Taiwan Göttlicher Kandidat

Der Milliardär Terry Gou will Präsident von Taiwan werden. Zugutekommen dürfte dem Geschäftsmann eine besondere Beziehung zu Donald Trump. Am meisten von dem kühnen Plan profitieren könnte jedoch Taiwans Rivale China.

Was hat Terry Gou mit Taiwan vor? Der 68-jährige Geschäftsmann mit besten Verbindungen in die USA will Präsident des Inselstaats werden.
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Was hat Terry Gou mit Taiwan vor? Der 68-jährige Geschäftsmann mit besten Verbindungen in die USA will Präsident des Inselstaats werden.

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Donald Trump hat ihn mehrfach im Weißen Haus empfangen und als "einen der großen Unternehmer unserer Zeit" gepriesen. Der chinesische Premier Li Keqiang besuchte ihn in einer seiner riesigen Fabriken und lobte ihn für die vielen Arbeitsplätze, die er geschaffen habe. Die daoistische Meeresgöttin Mazu ist ihm sogar im Traum erschienen: "Sie sagte mir, ich solle mehr für das Volk von Taiwan tun und den Frieden an der Taiwanstraße unterstützen."

So jedenfalls begründet der Milliardär Terry Gou, 68, die Entscheidung, die er am Mittwoch bekannt gab. Er will sich um eine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr bewerben und Staatschefin Tsai Ing-wen ablösen. Ein Job, der politisches Geschick voraussetzt: Peking betrachtet die eigenständige Inselrepublik Taiwan als abtrünnige Provinz und will sie mit China vereinigen, notfalls militärisch. Washington unterhält, wie die meisten Staaten der Welt, keine diplomatischen Beziehungen zu Taipeh, sieht sich aber als Taiwans Schutzmacht und rüstet dessen Streitkräfte aus.

Vom Elektronikriesen Foxconn in die große Politik

Gou ist bislang nur als hartgesottener Geschäftsmann in Erscheinung getreten. Mitte der Siebzigerjahre gründete er ein Start-up, das mittlerweile zum größten Elektronikfertiger der Welt angewachsen ist und Schätzungen zufolge 1,2 Millionen Menschen beschäftigt. Die Firma, zu deren Kunden IBM, HP und Apple zählen, ist im Westen unter dem Namen Foxconn bekannt und für ihre fragwürdigen Arbeitsbedingungen berüchtigt.

Gou gehört zur ersten Generation taiwanischer Unternehmer, die auf dem Festland investierten und für Chinas wirtschaftlichen Aufstieg eine zentrale Rolle spielten. Foxconn baute 1988 seine erste Fabrik in der heutigen Hightech-Stadt Shenzhen. Damals regierte noch Maos Nachfolger, der Reformpolitiker Deng Xiaoping, die Volksrepublik China.

Entsprechend weit und tief reichen Gous Verbindungen in Peking. Er will daheim für die Nationale Volkspartei (Kuomintang) antreten, die Partei, der Maos Gegenspieler Chiang Kai-shek angehörte. Als dessen Truppen im chinesischen Bürgerkrieg unterlagen, floh Chiang mit seinen Anhängern 1949 auf die Insel Taiwan und rief dort die "Republik China" aus, den antikommunistischen Gegenentwurf zu Maos Volksrepublik.

Heute tritt die einst pekingkritische Kuomintang für eine Annäherung zwischen Taiwan und der Volksrepublik ein - im Gegensatz zur Demokratischen Fortschrittspartei der Präsidentin Tsai Ing-wen.

Unter Chinas Druck auf Taiwan leidet auch die Wirtschaft des Inselstaats

Tsai sträubt sich gegen die wachsende Übermacht Pekings, deshalb gewann ihre Partei 2016 die Wahl gegen die Kuomintang: Zwei Jahre zuvor hatten Studenten aus Protest gegen die als immer drückender empfundene wirtschaftliche Umarmung durch China das Parlament in Taipeh besetzt.

Chinas Führung erhöht den Druck auf Taipeh und treibt die Inselrepublik in die Isolation. Peking drängt Taiwan aus internationalen Organisationen und zieht ein Land nach dem anderen mit aller Macht auf seine Seite, zuletzt Panama, die Dominikanische Republik und El Salvador. Derzeit unterhalten nur noch 17 Staaten diplomatische Beziehungen zu Taiwan.

Anfang des Jahres bekräftigte Chinas Staatschef Xi Jinping in einer Grundsatzrede seinen Willen, das Festland und Taiwan zu vereinigen. Xi nannte kein konkretes Datum, doch in Peking wird bereits über einen Zeitpunkt in zehn oder 15 Jahren spekuliert. Zum ersten Mal seit 2011 drangen Ende März chinesische Kampfflugzeuge in taiwanischen Luftraum ein.

Unter dem politischen Druck leidet zunehmend auch die Wirtschaft des einstigen Tigerstaats Taiwan. Das Wachstum sinkt, die Arbeitslosigkeit stieg zuletzt, Zehntausende wandern ab, unter anderem, um auf dem Festland Jobs zu finden. Resignation macht sich breit.

Aus dieser Stimmung, behauptet Terry Gou, wolle er Taiwan befreien. Bevor er seine Kandidatur bekannt gab, besuchte er den Tempel der Meeresgöttin in Neu-Taipeh. "Frieden, Stabilität, die Wirtschaft und die Zukunft" lägen ihm am Herzen, sagte er. Konkreter wurde er nicht.

Beste Beziehungen zu Donald Trump

Doch um Präsident zu werden, müsste Gou mindestens zwei Hürden nehmen: Zuerst muss er sich als Kandidat in seiner Partei durchsetzen - und dann viele junge Taiwaner überzeugen, dass ihm die Eigenständigkeit der Insel und nicht deren Ausverkauf an Peking am Herzen liegt.

Vor allem Letzteres ist zweifelhaft. Ausgeschlossen ist es nicht. Helfen könnte Gou sein gutes Verhältnis zu Donald Trump, das er einer geplanten Zehn-Milliarden-Dollar-Investition im US-Bundesstaat Wisconsin verdankt. Das Projekt, vor knapp zwei Jahren verabredet, schien zwischenzeitlich infrage zu stehen, doch Anfang Februar telefonierten Trump und Gou - nun soll die Fabrik gebaut werden. "Großartige Nachricht!", twitterte Trump nach dem Gespräch.

So einfach wird Gou die Taiwaner nicht für sich gewinnen können. Am Tag nach der Ankündigung seiner Kandidatur erschütterte ein Erdbeben den Osten der Insel, auch in der Hauptstadt Taipeh und auf dem chinesischen Festland war es zu spüren. Selbst dort glauben nicht alle an die göttliche Berufung des Kandidaten Gou: "Ein so gewaltiges Ereignis", schrieb ein Blogger, "und davor hat ihn Mazu nicht gewarnt?"


Zusammengefasst: Terry Gou, 68, gab am Mittwoch bekannt, als Präsidentschaftskandidat in Taiwan anzutreten. Die Wahlen finden im kommenden Jahr statt. Gou ist Gründer des Elektronikriesens Foxconn und will für die Nationale Volkspartei (Kuomintang) ins Rennen gehen, die für eine Annäherung an Peking steht. Zunächst muss Gou sich parteiintern als Kandidat durchsetzen. Unklar ist, ob Gou als Präsident die Unabhängigkeit der Insel aufrechterhalten wird. Chinas Staatschef Xi Jinping hatte zuletzt betont, eine Wiedervereinigung des Inselstaats mit dem Festland anzustreben, notfalls auch militärisch.



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