Terrorserie in Bombay Indien jagt die Attentäter

Bombay unter Schock: Am Tag nach der verheerenden Anschlagsserie auf Pendlerzüge der indischen Wirtschaftsmetropole ist die Zahl der Toten auf 190 gestiegen. Während sich das Land im Alarmzustand befindet, läuft die Suche nach den Drahtziehern auf Hochtouren.

Bombay - Die schlimmen Befürchtungen bestätigen sich: Nach den Bombenanschlägen auf Nahverkehrszüge in der indischen Finanzmetropole Bombay steigt die Zahl der Opfer immer weiter. Am Morgen zählte die indische Polizei inzwischen 190 Tote, die Zahl der Verletzten gab sie mit 625 an.

Gestern Abend waren im Berufsverkehr sieben Sprengsätze in fünf voll besetzten Vorortzügen und auf zwei Bahnhöfen explodiert. Eine achte Bombe konnte entschärft werden. Es waren die schwersten Anschläge in Bombay seit 1993. Damals waren mehr als 270 Menschen bei einer Serie von Bombenanschlägen getötet worden.

Die Sprengsätze, die fast zeitgleich detonierten, zerfetzten die betroffenen Zugabteile völlig. In einem der überfüllten Krankenhäuser der Stadt berichtete ein Arzt, einige Verletzte hätten durch die Explosionen Gliedmaßen verloren. Die Menschen hätten viel Blut verloren. Fernsehbilder zeigten blutüberströmte Fahrgäste und Überlebende, die panisch mit Mobiltelefonen ihre Angehörigen anriefen.

Ministerpräsident Manmohan Singh machte Terroristen verantwortlich und berief eine Krisensitzung seines Kabinetts ein. Für Bombay, die indische Hauptstadt Neu-Delhi und andere große Städte wurde die höchste Alarmstufe ausgerufen. Die Suche nach den Hintermännern läuft auf Hochtouren.

Zunächst hatte sich niemand zu den Anschlägen bekannt. Das indische Innenministerium prüft, ob es einen Zusammenhang mit Anschlägen im indischen Teil Kaschmirs gibt, für die die Polizei die von Pakistan aus operierende muslimische Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba verantwortlich macht.

Muslimische Terrorgruppe weist Verantwortung von sich

In Anrufen bei indischen Medien dementierte ein angeblicher Sprecher von Lashkar-e-Toiba eine Beteiligung der Gruppe an den Anschlägen in Bombay. Sicherheitsexperten hielten das Dementi jedoch nicht für glaubwürdig. Lashkar-e-Toiba verübt immer wieder schwere Anschläge in Indien. Premierminister Singh versicherte, die Regierung werde alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um die Verantwortlichen zu bestrafen.

Singh rief nach dem Krisentreffen mit Innenminister Shivraj Patil und den Chefs der wichtigsten Sicherheitsbehörden die Bevölkerung von Bombay und Srinagar zur Ruhe auf. Die "Terroristen" würden mit ihren "teuflischen Plänen" keinen Erfolg haben, erklärte Singh. Seine Regierung werde alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

In Srinagar im indischen Teil Kaschmirs waren bei Granateneinschlägen gestern acht Touristen getötet und 35 weitere Menschen verletzt worden. Für alle Anschläge wurden islamistische Rebellen verantwortlich gemacht, die in Kaschmir für die Unabhängigkeit von Indien kämpfen. Bereits bei früheren Anschlägen hatte die indische Regierung Moslem-Fundamentalisten aus der umstrittenen Kaschmir-Region als Urheber bezeichnet.

Sicherheitsvorkehrungen verschärft

Neben Bombay und der Hauptstadt Neu Delhi wurde der Alarmzustand in Kaschmir, in Punjab und im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh ausgerufen. An den Flughäfen von Bombay, Neu Delhi, Bangalore und Kalkutta bezogen paramilitärische Einheiten Position. Die zivile Luftfahrtbehörde kündigte verstärkte Kontrollen an. Flüge seien von den verstärkten Sicherheitsvorkehrungen jedoch nicht betroffen, hieß es. In Neu Delhi errichtete die Polizei Sperren und durchsuchte Hotels und Gästehäuser.

Zahlreiche Regierungen und Staatschefs verurteilten die Anschlagsserie, darunter auch der Nachbar Pakistan, mit dem Indien um die Kaschmir-Region streitet. Pakistans Außenminister Kurshid Kasuri sprach von einem "verachtenswürdigen terroristischen Akt".

US-Präsident George W. Bush erklärte, derartige Taten stärkten "die Entschlossenheit der internationalen Gemeinschaft, vereint gegen den Terrorismus zu kämpfen und einhellig zu erklären, dass es keine Rechtfertigung für die Ermordung unschuldiger Menschen gibt". Der britische Premierminister Tony Blair verurteilte die "brutalen und beschämenden Attentate". "Wir stehen vereint mit Indien, der größten Demokratie der Welt", mit der wir unsere Werte teilen und unsere Entschlossenheit, den Terrorismus in all seinen Formen zu bekämpfen", sagte Blair.

Keine Deutschen unter den Opfern

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die Anschläge und schickte ein Kondolenzschreiben an Singh. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, die Verantwortlichen, die so viele unschuldige Zivilisten zum Ziel ihrer sinnlosen Gewalt gemacht haben, müssten schnellstmöglich ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden.

Nach ersten Einschätzungen des Auswärtigen Amtes in Berlin sind keine Deutschen unter den Opfern der Bombenanschläge in der westindischen Wirtschaftsmetropole Bombay. "Nach bisherigen Informationen sind keine deutschen Staatsangehörigen betroffen", sagte ein Ministeriumssprecher am Abend.

phw/AP/AFP/dpa/Reuters