Terrorserie in Mumbai Die Pakistan-Connection

Etliche Indizien sprechen dafür, dass pakistanische Islamisten die Terrorserie in Mumbai steuerten. Und der indische Geheimdienst verschlief die Gefahr. Jetzt droht Indien dem Nachbarland - die eigenen Fehler werden nicht analysiert.

Aus Neu-Delhi berichtet


Neu-Delhi/Berlin - Pakistans Präsident Asif Ali Zardari versuchte sich am Dienstagabend so klar wie möglich auszudrücken. Zu Gast beim CNN-Talker Larry King benutzte der pakistanische Spitzenpolitiker viele Worte um eines zu sagen: "Pakistan ist nicht verantwortlich für den Terror von Mumbai." Und: Sein Land sei ebenfalls "Opfer des Terrors".

Die Aussagen illustrieren den wachsenden Druck auf Pakistan: Das Land steht wieder einmal als Ausgangspunkt für einen verheerenden Terroranschlag am Pranger. Zardari und seiner Regierung wird vorgeworfen, nichts gegen die Umtriebe der Terroristen im eigenen Land zu tun. Zardari konterte dies mit der Aussage, die möglichen Mumbai-Attentäter seien staatenlose Kriminelle.

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Interaktiv: Wie der Terror über Mumbai kam - und Anschläge in Indien seit 2005...
Einen eindeutigen Beweis wird es vermutlich nie geben, dass die pakistanische Terrororganisation Lashkar-i-Toiba, die "Armee der Reinen", hinter den Anschlägen steckt. Indizien sprechen jedoch für die Verwicklung der Gruppe - und die angebliche Aussage des verhafteten Terroristen Ajman Amir Kasav, der über das Training durch einen Tschetschenen, den Hintermann der Anschläge, berichtet haben soll. Hinzu kommen laut indischen Zeitungsberichten die Art des verwendeten Sprengstoffs sowie vom indischen Geheimdienst aufgezeichnete Gespräche von Terroristen via Satellitentelefon. Indiens Regierung ist überzeugt, dass diese Gruppe den Terror zu verantworten hat. Von Karatschi aus sollen die Täter über das Meer nach Mumbai gekommen sein.

Geheimdienst hörte verdächtige Telefonate ab

Den Ermittlern zufolge benutzten die Mumbai-Terroristen den gleichen Sprengstoff wie jene Attentäter, die im Dezember 2001 das Parlament in Neu-Delhi angriffen. Die Granaten seien von der Firma "Pakistan Ordnance Factories" in der Stadt Wah im Norden des Punjab hergestellt worden, der größten Waffenfabrik in der ganzen Region, schreibt der "Indian Express" unter Berufung auf Sicherheitskreise. Waffen dieser Art sind jedoch überall sehr leicht zu beschaffen.

Für die indischen Behörden sind vor allem die vielen Telefongespräche ein Beweis. In einem vom indischen Geheimdienst RAW (Research and Analysis Wing) am 18. September abgehörten Telefonat sprach laut Presseberichten ein Lashkar-Mitglied mit einer unbekannten Person über eine geplante "Operation, die auf ein Hotel am Gateway of India zielt". Das Hotel "Taj Mahal" steht nur wenige Meter von dem steinernen Torbogen entfernt.

In einem weiteren Gespräch vom 24. September nannte ein Anrufer mehrere Hotelnamen, darunter das "Taj Mahal". Am 19. November schnappten die RAW-Leute ein drittes Gespräch auf: "Wir werden Mumbai zwischen 21 und 23 Uhr erreichen", hieß es da, ein Datum wurde nicht genannt. In einem vierten Telefonat am 26. November, am Tag des Terrorbeginns, hieß es, man benötige noch "fünf Sim-Karten" für Mobiltelefone.

Als Hintermann der Attacken haben die Inder mittlerweile laut indischen und US-Berichten einen der Anführer von Lashkar-i-Toiba ausgemacht: Yusuf Muzammil. Die Angreifer sollen direkt mit ihm telefoniert haben. Auch der festgenommene Kasav soll Muzammil schwer belastet haben, heißt es. Der Mann, er soll die rechte Hand des Lashkar-Chefs Lakhivi sein, wird in Pakistan vermutet.

Angesichts dieser Indizien fordert die indische Regierung von Pakistan deutliche Schritte "gegen die kriminellen Elemente im eigenen Land". Andernfalls, droht Neu-Delhi, werde man selbst "angemessen reagieren". Als eine Art Ultimatum übergab Indien eine Liste von 20 weithin bekannten Terrorverdächtigen, die Pakistan nun ausliefern soll.

Horrorszenario der nuklearen Eskalation

Was die "angemessenen Schritte" sein könnten, sagen indische Politiker bislang nur hinter vorgehaltener Hand. Auch ein Militärschlag gegen Lashkar-Terroristen auf pakistanischem Gebiet wird in Erwägung gezogen, sollte Pakistan nicht selbst energisch gegen die Organisation vorgehen. Dem Vernehmen nach könnte dazu die indische Luftwaffe eingesetzt werden, möglich seien auch Raketenangriffe.

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Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001
"Jedes souveräne Land hat ein Recht, seine territoriale Integrität zu schützen und zu angemessenen Mitteln zu greifen, wenn es erforderlich ist", betonte Indiens Außenminister Pranab Mukherjee. Ob und wann es zu einer militärischen Lösung kommen könne, "werde die Zeit zeigen", "niemand veröffentlicht vorab militärische Pläne". Mit einer Großaktion ist allerdings nichts zu rechnen, zu groß wäre die Gefahr einer Eskalation.

Indiens Regierungskoalition, unter Führung der Kongress-Partei, steht unter Druck: Im Frühjahr 2009 sind Wahlen. Die Partei von Premierminister Singh hatte bislang gute Aussichten, wiedergewählt zu werden, nach den Anschlägen verändert sich die Stimmung. Plötzlich wittert die größte Oppositionspartei, die hinduistisch geprägte BJP, die Chance, die Macht zurückzuerobern.

Führende BJP-Politiker werfen der Regierung vor, im Kampf gegen den Terrorismus im Land versagt zu haben - und jetzt gegenüber Pakistan zu moderat zu reagieren. Die indische Presse sieht in den Drohungen ein Ablenken vom eigenen Versagen. Die Anschläge in Mumbai hätten frühzeitig gestoppt oder sogar verhindert werden können, hätte die Regierung die Hinweise des Geheimdienstes RAW zur Kenntnis genommen, lautet das Urteil über die Sicherheitskräfte.

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