Thailand-Krise Countdown im Kampf um die Macht

Steht Thailand ein Militärputsch oder ein Volksaufstand bevor? Die Stimmung in Bangkok wird immer gereizter. Während 100.000 Touristen festsitzen, rüsten alle Seiten zum Kampf um die Macht.

Aus Bangkok berichtet


Bangkok - Thailands Hauptstadt erlebt den fünften Tag der Belagerung des Suvarnabhumi-Flughafens. Noch immer sieht die Polizei dem Treiben der Opposition tatenlos zu. Dennoch verschärft sich die Lage stündlich: Nun blasen die Anhänger der taumelnden Regierung von Premierminister Somchai Wongsawat zum Sturm. Einige Tausend versammelten sich am Sonntagabend in Bangkoks Zentrum zu einer Großkundgebung. Andernorts sammelten sie Waffen. In der Nacht vom Samstag hatten offenbar einige von ihnen auf die Besetzer des Regierungsgebäudes eine Granate abgefeuert. Die Bilanz: mindestens 51 Verletzte.

Der große Platz vor dem Verwaltungsgebäude der Stadt, Sala Gan, füllt sich rot. Das ist die Farbe der Regierungsfreunde. Die Menschen tragen Hemden mit der Aufschrift "Red Army" und ferrarirote Mützen, auf denen der Name des früheren Premiers Thaksin Shinawatra steht – dem Finanzier der herrschenden "People’s Power Party" und Schwager des aktuellen Regierungschefs. Aber wer herrscht hier eigentlich?

Oder genauer: Wer herrscht hier nicht?

Der Premierminister tourt offensichtlich durch die Provinz. Zwar meldete die "BBC" heute, Somchai habe sich möglicherweise ins Ausland abgesetzt. Doch der Regierungssprecher Nattawut Saikua sagte SPIEGEL ONLINE am Rande der Demonstration: "Das ist nicht wahr. Somchai befindet sich in Isaan." Was er dort treibt, wollte der Sprecher allerdings nicht verraten. Isaan gilt als Basis der Regierung. Hier leben jene verarmten Reisbauern, denen die PPP ihren Wahlsieg vom Dezember 2007 verdankt. Wo sich der Rest der Regierung aufhält? "Die meisten sind in Chiang Mai im Norden des Landes. Sie befinden sich im eigenen Land im Exil."

Die Polizei gibt ein Bild der Schwäche ab. Einmal näherte sie sich zaghaft dem blockierten Flughafen Suvarnabhumi, rund 30 Kilometer östlich von Bangkok gelegen. Aber eine Handvoll Demonstranten hatte nur wenig Mühe, die Ordnungshüter zu vertreiben. "Wir Thais sind gewaltfreie Menschen", sagt Regierungssprecher Nattawut. Deshalb verhielten sich die Beamten so zurückhaltend.

Das Militär hingegen hält sich ganz raus. Doch das ist nur eine scheinbare Neutralität - in Wahrheit putscht es durch Passivität. Die Armee verweigert der gewählten Regierung den Gehorsam und ist damit einer der Hauptverantwortlichen des derzeitigen Chaos’. 2006 hatten Thailands Generäle wenig Probleme, den damals regierenden Thaksin wegzuputschen. Sie entließen das Land nach einem Jahr in die Demokratie, doch zu ihrem Leidwesen gewannen diesmal Thakins Gefolgsleute in der Nachfolgepartei PPP die Wahl. Es scheint, als warteten die Militärs diesmal eine Eskalation der Gewalt zwischen Opposition und Regierung ab, um sich erst dann als Ordnungsfaktor einzuschalten. Auch das ist ein Grund für die Schockstarre der Regierung.

Und der König schweigt. Er wird am fünften Dezember 81 Jahre alt. Eigentlich warten alle darauf, daß er durch ein Machtwort der Selbstdemontage des Landes Einhalt gebietet. Doch das Volk wartet bislang vergeblich. Und nun?

"Wenn die Regierung nicht endlich etwas tut und diese Gewalttäter aus den Flughäfen und dem Regierungsgebäude schmeißen läßt, dann werden die Thailänder das selbst erledigen", sagt Veera Musikhapong, einer der Führer der "United Front of Democracy against Dictatorship" – einer Truppe von glühenden Regierungstreuen. Er gibt seinem Premier zwei Tage, um zu handeln, dann sei er mit der Geduld am Ende. Veera hat gerade eine halbe Stunde auf dem Podium der Menge eingeheizt. "Diesem Land ist unbeschreiblicher Schaden zugefügt worden", sagt er, "die Armee bereitet einen Putsch vor, aber wir werden kämpfen, wenn es soweit ist. Wir werden die Demokratie verteidigen."

Es braut sich also etwas zusammen in dem buddhistischen Land. Die Stimmung verschlechtert sich stündlich.

Die gestrandeten Touristen bekommen davon nicht allzuviel mit. 100.000 sind es derzeit. Viele sammeln sich südlich von Pattaya, auf dem Militärflughafen U-Tapao. Von dort werden derzeit täglich rund 50 internationale Flüge abgefertigt, jeder mit 200 bis 300 Passagieren an Bord. Auch "Air Berlin" plant für Montagmorgen einen Flug von hier nach Düsseldorf. Fluggäste, die sich in Thailand aufhalten, können sich über eine rund um die Uhr besetzte Notrufnummer der Gesellschaft (001 800 12 0666375) über die Abflugzeiten auf dem Laufenden halten.

Andere Fluggesellschaften wie LTU weichen auf den Flughafen von Phuket aus. Doch alle Anstrengungen erweisen sich als reine Sisyphosarbeit – angesichts der geschätzten 30.000 Menschen, die jeden Tag, den der internationale Flughafen besetzt bleibt, zu den schon Wartenden kommen. In einigen Hotels sind schon Check-In-Schalter eingerichtet worden.

Immerhin hat Thailands Außenminister Sompong Amornwiwat angekündigt, jeden festsitzenden Touristen mit 2000 Baht, rund 44 Euro, pro Tag zu entschädigen. Das ist eine noble Geste und auch ein verzweifelter Versuch, den drohenden Imageschaden wenigstens ein wenig zu begrenzen. Denn die Wirtschaft des Landes droht ins Schleudern zu geraten. Bereits 50 Prozent der erwarteten Weihnachts- und Neujahrsbesucher sollen abgesagt haben. Der stellvertretende Regierungschef Olarn Chaiprawat befürchtet, die Abfertigung aller in Thailand blockierten Fluggäste könne noch einen ganzen Monat andauern.

Selbst die Europäische Union wird langsam nervös. "Wir rufen alle Seiten in Thailand dazu auf, die Krise zu lösen und die öffentliche Ordnung unter Respektierung des Gesetzes und der demokratischen Insitutionen des Landes wieder herzustellen", heißt es in einer Erklärung der EU-Botschafter.

Derzeit sieht es aber eher so aus, als würde trotz der schwammigen EU-Note alles nur noch schlimmer. Auf den Flughäfen haben sich Tausende von Regierungsgegnern breit gemacht. Einige haben ihre Haustiere und kleine Kinder dabei. Sie spielen Badminton in der Abfertigungshalle. Überall haben sich Wachtposten aufgestellt oder verbarrikadiert. "Sie sind eine Armee, ihre Guards sind schwer bewaffnet", sagt Sean Boonpracong, ein politischer Analyst und Experte für Südostasiatische Politik. Und: "Die Stimmung in Bangkok kocht."

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