wer hinter den Anschlägen steckt ist bislang unklar: Bekennerschreiben tauchten zunächst nicht auf. Indische Medien berichteten, die von Pakistan aus operierende muslimische Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba habe erklärt, sie sei nicht für die Anschlagserie verantwortlich. Lashkar-e-Toiba verübt immer wieder schwere Anschläge in Indien. Indische Kommentatoren zogen Parallelen zu den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn am 7. Juli vergangenen Jahres. Auch ein nicht-terroristischer Hintergrund kann zur Zeit nicht ausgeschlossen werden. In Bombay ist eine mächtige kriminelle Untergrundszene aktiv.

Bombays Polizeichef A.N. Roy machte eine "terroristische Gruppe" für die Anschläge verantwortlich. Die Polizei konzentriere sich aber zunächst darauf, die Verletzten zu retten. Heftige Monsunregenfälle erschwerten die Arbeiten der Einsatzkräfte, die von Anwohnern an der Bahnlinie unterstützt wurden. In Bombay, in der indischen Hauptstadt Neu Delhi und im restlichen Land wurden die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Der Ausfall im Berufsverkehr der betroffenen Bahnlinie in den Westen Bombays führte zu Chaos in der Stadt.

"Trauriger Tag für Indien"

Der indische Regierungschef Manmohan Singh rief die Bevölkerung von Bombay und Srinagar im indischen Teil Kaschmirs, wo ebenfalls Bomben explodiert waren, nach einem Krisentreffen mit Innenminister Shivraj Patil zur Ruhe auf. Die "Terroristen" würden mit ihren "teuflischen Plänen" keinen Erfolg haben, erklärte er.

Bombay war im vergangenen Jahrzehnt mehrfach von Bombenanschlägen erschüttert worden. 1993 starben mehr als 250 Menschen bei einer Anschlagsserie, für die die Behörden kriminelle Banden verantwortlich machten.

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf verurteilte die Anschläge von Bombay umgehend als Terrortaten. Bei Granatenexplosionen im indischen Teil Kaschmirs waren nach Polizeiangaben acht Menschen getötet und 39 weitere verletzt worden. Der indische Innenminister V.K. Duggal sprach vor einem Krisentreffen der Regierung in Neu Delhi von einem "traurigen Tag" für Indien.

Den indischen Sicherheitskräften zufolge hat die Gewalt im von Indien und Pakistan beanspruchten Kaschmir in diesem Sommer zugenommen, obwohl sich die Beziehungen zwischen den Ländern mittlerweile im Rahmen eines langen und langsamen Friedensprozesses verbessern. Indien wirft Pakistan weiterhin vor, bewaffnete Rebellen in den indischen Teil der Provinz zu schicken, in dem bei einem Aufstand gegen die indische Herrschaft seit 1989 mehr als 45.000 Menschen getötet wurden.

Keine Deutschen unter den Opfern

Nach ersten Einschätzungen des Auswärtigen Amtes in Berlin sind keine Deutschen unter den Opfern der Bombenanschläge in der westindischen Wirtschaftsmetropole Bombay. "Nach bisherigen Informationen sind keine deutschen Staatsangehörigen betroffen", sagte ein Ministeriumssprecher am Abend.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die Anschläge und schickte ein Kondolenzschreiben an Singh. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, die Verantwortlichen, die so viele unschuldige Zivilisten zum Ziel ihrer sinnlosen Gewalt gemacht haben, müssten schnellstmöglich ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden.

als/agö/dpa/AFP/Reuters/AP

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