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Explosionen in Thailand Polizei hatte Hinweise auf bevorstehende Anschläge

Nur wenige Tage nach dem Verfassungsreferendum und am Geburtstag der Königin wird Thailand von Bombenanschlägen erschüttert. Noch hat sich niemand dazu bekannt. Klar scheint nur: Die Explosionen sollen Unruhe ins Land bringen.

Eine belebter Markt, eine Bar im Touristengebiet, eine Polizeistation: Innerhalb von 17 Stunden wurden diese Orte zum Ziel von Anschlägen. Bei insgesamt elf Explosionen in fünf verschiedenen Städten in Thailand sind am Donnerstag und Freitag mindestens vier Menschen gestorben und Dutzende verletzt worden - das ist die bisherige Bilanz.

Wer könnte hinter den Anschlägen stecken? Bislang hat sich noch niemand dazu bekannt - und auch die Polizei verfolgt offenbar noch keine konkrete Spur.

"Klar ist aber, dass die Anschläge in einem Zusammenhang zueinander stehen", sagt Michael Winzer vom Thailand-Büro der Konrad Adenauer Stiftung. Die Anschläge könnten nur von einer gut organisierten Gruppe oder einem Netzwerk durchgeführt worden sein - auch weil die Militärregierung nach dem Putsch von 2014 die Sicherheitsvorkehrungen in dem Land deutlich erhöht hat.

Offenbar waren diese Maßnahmen jedoch nicht ausreichend: Der nationale Polizeichef Jaktip Chaijinda musste nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters bereits einräumen, dass es schon im Vorfeld Hinweise auf geplante Anschläge gegeben hatte. Trotzdem konnten sie nicht verhindert werden. Seinen Angaben zufolge handelte es sich bei den Explosionen um "Sabotageaktionen örtlicher Gruppen".

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Thailand: Bomben in der Touristenregion

Foto: MUNIR UZ ZAMAN/ AFP

Es werde untersucht, ob es eine Verbindung zu einem Aufstand in den überwiegend von Muslimen bewohnten Provinzen im Süden Thailands gebe, sagte der Polizeichef weiter. Dort gibt es seit Jahren Widerstand gegen die Regierung in Bangkok. Seit 2004 starben mehr als 6000 Menschen bei Bombenanschlägen und Schießereien. Allerdings sind deren Aktionen bislang lokal sehr begrenzt.

Weniger wahrscheinlich ist hingegen eine Beteiligung der oppositionellen Rothemden. Die politische Bewegung der ärmeren Landbevölkerung hat sich zwar gegen die Verfassungsänderungen ausgesprochen und stellt sich gegen das Militär. Sie wurde aber durch die Junta bereits deutlich geschwächt und würde sich durch eine Anschlagsserie viel Sympathie im Land verspielen. Nach Angaben der Polizei in Bangkok kann auch ausgeschlossen werden, dass eine internationale Terrororganisation hinter den Bombenanschlägen stecken könnte.

Geburtstag der Königin

Auffällig sind jedoch mehrere zeitliche Bezüge der Taten:

  • Die Anschläge ereigneten sich nur wenige Tage nachdem die Junta die Bevölkerung über eine umstrittene neue Verfassung abstimmen ließ. Das Referendum vom vergangenen Sonntag sollte zwar den Demokratie-Schein wahren, de facto sicherte sich das Militär aber durch die neue Charta  die eigene Macht auch nach den für 2017 angesetzten Neuwahlen.
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Referendum in Thailand: Widerspruch unerwünscht

Foto: KEREK WONGSA/ REUTERS

  • Dieser Freitag ist der 84. Geburtstag der thailändischen Königin Sirikit, deshalb herrscht ein nationaler Feiertag. Wegen des verlängerten Wochenendes hielten sich auch viele Thailänder in den Urlaubsressorts auf, die nun Ziele der Anschläge wurden.
  • Die Attentate wurden fast genau ein Jahr nach dem Anschlag am Erawan-Schrein verübt. Am 17. August 2015 wurden dabei in Bangkok 20 Menschen getötet.

Die Anschläge waren aber offenbar nicht darauf ausgelegt, möglichst viele Menschen zu töten: Hua Hin beispielsweise ist ein Gebiet, in dem normalerweise viele Menschen unterwegs sind, es hätte also noch deutlich höhere Opferzahlen geben können. "Es geht eher darum, Unruhe ins Land zu bringen", sagt Winzer. Dass die Anschläge primär in Touristenstandorten stattfanden, sichert den Tätern internationale Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wird damit einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes - der Tourismus - angegriffen.

Die Stabilität des Landes wird derzeit noch zusätzlich zur andauernden Militärherrschaft durch mehrere Faktoren geschwächt. Thailand stecke gerade in einer "Transformationskrise", sagt Winzer. Das Land habe ein rasantes Wirtschaftswachstum erlebt, wenngleich es in den vergangenen Jahren wieder abebbte. Das soziale und politische System müsse daran angepasst werden - ein Prozess, der sich bislang nicht schnell genug vollzogen hat.

Der in Thailand sehr verehrte König Bhumibol trat außerdem seit Januar nicht mehr in der Öffentlichkeit auf, der 88-jährige Monarch ist schwer krank. Sein Nachfolger wird in jedem Fall weniger geachtet sein als er - Bhumibol wird ein Machtvakuum hinterlassen, in dem es erneut zu Ausschreitungen im Land kommen kann.

Die Orte der Anschläge:


Zusammengefasst: Eine Anschlagserie hat Thailand erschüttert, vier Menschen kamen ums Leben. Bekannt hat sich noch niemand zu der Tat. Die Polizei geht von einer "Sabotageaktion örtlicher Gruppen" aus. In jedem Fall sollten die Explosionen Unruhe im Land verursachen. Thailand ist ohnehin schon geschwächt: Durch die Krankheit des Königs herrscht ein Machtvakuum, außerdem drückte das Militär erst vor wenigen Tagen ein Referendum für eine umstrittene Verfassungsänderung durch.