Terrorserie in Mumbai Die Pakistan-Connection

Etliche Indizien sprechen dafür, dass pakistanische Islamisten die Terrorserie in Mumbai steuerten. Und der indische Geheimdienst verschlief die Gefahr. Jetzt droht Indien dem Nachbarland - die eigenen Fehler werden nicht analysiert.

Neu-Delhi/Berlin - Pakistans Präsident Asif Ali Zardari versuchte sich am Dienstagabend so klar wie möglich auszudrücken. Zu Gast beim CNN-Talker Larry King benutzte der pakistanische Spitzenpolitiker viele Worte um eines zu sagen: "Pakistan ist nicht verantwortlich für den Terror von Mumbai." Und: Sein Land sei ebenfalls "Opfer des Terrors".

Die Aussagen illustrieren den wachsenden Druck auf Pakistan: Das Land steht wieder einmal als Ausgangspunkt für einen verheerenden Terroranschlag am Pranger. Zardari und seiner Regierung wird vorgeworfen, nichts gegen die Umtriebe der Terroristen im eigenen Land zu tun. Zardari konterte dies mit der Aussage, die möglichen Mumbai-Attentäter seien staatenlose Kriminelle.

Einen eindeutigen Beweis wird es vermutlich nie geben, dass die pakistanische Terrororganisation Lashkar-i-Toiba, die "Armee der Reinen", hinter den Anschlägen steckt. Indizien sprechen jedoch für die Verwicklung der Gruppe - und die angebliche Aussage des verhafteten Terroristen Ajman Amir Kasav, der über das Training durch einen Tschetschenen, den Hintermann der Anschläge, berichtet haben soll. Hinzu kommen laut indischen Zeitungsberichten die Art des verwendeten Sprengstoffs sowie vom indischen Geheimdienst aufgezeichnete Gespräche von Terroristen via Satellitentelefon. Indiens Regierung ist überzeugt, dass diese Gruppe den Terror zu verantworten hat. Von Karatschi aus sollen die Täter über das Meer nach Mumbai gekommen sein.

Geheimdienst hörte verdächtige Telefonate ab

Den Ermittlern zufolge benutzten die Mumbai-Terroristen den gleichen Sprengstoff wie jene Attentäter, die im Dezember 2001 das Parlament in Neu-Delhi angriffen. Die Granaten seien von der Firma "Pakistan Ordnance Factories" in der Stadt Wah im Norden des Punjab hergestellt worden, der größten Waffenfabrik in der ganzen Region, schreibt der "Indian Express" unter Berufung auf Sicherheitskreise. Waffen dieser Art sind jedoch überall sehr leicht zu beschaffen.

Für die indischen Behörden sind vor allem die vielen Telefongespräche ein Beweis. In einem vom indischen Geheimdienst RAW (Research and Analysis Wing) am 18. September abgehörten Telefonat sprach laut Presseberichten ein Lashkar-Mitglied mit einer unbekannten Person über eine geplante "Operation, die auf ein Hotel am Gateway of India zielt". Das Hotel "Taj Mahal" steht nur wenige Meter von dem steinernen Torbogen entfernt.

In einem weiteren Gespräch vom 24. September nannte ein Anrufer mehrere Hotelnamen, darunter das "Taj Mahal". Am 19. November schnappten die RAW-Leute ein drittes Gespräch auf: "Wir werden Mumbai zwischen 21 und 23 Uhr erreichen", hieß es da, ein Datum wurde nicht genannt. In einem vierten Telefonat am 26. November, am Tag des Terrorbeginns, hieß es, man benötige noch "fünf Sim-Karten" für Mobiltelefone.

Als Hintermann der Attacken haben die Inder mittlerweile laut indischen und US-Berichten einen der Anführer von Lashkar-i-Toiba ausgemacht: Yusuf Muzammil. Die Angreifer sollen direkt mit ihm telefoniert haben. Auch der festgenommene Kasav soll Muzammil schwer belastet haben, heißt es. Der Mann, er soll die rechte Hand des Lashkar-Chefs Lakhivi sein, wird in Pakistan vermutet.

Angesichts dieser Indizien fordert die indische Regierung von Pakistan deutliche Schritte "gegen die kriminellen Elemente im eigenen Land". Andernfalls, droht Neu-Delhi, werde man selbst "angemessen reagieren". Als eine Art Ultimatum übergab Indien eine Liste von 20 weithin bekannten Terrorverdächtigen, die Pakistan nun ausliefern soll.

Horrorszenario der nuklearen Eskalation

Was die "angemessenen Schritte" sein könnten, sagen indische Politiker bislang nur hinter vorgehaltener Hand. Auch ein Militärschlag gegen Lashkar-Terroristen auf pakistanischem Gebiet wird in Erwägung gezogen, sollte Pakistan nicht selbst energisch gegen die Organisation vorgehen. Dem Vernehmen nach könnte dazu die indische Luftwaffe eingesetzt werden, möglich seien auch Raketenangriffe.

"Jedes souveräne Land hat ein Recht, seine territoriale Integrität zu schützen und zu angemessenen Mitteln zu greifen, wenn es erforderlich ist", betonte Indiens Außenminister Pranab Mukherjee. Ob und wann es zu einer militärischen Lösung kommen könne, "werde die Zeit zeigen", "niemand veröffentlicht vorab militärische Pläne". Mit einer Großaktion ist allerdings nichts zu rechnen, zu groß wäre die Gefahr einer Eskalation.

Indiens Regierungskoalition, unter Führung der Kongress-Partei, steht unter Druck: Im Frühjahr 2009 sind Wahlen. Die Partei von Premierminister Singh hatte bislang gute Aussichten, wiedergewählt zu werden, nach den Anschlägen verändert sich die Stimmung. Plötzlich wittert die größte Oppositionspartei, die hinduistisch geprägte BJP, die Chance, die Macht zurückzuerobern.

Führende BJP-Politiker werfen der Regierung vor, im Kampf gegen den Terrorismus im Land versagt zu haben - und jetzt gegenüber Pakistan zu moderat zu reagieren. Die indische Presse sieht in den Drohungen ein Ablenken vom eigenen Versagen. Die Anschläge in Mumbai hätten frühzeitig gestoppt oder sogar verhindert werden können, hätte die Regierung die Hinweise des Geheimdienstes RAW zur Kenntnis genommen, lautet das Urteil über die Sicherheitskräfte.

Indien droht Pakistan, die USA wollen die Wogen glätten

Fest steht: Die Behörden haben einiges verschlafen. Selbst die Leibgarde von Premierminister Singh sei nicht über einen möglichen Angriff informiert worden, obwohl Singh am 29. November zu Gesprächen nach Mumbai reisen und dort im Hotel "Oberoi" unterkommen sollte, schreibt die "Hindustan Times". Auch mehrere Hinweise von US-Geheimdiensten über einen möglichen Angriff auf Mumbai von See aus seien ignoriert worden.

Palaniappan Chidambaram, bis Ende vergangener Woche Finanzminister und nun Nachfolger im Amt des zurückgetretenen Innenministers Shivraj Patil, sagte, er wolle zunächst in Erfahrung bringen, weshalb unterschiedliche Sicherheitsbehörden unabhängig voneinander arbeiteten. Chidambaram, heißt es aus dem Innenministerium, wolle dafür sorgen, dass Geheimdienst, Marine, Küstenwache und Polizei künftig besser zusammenarbeiteten und Informationen austauschten.

Das Sondereinsatzkommando National Security Guards (NSG), mit 200 Mann an der Befreiung der Hotels "Oberoi" und "Taj Mahal" in Mumbai beteiligt, solle verstärkt werden. Das späte Eintreffen der NSG-Kräfte aus Neu-Delhi in Mumbai - acht Stunden nach Beginn der Attacken - sorgte für öffentliche Empörung. Indische Zeitungen kritisieren aber auch die schlechte Ausbildung der Polizei, eine mangelhafte Ausrüstung und eine unzureichende Bezahlung.

Aber auch aus Kreisen der indischen Armee ist zu hören, Indien müsse sein "sanftes Image" ablegen und Härte zeigen. "Es geht uns nicht darum, Pakistan anzugreifen, sondern gezielte Schläge auf Camps von Terroristen zu landen", sagt ein ranghoher Offizier SPIEGEL ONLINE. "Die Regierung sollte sich alle Optionen offen halten", zitiert die Zeitung "MetroNow" in Neu-Delhi einen pensionierten General. Auch wenn er keine konkreten Ziele nannte, forderte er, man solle "vorbereitet" sein.

Bei der Uno in New York lobbyiert Indien bereits für eine Resolution, die Angriffe auf Terrorlager in Pakistan legalisieren soll. Gleichzeitig soll das indische Verteidigungsministerium sich in den USA um ferngelenkte Drohnen bemühen, mit denen die US-Truppen seit Wochen Terrornester in Pakistan angreifen.

Wieder Alarmstimmung in Indien

Die wüsten Drohungen haben mittlerweile die USA auf den Plan gerufen. Kaschmir ist seit der Teilung des südasiatischen Subkontinents 1947 in Indien und Pakistan ein Streitpunkt, zwei Kriege haben die beiden Länder schon geführt. Angriffe Indiens auf Lashkar-Stellungen im pakistanischen Teil wären daher extrem gefährlich. Am Dienstagabend drängten die US-Senatoren John McCain und Joe Lieberman die indische Regierung, auf einen Militäreinsatz zu verzichten.

Am Mittwoch besucht US-Außenministerin Condoleezza Rice Neu-Delhi für einen Tag. Beobachter rechnen damit, dass sie die Indien auffordern wird, auf militärische Aktionen gegen Terroristen auf pakistanischem Gebiet zu verzichten. Die USA brauchen Indien als Markt und Pakistan als strategischen Partner im Krieg gegen Terroristen, vor allem im Grenzgebiet zu Afghanistan. Der künftige US-Präsident Barack Obama hat bereits eine aktivere Rolle Pakistans gefordert.

Die Linie aus Washington gab der alte und neue US-Verteidigungsminister Robert Gates vor: "Es ist wichtig, jetzt ruhig zu bleiben auf beiden Seiten. Aber es ist auch wichtig herauszufinden, wer verantwortlich war."

Die indischen Sicherheitskräfte sind wieder in Alarmbereitschaft, die Kontrollen an den Flughäfen wurden verschärft. Am 6. Dezember 1992 wurde die Babri-Moschee in Ayodhya von Hindu-Nationalisten zerstört. "Um den 6. Dezember herum rechnen wir immer mit Racheaktionen von Muslimen", sagt ein Polizeisprecher in Neu-Delhi. Das, betont er, sei aber nicht nur in diesem Jahr, sondern in jedem Jahr so.

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