Großbritannien Theresa May reicht bei der Queen ihren Rücktritt ein

Das war's: Theresa May hat ihre letzten Auftritte als britische Regierungschefin absolviert. Ihrem "Freund" und Nachfolger Boris Johnson wünscht sie Erfolg.

Tolga AKMEN / AFP

Ein Auftritt von einer Stunde im Parlament, dann noch einige Minuten des Dankes vor Downing Street Number 10 - das war's: Theresa May, 62, Premierministerin Großbritanniens, hat ihre letzten Amtspflichten als Regierungschefin geleistet. Am Mittwochnachmittag zog sie aus ihrem Amtssitz aus und fuhr zu Königin Elizabeth II. Die Queen nahm dort Mays Rücktritt an.

Zuvor hatte sie am Mittag zum letzten Mal als Premierministerin an der Fragestunde des britischen Unterhauses teilgenommen. Darin verteidigte sie ihren Nachfolger und Ex-Außenminister Boris Johnson gegen Vorwürfe aus der Labour-Partei: Er sei ein "guter Freund" und werde sowohl die Konservative Partei als auch die Regierung gut führen, sagte May. Johnson sei ein guter Minister in ihrem Kabinett gewesen.

Allerdings enthielt ihre Rede auch eine kleine Spitze gegen Johnson: Sie empfahl ihrem Nachfolger, als britischer Premier viel zu lesen. Johnson war von Opposition und Medien während seiner Zeit als Außenminister hart kritisiert worden. Ein Hauptvorwurf lautete, er sei zu faul, sich in Details einzuarbeiten.

Nach May traten eine Reihe ihrer Kabinettsmitglieder zurück. Zunächst erklärten Finanzminister Philip Hammond, Justizminister David Gauke und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart ihren Rücktritt. Darauf folgte der britische Vizepremierminister David Lidington. Er habe Johnson mitgeteilt, dass für ihn der richtige Augenblick gekommen sei, schrieb Lidington auf Twitter.

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Bei Wahl von Boris Johnson: Diese Minister drohen mit Rücktritt

May hat drei Jahre lang das Land regiert. Drei Mal fiel ihr mit der EU ausgehandeltes Brexit-Abkommen im zerstrittenen britischen Parlament durch. Dann gab sie auf. Ihr Parteifreund Johnson, einer der vehementesten Brexit-Befürworter, spielte dabei eine zentrale Rolle. Die Mitglieder der Konservativen Partei wählten ihn am Dienstag zu ihrem Vorsitzenden und damit auch zum künftigen Premier.

Labour-Chef Jeremy Corbyn, ihrem Widersacher im Unterhaus, legte May den Rücktritt nahe. Als Parteichefin, die akzeptiert habe, dass ihre Zeit zu Ende sei, könne sie Corbyn fragen, ob nicht auch seine Zeit gekommen sei. May kündigte zudem an, ihren Verpflichtungen im Unterhaus künftig als Abgeordnete für den Wahlkreis Maidenhead nachzugehen.

Corbyn fordert Neuwahlen

Corbyn wünschte May eine "geringfügig entspanntere Zeit in den Hinterbänken" und forderte Johnson gleichzeitig auf, sofort Neuwahlen auszurufen. Während Johnson kein Mandat von der Bevölkerung für sein künftiges Amt erhalten habe, sollten die Briten über ihre Zukunft entscheiden dürfen.

Als neuer Regierungschef will Johnson Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union führen - und schreckt auch vor einem Brexit ohne Abkommen nicht zurück. Er kritisiert das zwischen May und der EU ausgehandelte Abkommen - dem er als Abgeordneter selbst zugestimmt hat - als "Instrument der Einkerkerung" Großbritanniens in Zollunion und Binnenmarkt. Er pocht darauf, mit Brüssel neu zu verhandeln - was dort aber strikt abgelehnt wird. Nur Änderungen an der begleitenden politischen Erklärung seien möglich, hieß es auch nach Johnsons Wahl.

Mit Spannung wird erwartet, wen Johnson ins Kabinett holen wird. Er wird wahrscheinlich viele Regierungsposten neu besetzen. Zeitungen spekulierten etwa über ein Comeback der früheren Brexit-Minister Dominic Raab und David Davis.

Eine Personalentscheidung ist offenbar schon getroffen: Johnson will den Drahtzieher der Brexit-Kampagne, Dominic Cummings, als Berater in sein Team berufen. Das erfuhr die Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch aus Johnsons Umfeld. Offiziell stand Johnson 2016 an der Spitze der Unterstützungskampagne für den Brexit, "Vote Leave". Hinter den Kulissen spielte Cummings aber eine entscheidende Rolle.

vks/dpa

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