Thailands Wahlsiegerin Yingluck Chefin im Schatten des großen Bruders

Die mächtige Armee erkennt den Wahlsieg der Opposition in Thailand zwar an. Doch auf die künftige Regierungschefin Yingluck wartet dennoch eine Herkules-Aufgabe: Die Geschäftsfrau muss ihre unzähligen Versprechen einlösen - und ihren im Exil lebenden Bruder vergessen machen.

Von Freddy Surachai, Bangkok


Thailands Armeechef hüllt sich in Schweigen. Er werde vorerst keine politischen Kommentare abgeben, ließ General Prayuth nach der Wahl kurz und knapp mitteilen. Allerdings sei er - anders als bisher - bereit, sich mit der Wahlsiegerin Yingluck Shinawatra zu treffen.

Das Reden überließ der starke Mann von Thailands Streitkräften am Tag nach der verheerenden Niederlage der von ihm favorisierten Demokratischen Partei dem scheidenden Verteidigungsminister Prawit, ebenfalls ein General und ein Waffengefährte Prayuths. "Ich habe mit den führenden Militärs gesprochen", verkündete der Noch-Minister offenkundig im Namen seiner schockierten Kameraden. "Das Volk hat ein klares Votum abgegeben. Also werden wir den Politikern erlauben, an die Arbeit zu gehen." Arrogant fügte er hinzu: "Wir können sie nicht davonjagen." Selbst General Sonthi, einer der härtesten Haudegen des elitären thailändischen Offizierskorps, meldete sich beschwichtigend zu Wort: "Die Stimme des Volkes muss respektiert werden."

Vor fünf Jahren hatte das bei Sonthi noch ganz anders geklungen: Damals putschte der heutige Vorsitzende der erfolglosen Matubhum-Partei als Armeechef den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra aus dem Amt - den Bruder der an diesem Sonntag mit einem Erdrutschsieg ihrer Partei Pheu-Thai zur wahrscheinlich künftigen Regierungschefin Thailands gewählten Yingluck.

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Thailand: Siegerin im Land des Lächelns
Die Furcht vor einem neuen Staatsstreich überschattete denn auch den Triumph der 44-jährigen Wahlsiegerin. Bei einer Blitzumfrage, die die "Bangkok Post" noch am Wahlabend bei ihren Lesern durchgeführt hatte, erklärten über 50 Prozent, sie rechneten ungeachtet aller Beteuerungen der Militärs mit neuen, blutigen Unruhen und Gewalttaten. Die Zeitung beschwor die zerrissene Nation in einem Kommentar: "Akzeptiert das Wahlergebnis - um Thailands Willen." Aus seinem Exil in Dubai appellierte auch Yinglucks putsch-erfahrener Bruder Thaksin vorsorglich: "Das Militär sollte auf die Stimme des Volkes hören."

Dem Volk eine goldene Zukunft versprochen

Mitten in ihrem Triumph blieb die strahlende Wahlsiegerin betont zurückhaltend und bescheiden: "Ich möchte nicht sagen, dass Pheu-Thai gewonnen hat", sagte sie. "Ich ziehe es vor zu sagen, dass das Volk Pheu-Thai und mir die Chance gegeben hat, ihm zu dienen." Und doch scheint für sie ein Märchen, ein Wunder wahr geworden zu sein: Noch vor zwei Monaten war sie selbst den meisten Thais unbekannt. Doch in einem furiosen Wahlkampf schaffte es die politisch unerfahrene Geschäftsfrau in den wenigen Wochen seit der Parlamentsauflösung Anfang Mai, die regierende Elite um Premierminister Abhisit hinwegzufegen und die absolute Mehrheit zu erringen.

Ihrem unterlegenen Rivalen blieb angesichts seiner dramatischen Niederlage nur eins: Er übernahm die Verantwortung und trat als Vorsitzender der Demokratischen Partei zurück.

Das Erbe, das er Yingluck hinterlässt, ist schwer genug. "Vor uns liegt viel Arbeit", warnte sie ihre überschwänglich feiernden Anhänger schon am Wahlabend nüchtern und sondierte trotz ihrer absoluten Mehrheit im künftigen Parlament Koalitionsmöglichkeiten mit einigen kleineren Parteien auf, um auf möglichst breiter Basis regieren zu können.

Denn sie und ihre Partei haben dem Volk eine goldene Zukunft versprochen: Anhebung der Mindestlöhne, Preisgarantien für die Bauern, billige Wohnungen und Stipendien für die Studenten, jedem Schüler einen Laptop, jedem Dorf erst einmal eine Pauschalzahlung von einer Million Baht (ca. 25.000 Euro), kostspielige Infrastrukturmaßnahmen.

Was passiert, wenn der König stirbt?

Eine ihrer Hauptaufgaben als Regierungschefin wird es sein, das krasse wirtschaftliche Gefälle zwischen dem armen Norden und den vor allem um Bangkok gruppierten Industriezentren abzumildern. Sie muss sich auch einer schwierigen Diskussion über die Rolle der Monarchie stellen: Was passiert, wenn der 83-jährige König, der seit fast zwei Jahren im Krankenhaus lebt, stirbt? Wie will Thailand künftig mit den als politische Disziplinierungsinstrumente missbrauchten Gesetzen zur Majestätsbeleidigung umgehen? Yingluck muss die Korruption entschiedener bekämpfen als ihr Vorgänger und die Presse- und Meinungsfreiheit stärken.

Auch der schwelende Grenzstreit mit Kambodscha birgt Explosivstoff für sie: Er kann vom Militär jederzeit genutzt werden, um einen Konflikt vom Zaun zu brechen und unter dem Vorwand des nationalen Notstands die Macht zu übernehmen. Zudem muss der seit Jahren unruhige Süden des Landes befriedet werden.

Um überhaupt Erfolg zu haben, muss Yingluck aus dem Schatten ihres großen Bruders hinauswachsen: Er hatte sie nach ihrer Nominierung zur Pheu-Thai-Spitzenkandidatin abschätzig als seinen "Klon" bezeichnet. Aus seinem Exil in Dubai stellte er die Weichen für ihre Wahlkampagne nach dem Motto: "Thaksin denkt - Pheu-Thai handelt".

Schon während des Wahlkampfes hatte seine Partei ein Amnestie-Gesetz ausgearbeitet, das für alle politisch motivierten Straftaten der vergangenen Jahre Straffreiheit gewähren soll, für seine "Rothemden" ebenso wie für die "Gelbhemden" - und natürlich für den wegen Korruption verurteilten Thaksin.

Doch der hat mittlerweile offensichtlich Kreide gefressen. Er habe "keine Eile", erklärte er in ersten Interviews nach der Wahl, und werde nur nach Thailand zurückkommen, wenn seine Partei und seine Schwester dadurch keine Probleme bekämen.

Die politisch unerfahrene Yingluck muss in der Politik nun die Härte beweisen, die sie als Geschäftsfrau im weitverzweigten Shinawatra-Familien-Imperium so erfolgreich hatte werden lassen. Nur dann kann es ihr gelingen, die tief gespaltene Nation wieder zu einen und Thailand das Lächeln zurückzugeben.

insgesamt 9 Beiträge
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Wattläufer 04.07.2011
1. Lady Power in Thailand
"Yinglack" wird die Dame ausgesprochen. Ich habe grade mit einer geliebten Ex in BKK telefoniert, die bei den "Roten" engagiert ist. Eine Issaan - Frau, die sich hochgearbeitet hat im Hexenkessel von Bangkok aber im Herzen immer noch eine "Isaanerin ist. Lady - Power comes to Thailand" und das Vorbild der Shinawathrha-Partei ist : Angela M. Khun Thaksin hat den armen Leuten Wohlstand versproche und auch gehalten. Als Drogendealer hat man es in TH auch nicht leicht. Warum sie gewonnen hat : Viele hochgearbeite Bangkoker wählen aus dem Herzen heraus die "Landpartei".
Altesocke 04.07.2011
2. Ja, nee, schon klar! Aber leider kein Idealismus zu erwarten!
Zitat von sysopDie mächtige Armee erkennt den Wahlsieg der Opposition in Thailand zwar an. Doch auf die künftige Regierungschefin Yingluck wartet dennoch eine Herkules-Aufgabe:*Die Geschäftsfrau muss ihre unzähligen Versprechen*einlösen - und ihren im Exil lebenden Bruder vergessen machen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772138,00.html
Solchen Bloedsinn koennen auch nur Leute glauben/schreiben, die noch nie mit Thai-Anhaengern der verschiedenen Parteien/Machbloecke gesprochen haben. Und die die Familienkungeleien der Asiaten nur vom Hoeren-Sagen kennen! Die Schwester wird die Amnesy ermoeglichen, die Deals mit den Militaers werden vergoldet ausgeweitet, Taksin kann dann zurueck, und noch vor Ablauf der Legislaturperiode verlangt Taksin seine 47 Milliarden Baht zurueck,wird dann Berater seiner Schwester/ der Regierung, und spaeter auch wieder zum Ministerpraesidenten gewaehlt Der Isaan jubelt, jetzt wird wieder mit Kleinkrediten gerechnet, die bei Faelligkeit mit einem etwas groesserem Kleinkredit gedeckt werden. (Kommt mit Milliardenkrediten bekannt vor, huu?) Bangkok und weiter suedlich wird die Zukunft der eigenen Kinder als gefaehrded betrachtet. Hat Yai befuerchtet neue Bomben und Anschlaege, sowie polizeiliche 'Massnahmen' Und da ist diese Frage zentral fuer: Damit verlieren die Militaers ihre Argumentation, mit der sie ihre Eingreifen der letzten Jahre rechtfertigten! Den Sohn will keiner, ausser: Taksin und Co.! Der Kreis schliesst sich. Der Ausverkauf zu Gunsten der einen, oder jetzt wieder der anderen, politischen 'Elite' und ihrer Freunde wird weitergehen! Daran aendert keine Regierung etwas, nur die Taschen wechseln immer wieder. Muss sie? Wo steht das? Wer sagt das? Vielleicht sollte sie das, und mit dem Familienvermoegen im Ruecken koennte man vielleicht denken, das es ja 'alternativlos' waere. Aber auch da fehlt eine Kenntnis ueber Thaiclans chinesischer Abstammung: Viel Geld haben ist gut, noch mehr Geld (=Macht) haben, ist besser. Und Korruption ist das gewaehlte Mittel zum Zweck! Ausserdem will sie bestimmt am Leben auch weiterhin teilnehmen. Gerade Reiche haben meist Hemmungen, lebensverkuerzende Massnahmen auch nur ins Gespraech zu bringen.
Chiangdao 04.07.2011
3. Thailands Wahlsiegerin Yingluck
Viel Glück von mir an die neue Präsidentin in Thailand und dem Thailändischen Volk. Ich hoffe daß das leben jetzt wieder lebenswerter wird in Thailand denn es war ja schon Kriminell in Thailand wenn man in s Internet ging. Auch liebe grüße an Altesocke, wann werden sie den Thailändischen Flughafen in BKK wieder besetzen? Thaksin hat wenigsten die Wirtschaft am Laufen gehalten und sie Altesocke Stammtischreden bei einem Bier abgehalten. Das Thailändische Volk hat das gewählt was sie für Richtig halten.
Alborz, 04.07.2011
4. re
Zitat von Wattläufer"Yinglack" wird die Dame ausgesprochen. Ich habe grade mit einer geliebten Ex in BKK telefoniert, die bei den "Roten" engagiert ist. Eine Issaan - Frau, die sich hochgearbeitet hat im Hexenkessel von Bangkok aber im Herzen immer noch eine "Isaanerin ist. Lady - Power comes to Thailand" und das Vorbild der Shinawathrha-Partei ist : Angela M. Khun Thaksin hat den armen Leuten Wohlstand versproche und auch gehalten. Als Drogendealer hat man es in TH auch nicht leicht. Warum sie gewonnen hat : Viele hochgearbeite Bangkoker wählen aus dem Herzen heraus die "Landpartei".
in BKK haben die demokraten gewonnen.
cirkular 04.07.2011
5. Im Süden
Zitat von Alborzin BKK haben die demokraten gewonnen.
hat die PT kein einziges Mandat erhalten. Wahlentscheidend ist immer der Nordosten, der auch glaubt, was man ihm verspricht. Mindestpreise für die Bauern? 10 kg Gurken für 30 Baht. Auch im industrialisierten Eastern Seabord ist PT eher schwach vertreten.
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