Mays Regierungspartner DUP Premier von Gnaden der Radikalen

Trotz ihrer Verluste will Theresa May weiterregieren. Ihre Minderheitsregierung ist allerdings abhängig von der nordirischen DUP - und die ist die irrationalste Kraft im britischen Polit-Gefüge.

Arlene Foster, die Chefin der Democratic Unionist Party (DUP)
DPA

Arlene Foster, die Chefin der Democratic Unionist Party (DUP)

Ein Kommentar von


Nordirlands mächtigste "protestantische" Partei, die Democratic Unionist Party (DUP), ist ein Produkt des Bürgerkriegs und bis heute die Lobby für ein ganz bestimmtes Segment der nordirischen Bevölkerung.

Parteien dort sind in der Regel nicht Volksvertretung, wie wir das kennen, sondern "partisan", was so viel wie parteiisch im Sinne einer Lobby bedeutet. Oder im Extremfall auch mal Partisan, so wie wir das Wort kennen: Wie Sinn Féin hat auch die DUP eine enge Verbindung zu paramilitärischen Kräften in Nordirland. Die beiden Parteien galten einst als "politische Flügel" der aktivsten, sich feindlich gegenüberstehenden Terrortruppen.

Was die DUP angeht, hat das die britische Politik mitunter peinlich berührt, aber nie vom Schulterschluss abgehalten. Ihre Wurzeln sind fundamentalistisch-evangelikal und militant anti-katholisch, die Partei und ihre Wähler sind notfalls aggressiv zur viel beschworenen "Union" mit Großbritannien entschlossen.

Sie lieben den Verbund mit Großbritannien, solange man dort tut, was ihnen gefällt. Wenn nicht, werden sie ruppig: Schöne Aussichten für eine Tory-Regierung, deren Mehrheit im Parlament nun komplett von der Zustimmung von zehn DUP-Abgeordneten abhängen wird.

Für die wegen diverser Skandale heftig umstrittene DUP-Parteichefin Arlene Foster ist das ein willkommener Machtzuwachs. Ihre nordirische Regionalregierung mit Sinn Féin (laut dem Friedensabkommen von 1998 müssen die größten Parteien der Katholiken und Protestanten in Belfast immer gemeinsam regieren) war im Frühjahr geplatzt und ist derzeit ausgesetzt. Seitdem regiert London kommissarisch, aber wieder direkt in Nordirland: Neuwahlen verweigerte Theresa May, um zu verhindern, dass dabei etwas herauskäme, das den Brexit behindern könnte.

Denn die katholische Minderheit in Nordirland, immerhin fast die Hälfte der Bevölkerung, wünscht sich weiterhin eine offene Grenze zur Republik Irland. Auch viele gemäßigte Protestanten blieben lieber in der EU oder wünschten sich zumindest einen nordirischen Sonderstatus mit EU-Zugang via Irland - insgesamt, davon geht man aus, gilt das für eine Mehrheit der nordirischen Bevölkerung.

Fotostrecke

8  Bilder
GB-Wahl: Schwarzer Abend für May, Jubel bei Corbyn

Die DUP heißt dagegen den Brexit schon aus Prinzip willkommen - allerdings ohne Nachteile für Nordirland. Man muss kein Wahrsager sein, um sich auszurechnen, worüber die DUP mit den Tories wird reden wollen: Auf dem Umweg über London könnte sie nun Forderungen durchbringen, die in einem wieder selbstverwalteten Nordirland längst nicht mehr durchzubringen sind.

Die Konservativen haben nun einen möglichen Partner an ihrer ausgesprochen rechten Seite, zu dessen Tradition es gehört, nur das zu unterstützen, was der Bevölkerungsgruppe dient, der die Partei verbunden ist. Wenn es hart auf hart kommt, packt die DUP ihr ewiges Motto aus, den Schlachtruf der militanten Protestanten: "No surrender!" - "Wir ergeben uns nie".

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
taglöhner 09.06.2017
1. Das wird nix
May tut mir persönlich inzwischen leid. Keiner, der das Ausmaß des Schlamassels überblickt, ist mehr bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich fürchte, sie selbst gehört nicht dazu (zu den Überblickern). Eigentlich müsste Johnson die Suppe auslöffeln, das wäre Anstand. Hochbegabt und historisch verantwortungslos, welche Schande.
Strichnid 09.06.2017
2.
Das ist dann wohl ein äußerst unschöner Nebeneffekt dieser Wahl. Ein paar Bonbons in Form von Investitionen im protestantischen Teil Nordirlands, und schon haben wir den Hard Brexit. Eine kleine Partei aus einem kleinen Teil des Landes hat nun den zweit-meisten Einfluss auf die Art und Weise des Brexits. Wie dumm.
interessierter10 09.06.2017
3. Nun, das kennt man...
... von den Konservativen: Hauptsache an der Macht, egal mit wem. May ist ein Paradebeispiel für eine skrupellose Machtorientierung ohne moralischen Ballast.
Epsola 09.06.2017
4.
Sie hatte eine stabile absolute Mehrheit, hat beim Versuch mehr Stabilität zu erlangen erheblich Stabilität verloren und paktiert jetzt mit einem instabilen Element und spricht sofort davon, dass das Land Stabilität brauche. Also mal ernsthaft, Frau May nimmt doch keiner mehr ernst, vermutlich nicht mal ihre eigene Partei.
querdenker13 09.06.2017
5.
Sie spielte mit dem Feuer und hat nun einen ausgesprochenen Großbrand zu löschen. Und ja, ich kann mir die Schadenfreude nicht verkneifen. Ich wünsche uns in EUROPA nur viel Glück mit dem rückständig imperialistisch denkenden Engländern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.