Terrorwarnung in USA Geheimdienstler sprechen von alten Informationen

Terroralarm in den USA. Doch wie aktuell sind die Informationen über mögliche al-Qaida-Anschläge gegen Finanzzentren wirklich? Nach US-Presseberichten handelt es sich bei den "detaillierten" Terrorplänen, die jetzt gefunden wurden, um drei bis vier Jahre altes Material - erstellt also noch vor dem 11. September 2001, wie eine Regierungsberaterin einräumt.




Alarmstufe Orange: Die aktuellen Sicherheitsmaßnahmen sollen auf jahrealten Informationen beruhen
DPA

Alarmstufe Orange: Die aktuellen Sicherheitsmaßnahmen sollen auf jahrealten Informationen beruhen

Washington - Zehntausend Menschen gelangten gestern in New York, Washington und Newark nur nach zeitaufwendiger Prüfung zu ihren Arbeitsstätten. Lastwagen durften nicht mehr in den New Yorker Stadtteil Manhattan einfahren. In Newark wurden Metallzäune um das Hochhaus der Prudential errichtet, in Washington wurden Mannschaften mit Spürhunden um den Sitz von Weltbank und IWF postiert. Sämtliche Sicherheitsmaßnahmen sind seit Sonntag in Kraft, als Heimatschutzminister Tom Ridge ("das ist nicht das übliche Geschwätz") mitteilte, al-Qaida plane Autobombenanschläge auf die symbolträchtigen Finanzzentren.

Alle Medien in den USA stiegen auf das neue Horrorszenario ein und warnten eindringlich vor der neuen, potenziellen Terroristenattacke. Die Quelle schien zu gut: Die Pläne sollen sich auf einem Computer aus dem Umfeld des vergangene Woche in Pakistan verhafteten, mutmaßlichen Qaida-Mitglieds Ahmed Khalfan Ghailani aus Tansania befunden haben.

Doch nun stellt sich die Situation etwas anders dar - und sie wirft ein bedeutend anderes Licht auf den Heimatschutzminister: Die Hochsetzung der US-Alarmstufe von Gelb auf Orange soll überwiegend auf Informationen zurückgehen, die noch vor dem 11. September 2001 von den potenziellen Terroristen gesammelt wurden, berichten heute übereinstimmend die "New York Times" und die "Washington Post". Die "Washington Post" will mehr als ein halbes Dutzend Mitarbeiter der Geheimdienste und Ermittlungsbehörden befragt haben. Ergebnis: Niemand kann sich die aktuellen massiven Sicherheitsmaßnahmen erklären.

"Nichts, was wir bisher gehört haben, ist neu", zitiert die "Washington Post" einen hochrangigen Ermittlungsbeamten, der anonym bleibt. "Warum wir auf diese Stufe des Alarms gegangen sind?", nimmt der Beamte die Frage der Journalisten auf, um in entwaffnender Offenheit zu antworten: "Ich weiß es nicht."

Den Vorwurf, dass die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen lediglich auf alte Informationen beruhen, wird durch die Beraterin des Weißen Hauses für den Heimatschutz, Frances Fragos Townsend, indirekt bestätigt: Die Informationen seien zwar in den Jahren 2000 und 2001 von Qaida gesammelt worden. Aber sie seien von den Terroristen erst im Januar aktualisiert worden.

Doch nur eine Information soll nach Angaben weiterer, ungenannter Regierungsmitarbeiter tatsächlich aktuelleren Datums sein. Die nicht näher dargestellte Notiz soll nach Informationen der Tageszeitungen aus dem "Update" eines Computers vom Januar dieses Jahres stammen. Allerdings wollte sich niemand von den Offiziellen über den Inhalt äußern. Unklar ist auch, ob die Qaida die besagte Information ausgespäht hat oder ob sie lediglich aus öffentlich zugänglichen Quellen stammt.

Trotz der Erkenntnisse über die Datierung der Informationen geben die befragten Ermittler und Geheimdienstleute keinesfalls Entwarnung: Vielmehr hätten die US-Behörden erkannt, sagen die Befragten, dass al-Qaida Informationen über potenzielle Anschlagziele "sammelt und sammelt". Eben so lange, bis sie für ihre Ziele ausreichen würden.



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