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08. Juni 2019, 12:47 Uhr

Transsexualität

So leben Thailands Ladyboys

Aus Thailand berichten (Autor) und Watsamon Tri-yasakda (Fotos)

In Thailand sind Transsexuelle viel präsenter als in Deutschland. Das buddhistische Königreich inszeniert sich als Vorreiter der Geschlechtertoleranz. Was läuft besser als bei uns - und was nicht? Drei Transfrauen erzählen.

An einem heißen, sonnigen Mittag im Mai steht Tanwarin Sukkhapisit, 45, auf einem überwucherten Grundstück in ihrer Heimatstadt Nakhon Ratchasima, an der Stelle, an der einst ihr Elternhaus stand, und beginnt leise zu weinen. Es sind Tränen der Rührung, Tränen, die ihrer Mutter gelten, die nicht weit von hier in einem Krankenhaus liegt und der Tanwarin so viel zu verdanken hat.

Als sie beschloss, sich zu verändern, habe die Mutter ihr sofort den Rücken gestärkt, erzählt Tanwarin. Später habe die Mutter sie sogar bei der Wahl ihrer Kleider beraten.

Tanwarin trägt einen transparenten Tüllrock und Chucks, eine Digitaluhr und Lippenstift. Sie hat sich, auch dank des Rückhalts der Mutter, zur ersten transsexuellen Abgeordneten in Thailands Parlament hochgearbeitet. Und sie verkörpert in vielerlei Hinsicht eine Kultur, wegen der der Westen Thailand mitunter beneidet.

Das buddhistische Königreich scheint etwas geschafft zu haben, was selbst im liberalen Europa alles andere als selbstverständlich ist. Während in der EU jeder zweite Transsexuelle über Gewalt und öffentliche Anfeindungen klagt, bewegen sich Thailands sogenannte kathoey und Ladyboys weitgehend unbehelligt in der Öffentlichkeit.

In wohl kaum einem anderen Land sind Menschen des dritten Geschlechts derart sichtbar. Sie arbeiten in Friseur- und Massagesalons, fahren aufgestylt Bus und Bahn oder bedienen Touristen an der Rezeption. Es gibt Männer in Frauenkleidern. Andere Menschen, die sich schon Brüste haben machen lassen oder, wie der Klang ihrer Stimme verrät, Hormone nehmen. Und eine ganze Menge Männer, die kaum noch von biologischen Frauen zu unterscheiden sind.

Im Fernsehen, bevorzugt in Seifenopern und Agentenfilmen, spielen ebenfalls viele Transfrauen mit. In der "Bangkok Post", einer der größten englischsprachigen Tageszeitungen des Landes, werben Kliniken für Geschlechtsangleichungen mit großen Anzeigen. Die transsexuelle Thai-Boxerin Parinya Charoenphol, die ihre Gegner bis 2006 perfekt geschminkt K.o. zu schlagen pflegte, gilt heute manchen als Nationalheldin. Und auch das Tourismusministerium inszeniert Thailand neuerdings als Hort der Akzeptanz von Geschlechteridentitäten und sexuellen Orientierungen.

Es betreibt eine Webseite, die glückliche Schwule, Lesben und Transsexuelle beim Urlauben in Bangkok, Pattaya oder Krabi zeigt. "In Thailand heißen wir jede Farbe des Regenbogens willkommen", steht unter den Hochglanzfotos geschrieben. "Go Thai. Be free."

Die Werbeoffensive der Regierung hat System: In Thailand haben sich inzwischen viele Firmen auf das Geschäft mit der internationalen LGBTQ-Szene spezialisiert: Kliniken für Geschlechtsangleichungen sowie spezialisierte Clubs, Hotels und Dienstleister setzen mit Schwulen, Lesben, Bi- und Intersexuellen sowie transsexuellen OP-Touristen inzwischen Hunderte Millionen Bhat pro Jahr um.

Pink money wird dieses Geschäftsfeld genannt, das stark vom Image eines toleranten Thailands profitiert. Und gerade die Ladyboys sind oft die Posterboys dieses lukrativen Tourismuszweigs.

Doch ganz so paradiesisch, wie es scheint, leben Transsexuelle in Thailand nicht. Einheimische Transsexuelle bestätigen zwar, dass man ihnen im Alltag meist höflich begegnet. Doch sie klagen auch über Diskriminierung bei der Jobsuche, Auseinandersetzungen mit ihrer Familie und über Benachteiligungen durch rückwärtsgewandte Gesetze.


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Familie: Käufliche Liebe

Wenn ihr Vater sie so sehen würde, in diesem goldenen, tief ausgeschnittenen Kleid, mit den großen Ohrringen und den knallrot geschminkten Lippen, wäre er wahrscheinlich geschockt. Zwar weiß er, dass Thanaporn in der Partystadt Pattaya als sogenannter Ladyboy arbeitet, als transsexuelle Prostituierte also - doch manche Details will er dann wohl doch lieber nicht so genau wissen.

Thanaporn Phromphron, 37, sitzt an ihrem Arbeitsplatz, einer schummrigen Bar nicht weit von Pattayas berüchtigter Ausgehmeile, der Walking Street. Die Musik hat sehr viel Bass, die Cocktails haben sehr grelle Farben, und am Nachbartisch bezirct eine (nichttranssexuelle) Dame in einem sehr freizügigen Kleid einen dicken, pferdeschwänzigen Amerikaner.

Der Kontrast zu Thanaporns Heimatdorf könnte kaum größer sein. Sie wuchs in einer bäuerlichen Großfamilie auf, als jüngstes von fünf Kindern, auf einer kleinen Farm im Westen des Landes. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie so:

Schon als sie sechs war, entdeckte Thanaporn, dass sie lieber eine Frau sein wollte. Doch erst mit 19, als sie den Hof der Eltern zum Studieren verließ, begann sie, Kleider zu tragen und Hormone zu nehmen. Der Vater akzeptierte ihre Transsexualität zunächst nicht, er wollte nicht einsehen, dass er keinen Sohn mehr hatte. Die Mutter freundete sich nach und nach mit Thanaporns Wandel an.

Nach dem Studium schlug sich Thanaporn in ihrem Heimatdorf mit Gelegenheitsjobs durch. Doch das Geld reichte nicht einmal um ihren Studienkredit abzuzahlen. Also nutzte sie die finanziellen Chancen ihrer neuen Geschlechteridentität: Sie zog nach Pattaya, in die gefühlte Hauptstadt des globalen Sextourismus, und wurde, wie so viele andere thailändische Transsexuelle, ein Ladyboy.

In guten Monaten verdiene sie sechsmal mehr als ein Lehrer an einer Privatschule, sagt Thanaporn. Finanziell sei sie von ihren Eltern nun unabhängig. Das mache auch innerlich freier.

Was Thanaporn erzählt, erleben viele andere kathoey auch. Zwar sind Thailänder fremden Transsexuellen gegenüber meist höflich; aber wenn sich jemand im näheren Umfeld oder gar in der Familie eine Geschlechtsangleichung wünscht, reagieren sie oft ablehnend. Es scheint zwei Sphären zu geben, eine öffentliche und eine persönliche, mit ganz unterschiedliche Umgangsformen. Und die öffentliche Sphäre wiederum ist stark von zwei kulturellen Besonderheiten geprägt.

In Thailand werden Konflikte, erstens, möglichst vermieden: Entsprechend verpönt sind öffentliche Anfeindungen, auch gegen Transsexuelle. Das Land ist, zweitens, stark vom Buddhismus geprägt. Laut diesem haben Transsexuelle in einem früheren Leben Sünden begangen und wurden zur Strafe im falschen Körper wiedergeboren. Man soll sie nicht auch noch beschimpfen, sondern eher bemitleiden.

Der weitgehend friedliche Umgang mit Transsexuellen im Alltag ist vor allem die Folge dieser beiden Besonderheiten. Ausdruck einer grundsätzlichen Akzeptanz ist er nicht.

In der persönlichen Sphäre, der eigenen Familie, zeigen die sonst so höflichen Thai dann, wie sie wirklich über Transsexuelle denken. Laut einer anonymisierten Umfrage der Hongkong-Universität lehnen rund 60 Prozent der betroffenen Väter und gut ein Drittel der betroffenen Mütter den Wunsch ihrer Kinder nach einer Geschlechtsangleichung ab. Transsexuelle, die in solchen Familien groß werden, kathoey wie Thanaporn, ziehen oft nach der Schule oder dem Studium in eine größere Stadt.

Von ihren ersten Einkünften als Ladyboy ließ sich Thanaporn Brüste machen. Extra große, wie sie betont und stolz herzeigt, indem sie sie leicht zusammendrückt. Ihren Penis habe sie bislang behalten, eine Geschlechtsangleichung sei ihr zu teuer. Zudem gebe es auch für Androgyne wie sie genug Kundschaft.

Den Job als Ladyboy will Thanaporn nicht ewig machen. Sie spart auf einen kleinen Kosmetikladen. Mit Mitte 40 möchte sie ihn eröffnen. In Pattaya. Zurück in ihr Heimatdorf will sie nicht, auch wenn sich die Beziehung zu ihrem Vater inzwischen gebessert hat.

Vor einer Weile hat sich der Vater bei der Arbeit das Knie verletzt. Seitdem kann er das Feld nicht mehr richtig bestellen. Die Einnahmen der kleinen Farm sind merklich zurückgegangen.

Thanaporn schickt ihren Eltern nun jeden Monat Geld. Ihre Transsexualität, erzählt sie, sei seitdem nur noch selten ein Thema.


Arbeit: Zu schön zum Unterrichten

Worawalun Taweekarn wollte schon immer Mathelehrerin werden. Den entsprechenden Uni-Abschluss hat sie seit zwei Jahren in der Tasche. Es gibt nur eines, das ihr den Weg zum Traumjob erschwert: ihre Geschlechteridentität.

Worawalun sitzt in einem Café im Zentrum von Bangkok. Sie trägt einen eleganten Faltenrock, einen dünnen silbernen Armreif und ist perfekt geschminkt. Immer wieder drehen sich Männer nach der 25-Jährigen um. Bei ihrem ersten Jobinterview kurz nach dem Uniabschluss war offenbar genau das ein Problem.

"Du siehst so gut aus", habe einer der Lehrer gesagt, erzählt Worawalun. "Dich werden die Jungs doch ständig angraben." - "Ich werde damit umgehen können", habe sie geantwortet. "Bitte geben Sie mir eine Chance, mein Können zu beweisen." Die Schule lehnte ab.

Da die meisten anderen Schulen in jenem Jahr kein neues Personal mehr einstellten, verdingte sich Worawalun eine Weile als Nachhilfelehrerin. Zum Zeitvertreib machte sie zudem bei Miss Tiffany's Universe mit, einem landesweit bekannten Schönheitswettbewerb für Transfrauen. Sie belegte den elften Platz.

Im Auswahlverfahren fragte die Jury sie nach ihrer Lebensgeschichte. Worawalun erzählte von ihrem absurden Jobinterview. Und von einem Praktikum in ihrer Unizeit, bei dem sie über ihren langen Haaren eine Männerperücke tragen musste.

Das Video des Gesprächs ging viral. Worawalun bekam viel Unterstützung, aber ihr schlug auch Hass entgegen. "Einige der verletzendsten Kommentare kamen von anderen Transfrauen", erzählt die junge Transfrau. "Sie schrieben, ich solle mir einen angemessenen Beruf suchen. Kosmetikerin zum Beispiel."

Die Transgender-Aktivistin Prempreeda Pramoj hält solche Reaktionen für typisch. "Im Beauty-Bereich, im Showbizz und in der Sexarbeit ist es leicht, als Transfrau Karriere zu machen", sagt sie. "In anderen Branchen sind die Karriereoptionen recht limitiert." Die meisten Thailänder - auch manche kathoey selbst - hätten starre Vorstellungen, für welche Jobs Transfrauen geeignet seien.

Viele thailändische Arbeitgeber reagieren, nicht anders als in Deutschland, verhalten auf Transsexuelle. Die Anwältin Wannapong Yodmuang hat an Hunderte Firmen je zwei gleichlautende Bewerbungen verschickt. Bei der einen war der Absender stets ein Transsexueller, bei der anderen ein Mann oder eine Frau. "Die Rücklaufquote für kathoey war deutlich geringer", sagt sie.

Ab 2018 führte Worawalun weitere Vorstellungsgespräche. Ein Schuldirektor habe ihr gesagt: "Du warst doch fast Miss Tiffany. Wenn du als Drag Queen arbeitest, wirst du reicher als bei uns." Der Chef einer reinen Mädchenschule habe ihr einen Job in Aussicht gestellt - aber nur wenn sie zum Unterricht als Mann erscheine.

Nach weiteren frustrierenden Ergebnissen suchte sich Worawalun eine Anwältin. Die aber machte ihr wenig Hoffnung. Denn zwar gibt es in Thailand ein ähnliches Antidiskriminierungsgesetz[3] wie in Deutschland. Doch wie in der Bundesrepublik auch ist es im Einzelfall schwierig, Benachteiligungen gerichtsfest nachzuweisen.

Mitte Mai legte Worawalun trotzdem Beschwerde ein. "Ich will niemanden zwingen, mich einzustellen", teilte sie der staatlichen Antidiskriminierungsstelle mit. "Ich will nur dieselben Chancen im Bewerbungsverfahren wie alle anderen auch."


Politik: Die geschlechtsneutrale Gesellschaft

Go Thai. Be free? Der Werbespruch des Tourismusministeriums zeigt laut Tanwarin Sukkhapisit nur einen Teil der Wahrheit. "Der andere Teil lautet: Be Thai. Not so free." Um genau das zu ändern, sitzt Tanwarin seit Anfang Mai in Thailands Parlament: als erste Abgeordnete aus dem Transgender-Kosmos und als eine von vier Parlamentariern aus der LGBTQ-Szene.

Tanwarin schlendert durch ihre Heimatstadt Nakhon Ratchasima, einen lauten, geschäftigen Ort vier Autostunden nordöstlich von Bangkok. Sie besucht ihre alte Schule und andere Orte, die sie stark geprägt haben, an denen sie zu einem der weltweit wohl fortschrittlichsten Politiker für Geschlechteridentitäten und sexuellen Orientierungen geworden ist.

Tanwarin bezeichnet sich selbst als genderqueer: als Menschen, der weder männlich noch weiblich ist, sondern die Geschlechteridentität nach Lust und Laune variiert. Die weitgehende Aufteilung der Welt in maskulin und feminin lehnt Tanwarin ab.

"Das Einzige, was Frauen und Männer wirklich unterscheidet, sind ihre biologischen Geschlechtsorgane", sagt Tanwarin. Verhaltensweisen, Modeaccessoires, Fertigkeiten, Farben und so gut wie alle anderen Dinge im Leben seien an sich geschlechterneutral. Erst gesellschaftliche Zuschreibungen ließen uns denken, rosa sei weiblich und Heimwerken Männersache.

Tanwarin will solche Zuschreibungen möglichst auflösen. Da die meisten Menschen sich allerdings an ihnen orientieren, will sie zumindest die gesetzliche Benachteiligung von Transmenschen bekämpfen.

Anders als in Deutschland darf man in Thailand grundsätzlich nicht sein Geschlecht ändern - auch nicht nach einer geschlechtsangleichenden Operation. "Dabei sollte sich jeder ab dem 18. Lebensjahr sein Geschlecht selbst aussuchen können", sagt Tanwarin. "Und man sollte es jederzeit schnell und leicht ändern können. Oder gleich ganz weglassen."

Welche Probleme das aktuelle Gesetz mit sich bringt, musste Tanwarin selbst schmerzhaft erfahren. Da sie biologisch als Mann geboren wurde, musste sie während der Wehrpflicht in ein Männerkorps. Manche Soldaten hätten ihr abends das T-Shirt hochgerissen, erzählt sie, die Männer hätten nachschauen wollen, ob sie Brüste habe.

Andere Transfrauen sind aufgrund des Geschlechts in ihrem Pass in Männergefängnisse gesteckt worden oder bekommen bei Visaanträgen und Passkontrollen regelmäßig Probleme.

Partnerschaften von Schwulen, Lesben und Transsexuellen sind in Thailand seit Kurzem legal, Hochzeiten hingegen nicht. Auch hier will Tanwarin nachbessern. "Das Gesetz sollte schlicht die Ehe zwischen zwei Menschen erlauben", fordert sie. "Ohne jegliche Einschränkungen."

Die Chancen, solche Änderungen durchzusetzen, stehen eher schlecht. Denn Tanwarins Partei Future Forward wird im Parlament vermutlich in die Opposition gehen müssen. Und auch innerhalb ihrer Fraktion sind längst nicht alle für derart progressive Gesetze.

Dennoch sei ihre Wahl zur Abgeordneten ein Symbol, sagt Tanwarin. Im Parlament könne sie deutlich machen, dass in Thailand nicht alle Menschen gleich seien - auch wenn das Tourismusministerium gerade mit Hochglanzwerbung diesen Eindruck erweckt.

Ihren ersten Auftritt im Parlament nutzte sie gleich, um ein Zeichen zu setzen. Am 13. Mai, bei der ersten Sitzung des Gremiums, trug sie einen orangen Blazer und einen bunt gefleckten Rock und provozierte den Unmut einiger anderer, förmlich gekleideter Abgeordneter.

Hinterher sagte Tanwarin, sie habe den kleinen Eklat bewusst provoziert. Sie habe sagen wollen: "Ich bin hier. So sehe ich aus. Und wir müssen uns mit Menschen wie mir befassen."

Im Video: Ladyboys - Thailands drittes Geschlecht

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