Sicherheit an Bahnhöfen Macht die Welt nicht zum Flughafen!

Der Anschlagsversuch in einem Thalys-Schnellzug hat auf EU-Ebene eine teils bizarre Debatte zur Folge: Forderungen nach mehr Sicherheit werden laut, bis hin zu Sicherheitsschleusen auf jedem Fernbahnhof. Es wäre ein Sieg für die Radikalen.

Wärmebild von Flugpassagieren (am Flughafen von Seoul, April 2009): Debatte um Sicherheit im Zugverkehr
REUTERS

Wärmebild von Flugpassagieren (am Flughafen von Seoul, April 2009): Debatte um Sicherheit im Zugverkehr

Ein Kommentar von , Brüssel


Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was Ayoub K. in dem Thalys-Schnellzug von Amsterdam nach Paris hätte anrichten können. Das Waffenarsenal, das der 25-Jährige mit sich führte, war für ein Blutbad geeignet. Mutige Passagiere haben den mutmaßlichen Islamisten unter Lebensgefahr aufgehalten. Noch mal Glück gehabt, könnte man sagen und zur Tagesordnung übergehen.

Doch stattdessen gewinnt nun eine teils bizarre Debatte an Fahrt: Die Forderungen nach mehr Sicherheit im Bahnverkehr werden immer lauter - bis hin zu Szenarien, Bahnhöfe gleichsam in Flughäfen zu verwandeln.

Zu den harmloseren Vorschlägen gehört noch der von Belgiens Premier Charles Michel, in internationalen Zügen Ausweis- und Gepäckkontrollen einzuführen. Doch längst wird über mehr nachgedacht. Theoretisch denkbar sei es etwa, Sicherheitskameras in Fernzüge einzubauen, bewaffnete Sicherheitsleute mitreisen zu lassen oder Zugpassagiere sowie deren Gepäck zu durchleuchten, wie ein EU-Experte am Dienstag erklärte. Technologien wie Scanner-Tunnel, durch die Passagiere laufen könnten, seien schon verfügbar oder würden derzeit entwickelt.

Man muss sich das bildlich vorstellen: Hunderte Reisende drängeln sich lange vor ihrer Abfahrt an der Sicherheitsschleuse. Das gibt es bislang nur an den Eurostar-Bahnhöfen in London, Paris, Lille und Brüssel. Solche Abfertigungshallen flächendeckend in Europa einzuführen, wäre ein Mammutprojekt. Allein in Deutschland gibt es mehr als 150 Intercity-Bahnhöfe. Nicht nur in Berlin, Hamburg und München müssten also Sicherheitsschleusen nebst Personal aufgestellt werden, sondern auch in Plochingen, Uelzen und Köthen. Sonst könnten die Terroristen einfach dort zusteigen. Und selbst dann hätte man die Regional- und Nahverkehrszüge noch nicht mit abgedeckt, die ebenfalls zu Anschlagszielen werden können, wie im März 2004 in Madrid auf tragische Weise deutlich wurde.

Die Freiheit hat ihren Preis

Am 11. September, ausgerechnet am Jahrestag der Terroranschläge in den USA, ist nun ein Sondertreffen von Verkehrs- und Sicherheitsexperten der EU sowie Branchenvertretern geplant. Das Gremium wurde unbemerkt von der Öffentlichkeit bereits im Mai 2012 gegründet. In den acht Treffen, die seitdem stattgefunden hätten, sei es um Gepäck- und Metalldiebstahl, Vandalismus oder Graffiti-Schmierereien gegangen, sagt ein Mitglied. "Sicherheit und Terrorismus hatten nie Priorität - bis jetzt."

Die Ergebnisse des Experten-Sondertreffens sollen am 8. Oktober bei einer Tagung der EU-Verkehrsminister diskutiert werden. Es bleibt zu hoffen, dass es bis dahin zu keinem weiteren Vorfall kommt, der blinden Aktionismus zur Folge haben könnte.

Eine offene Gesellschaft braucht Bewegungsfreiheit wie die Luft zum Atmen. Diese Freiheit hat einen Preis: den Verzicht auf ein Stück Sicherheit. Zu diesem Preis könnte im Extremfall auch gehören, dass Radikale Menschen töten.

Anderswo ist die Gesellschaft ebenfalls bereit, für Freiheit mit Menschenleben zu zahlen - übrigens mit viel mehr, als durch Terroranschläge verloren gehen. Auf Deutschlands Straßen etwa sterben jährlich Tausende. Doch es gibt nicht einmal ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, geschweige denn Maßnahmen wie etwa die Überwachung von Autos per GPS-Ortung. Niemand würde einen solchen Eingriff in die persönliche Freiheit akzeptieren. Auch sind die Bevölkerungen in westlichen Ländern laut Umfragen mehrheitlich gegen die Überwachung von Telefon- und Internetverbindungen durch die Geheimdienste, wohl wissend, dass dies womöglich auf Kosten der Sicherheit geht.

Wenn man sich aber in immer größeren Teilen der Welt wie an einem Flughafen fühlen müsste - wo das Gefühl allgegenwärtiger Kontrolle herrscht und schon deshalb niemand aus der Reihe tanzt -, dann hätten die Feinde der Freiheit gewonnen.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Korrespondent in der Redaktionsvertretung Brüssel.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
mistermike85 25.08.2015
1. Ja aber weint
Dann nicht wenn Ihr Opfer werdet.
poliglot85 25.08.2015
2. Doch...
Ich bin der Meinung es muss wieder mehr für die Sicherheit getan werden. Ich hätte nichts dagegen, wenn an Bahnhöfen auch kontrolliert würde, und die Grenzkontrollen wieder eingeführt werden. Zum Thema Kosten...das wäre eine Sache für die ich aus der logischen Notwendigkeit heraus zur Abwechslung mal gerne Steuern zahlen würde.
nesmo 25.08.2015
3. Schön und gut
es wäre eine unerträgliche Belastung und Einschränkung unserer Freiheit, wenn Gepäck in Zügen kontrolliert werden müsste. Ist ja richtig. Aber was tut man dann gegen Terrorismus in Zügen? Solange nichts passiert, wohl einfach gar nichts. Nach mehreren Anschlägen wird die Meinung aber kippen. Es erden dann scharfe Kontrolen gefordert werden, wenn man das Risiko anders nicht eingrenzen kann. Da helfen allgemeine und naive Wünsche zu unserem europäischen way off life überhaupt nichts mehr.
rickmarten 25.08.2015
4. Das ist doch grotesk
Gerade fahren hunderttausende Zuwanderer ohne jedes Visum und Sicherheitscheck in Zügen quer durch Europa. Ken Mensch weiss, was da an Waffen etc. im Gepäck ist. Hier wird die Idee der offenen Gesellschaft völlig mißverstanden als offen-naive Gesellschaft. Wo man auf der einen Seite höchste Sicherheitsstandards auf Flughäfen anlegt, existieren daneben offene Parallelwelten
cedebe 25.08.2015
5. damit
wäre die Bahn für Geschäftsreisen über 200km nicht mehr konkurrenzfähig zum Flugzeug.
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