Terrorzelle in Kairo Wie die Hisbollah Anschläge in Ägypten plante

Hisbollah-Kämpfer sollen von Ägypten aus Anschläge auf israelische Urlauber geplant haben. Dutzende Verdächtige wurden festgenommen. Der Fall ist eine Blamage für den ägyptischen Geheimdienst - und beweist, wie weit der iranische Einfluss reicht.

Von , Beirut


Eine kleine Armee war bereits im Land: mehr als 60 Kämpfer, unter ihnen Waffenexperten, Überwachungs-Spezialisten, Bombenbauer. Doch dann hat die ägyptische Polizei die Terrorzelle der libanesischen Hisbollah lokalisiert und in Teilen ausgehoben. 13 Mitglieder der Terrortruppe sind flüchtig und werden von der ägyptischen Armee gejagt. Sie sollen sich seit Montag in einer Stadt auf der Halbinsel Sinai verschanzt haben und sich dort Feuergefechte mit Polizei und Armee liefern.

49 weitere Verdächtige seien bereits im Dezember verhaftet worden, hieß es am Wochenende in Kairo. Gegen neun von ihnen sei nun Anklage wegen Spionage und Waffenschmuggels erhoben worden.

Hisbollah-Chef Nasrallah im libanesischen Manar TV: Erklärungen zur geplanten Terrorzelle in Ägypten
AFP

Hisbollah-Chef Nasrallah im libanesischen Manar TV: Erklärungen zur geplanten Terrorzelle in Ägypten

Die Kämpfer, angeblich allesamt Mitglieder der libanesischen Schiiten-Miliz, hätten in Ägypten drei Anschläge gegen israelische Touristen geplant, berichtete die ägyptische Zeitung "Al-Ahram" unter Berufung auf die Protokolle der Verhöre mit dem angeblichen Chef der Zelle. Der Libanese Sami Schihab habe ausgesagt, die Anschläge hätten zeitgleich stattfinden und Racheakte für Imad Mugnijeh sein sollen. Mugnijeh, militärischer Kopf der Hisbollah, war vor über einem Jahr bei einem Anschlag in Damaskus ums Leben gekommen. Die Hisbollah bezichtigt Israel, ihn getötet zu haben und hat Vergeltung geschworen.

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat inzwischen zugegeben, dass es sich zumindest bei einem der Verhafteten um einen Abgesandten seiner Miliz handelt. Man habe eine Zelle aufbauen wollen, die Waffen zur Hamas im abgeriegelten Gaza-Streifen schmuggeln soll. Aktionen innerhalb Ägyptens seien jedoch nicht geplant gewesen.

Der Vorfälle sind in vielerlei Hinsicht Aufsehen erregend: Zum einen schüren die Hisbollah-Aktivitäten am Nil den Konflikt Ägyptens mit Iran, als dessen Befehlsempfänger die "Partei Gottes" gilt. Kairo sieht den wachsenden Machtanspruch Teherans mit Sorge. Es fürchtet, dass Iran Ägypten seine Vormachtstellung im Nahen Osten streitig machen will.

Der Konflikt zwischen beiden Ländern ist in den vergangenen Monaten eskaliert - wobei die Hisbollah dabei immer wieder als Stellvertreter herhielt. So beschuldigte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah Ägypten während des Gaza-Krieges zum Jahreswechsel, gemeinsame Sache mit Israel zu machen - ein Statement ganz im Sinne Teherans. Vergangene Woche schlug Kairo zurück, als es per Staatspresse Nasrallah als Parteigänger Irans und "Affen-Scheich" beschimpfte. Unlängst war Ägyptens Präsident Husni Mubarak dem jährlich stattfindenden arabischen Gipfel ferngeblieben, nachdem das Gastgeberland Katar auch Irans Staatschef eingeladen hatte.

Sogar der Suez-Kanal war im Visier der Hisbollah

Monatelang sollen die aus dem Libanon, Palästina und Sudan stammenden Militanten in Ägypten aktiv gewesen sein. Sie sollen bei Israelis beliebten Badeorte ausgekundschaftet und im Sinai-Städtchen al-Arisch Autobomben und Sprengstoff-Gürtel für Selbstmordattentate hergestellt haben. Auch sollen die Männer den Suez-Kanal observiert haben: So berichtet es "al-Ahram" unter Berufung auf den in Haft sitzenden Chef der Operation.

Sollte auch nur ein Teil dessen stimmen, so ist das ein Schlag ins Gesicht für die ägyptischen Sicherheitskräfte. Denn der jetzige Erfolg kann dann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es den Extremisten trotz eines riesigen und als rücksichtslos geltenden Sicherheitsapparats möglich war, lange Zeit im Verborgenen zu agieren. Für Kairo, das einheimische islamische Gruppen als die größte Bedrohung für die innere Sicherheit ansieht, wäre eine solche Sicherheitslücke ein enormes Problem.

Ob verspätet oder nicht: Die ägyptische Polizei hat einen Beweis erbracht, dass die libanesische Hisbollah Geheimoperationen in einem anderen arabischen Land unternimmt. Zuvor war das immer bestritten worden. Die Vorgänge am Nil werfen deshalb ein seltenes Schlaglicht auf die Neuorientierung der Hisbollah, die sich derzeit unter der Patenschaft des Iran von der lokalen Miliz zum regionalen Machtfaktor entwickelt. Sollte sich bewahrheiten, dass die Hisbollah versucht habe, Ableger in Ägypten zu gründen, bestünde die große Gefahr, dass die Golf-Region als nächstes dran sei, sagte Abdel-Monem Said vom al-Ahram Zentrum für Strategische Studien in Kairo der Nachrichtenagentur Reuters.

Die neuen Ambitionen der Hisbollah

Bislang definierte sich die Schiiten-Miliz als allein libanesische Organisation, die sich dem Kampf gegen Israel widme. Vor allem andersgläubige Libanesen sollten so beruhigt werden, dass die iranisch finanzierte Gruppe keine weitergehenden Machtansprüche hege. Ein erstes Indiz dafür, dass die wahren Ziele der Miliz andere sind, war der Kampf um die Vorherrschaft in Beirut im vergangenen Mai. Dabei ging die Hisbollah mit Waffengewalt gegen die eigenen Landsleute ein - und setzte so politische Ziele im Sinne Irans durch.

Dass die "Partei Gottes" nun in Ägypten aktiv geworden ist, zeige, wie weit der Arm des Iran im Nahen Osten inzwischen reiche, sagten israelische Experten am Dienstag. "Seit Jahren versucht Iran mit sehr viel Geld in arabischen Ländern ideologisch-religiöse Infrastrukturen aufzubauen, die helfen sollen, die dortigen sunnitischen Regime zu stürzen", sagt Mosche Marzouk vom Internationalen Institut für Anti-Terror-Kampf im israelischen Herzlia der Zeitung "Yedioth Achronoth".

Ephraim Kam vom Institut für Sicherheitsstudien sagte, Israel, Ägypten und andere arabische Staaten hätten mit Iran, der Hisbollah und der Hamas drei gemeinsame Feinde. Irans Versuche, das ägyptische Regime zu untergraben, sei eins der schwerwiegendsten Probleme Kairos, sagte Kam der "Yedioth Achronoth".

Israel hat angesichts der 13 noch von der ägyptischen Polizei gesuchten Militanten seine Armee entlang der 200 Kilometer langen Sinai-Grenze in Alarmbereitschaft versetzt. Die Jerusalemer Sicherheitsbehörden fürchten, dass die gesuchten Hisbollah-Männer Anschläge an der Grenze verüben oder versuchen könnten, nach Israel einzudringen.

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