Korruption in Thailand "Eine Million Dollar für eine Stimme"

Unmoralische Angebote und politische Intrigen: Thailands Politstar Thanathorn Juangroongruangkit berichtet von den düsteren Seiten des Politbetriebs in Bangkok.
Thanathorn Juangroongruangkit (Mitte), Vorsitzender der Partei Future Forward

Thanathorn Juangroongruangkit (Mitte), Vorsitzender der Partei Future Forward

Foto: Athit Perawongmetha/ REUTERS

Thanathorn Juangroongruangkit war angetreten, um Thailand wieder demokratischer zu machen. Im vergangenen Jahr übernahm er den Vorsitz der neu gegründeten Partei Future Forward. Er werde sich für "die anderen 99 Prozent" im Land einsetzen, verkündete der 40-jährige Milliardär, der aus einer der reichsten Familien des Landes stammt . Er versprach, die Zensur aufzuheben, die Verfassung zu ändern und ins Schulsystem zu investieren.

Vor allem bei der urbanen Jugend kam Thanathorn gut an. Bei Wahlkampfveranstaltungen vor der Parlamentswahl im März bildeten sich lange Schlangen, alle wollten Selfies mit dem Politstar. Hashtags mit seinem Namen trendeten bei Twitter.

Thanathorn Juangroongruangkit auf einer Wahlkampfveranstaltung in Bangkok

Thanathorn Juangroongruangkit auf einer Wahlkampfveranstaltung in Bangkok

Foto: Soe Zeya Tun/ REUTERS

Dann kam die Wahl - und die Erfolgsgeschichte setzte sich zunächst fort: Bei der ersten freien Abstimmung nach dem Militärcoup in Thailand von 2014 kam die Future Forward auf knapp 18 Prozent der Stimmen, 80 Sitze im Parlament stehen ihr damit zu. Bei der ersten Sitzung des neuen Parlaments, in dem eine Allianz der Oppositionsparteien insgesamt 246 von 500 Sitzen innehat, nahm Thanathorn noch teil, er wurde auch vereidigt - doch es blieb sein letzter Auftritt im Abgeordnetenhaus.

Thanathorn wird vorgeworfen, während seiner Kandidatur noch an einem Medienunternehmen beteiligt gewesen zu sein. Das verstieße gegen die Verfassung. Ein Gericht entschied deshalb, dass er für unbestimmte Zeit aus dem Parlament ausgeschlossen wird. Im Interview spricht er über die Anschuldigungen, Korruption - und den König.

SPIEGEL ONLINE: Herr Thanathorn, was ist dran an den Vorwürfen, die gegen Sie erhoben werden?

Thanathorn: Ich habe schon viele Male meine Unschuld beteuert und Beweise dafür vorgelegt. Der Fall ist politisch motiviert.

SPIEGEL ONLINE: Die Junta griff durch, weil Sie zu populär wurden?

Thanathorn: Das ist eindeutig. Das Ziel unserer Partei ist es, die Verfassungsänderungen von 2017 (durch die sich die Junta entscheidende Wahlvorteile sicherte und die eigene Macht festigte, Anm. d. Red.) wieder rückgängig zu machen und die Macht des Militärs zu beschränken. Wir haben schon damit gerechnet, dass sie uns stoppen wollen. Der Fall gegen mich kommt daher nicht überraschend. Es gibt inzwischen schon Anklagen gegen 14 führende Mitglieder unserer Partei.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so gefährlich?

Thanathorn: Die Anklagen gegen uns machen deutlich, wie sehr wir gegen das bisherige korrupte System ankämpfen. Zudem unterscheidet sich unsere Agenda von der anderer Parteien. Die setzen sich oft für ganz spezifische Probleme ein, etwa im Agrarsektor oder Bildungsbereich. Sie gehen aber nicht die Ursachen der Probleme an. Wir haben während unserer Kampagne den Großteil unserer Redezeit dafür verwendet, über Ideologien und Strukturen zu sprechen. Da geht es zum Beispiel um die zentrierte Macht der Regierung in Bangkok oder Monopolstellungen großer Konzerne hierzulande. Wir sind auch die Ersten, die offen über eine Reform des Militärs gesprochen haben. Erst wenn man diese Probleme gelöst hat, kann man auch die anderen angehen.

SPIEGEL ONLINE: Korruption ist ein großes Problem. Es heißt, bald werde sich zeigen, wie viele sogenannte Kobras es im Parlament geben wird. Damit sind Abgeordnete gemeint, die etwa gegen Bezahlung im Sinne des Militärs stimmen.

Thanathorn: Die Versuche, "Kobras" zu kaufen, gibt es wirklich. Die Oppositionsparteien haben fast die Hälfte der Sitze im Parlament, es kommt also auf jede Stimme an. Vielen Abgeordneten aus unserer Partei sind schon Schmiergelder angeboten worden, die Preise sind in den vergangenen Wochen noch mal drastisch gestiegen. Wir sprechen mittlerweile über Summen von mehr als einer Million US-Dollar für eine Stimme im Parlament.

SPIEGEL ONLINE: Woher wissen Sie das?

Thanathorn: In einigen Fällen, die unsere Parteimitglieder betreffen, haben wir Tonaufnahmen davon. Wir haben diese nicht öffentlich gemacht, aber wir haben definitiv Mitschnitte von den Versuchen, Abgeordnete zu kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das noch nicht publiziert?

Thanathorn: Wir wollen die Personen, die angesprochen wurden, nicht in Schwierigkeiten bringen. Wäre ich angerufen worden und hätte ich eine Aufnahme davon, hätte ich es sofort öffentlich gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter soll auch einen Anruf bekommen haben.

Thanathorn: Ein Mitglied der Armeepartei Phalang Pracharat hat meine Mutter angerufen und ihr angeboten, die Anklagen gegen mich und andere Mitglieder der Future Forward fallen zu lassen, wenn wir ihnen die Stimmen von 20 unserer Abgeordneten zusichern würden. Wir haben das abgelehnt.

Thanathorn mit seiner Mutter Somporn (Mitte) im Gespräch mit Reportern

Thanathorn mit seiner Mutter Somporn (Mitte) im Gespräch mit Reportern

Foto: NARONG SANGNAK/ EPA-EFE

SPIEGEL ONLINE: Warum wurden Sie nicht persönlich angerufen?

Thanathorn: Ich weiß es nicht, aber so läuft es immer ab. Sie rufen Menschen an, die mir nahestehen. Mich selbst hat nie jemand direkt kontaktiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Wahl galt als Schritt, Thailand wieder zur Demokratie zurückzuführen. Was Sie schildern, muss doch aber entmutigen.

Thanathorn: Wenigstens hatten wir eine Wahl. Und wir glauben daran, dass Veränderung möglich ist. Wir sind uns aber klar darüber, dass es lange dauern wird, bis Thailand zu einer tatsächlichen Demokratie zurückfinden wird. Vielleicht ist es in zwei oder drei Wahlperioden so weit. Klar ist aber auch, diesen Kampf im Parlament auszufechten, ist der friedlichste Weg.

SPIEGEL ONLINE: Die knappe Sitzverteilung wird es der Militärpartei schwieriger machen, ihre Ziele durchzusetzen. Beobachter gehen deshalb davon aus, dass es wieder einen Putsch geben könnte. Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein?

Thanathorn: Wenn das Regieren zu schwierig wird, könnte es einen weiteren Staatsstreich geben. Dieses Mal wäre es aber anders: Die Wut der Bevölkerung ist real, das Militär müsste zu drastischen Mitteln greifen, um die Menschen zu unterdrücken. Deshalb könnte ein nächster Putsch schlimm ausgehen. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur das Militär, auch der neue König Thailands soll ein Problem mit Ihnen haben.

Thanathorn: Die Behauptungen, dass wir die Monarchie als Institution abschaffen wollen, sind nicht wahr. Das sind nur Versuche, uns zu dämonisieren. Das geht in diesem Land mit zwei Vorwürfen: Entweder ist man dann korrupt oder gegen das Königshaus.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll es für Sie persönlich weitergehen?

Thanathorn: Ich kann nicht mehr im Parlament arbeiten, aber ich werde unsere Kampagne weiterführen, um unsere Politik so vielen Menschen wie möglich näherzubringen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.