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13. Juli 2016, 21:06 Uhr

Machtwechsel in London

Zum Antritt einen Knaller

Aus London berichtet

Ein neuer Wohnsitz, ein neues Kabinett, eine spektakuläre Personalie: Gerade einmal zwei Tage lang hatte Theresa May Zeit, sich auf ihren Einzug in 10 Downing Street vorzubereiten. Zeit genug, um für Überraschungen zu sorgen.

Der Machtwechsel in London findet hinter verschlossenen Palasttüren statt. Einzig die ankommenden und abfahrenden Limousinen lassen erkennen, dass an diesem Mittwochnachmittag etwas im Gange ist. Die Wagen rollen von 10 Downing Street ins Parlament, zurück zum Regierungssitz und später in Richtung Buckingham Palace. An der Queen geht heute nichts vorbei. Nur sie kann Rücktritte annehmen und die Bildung einer neuen Regierung beauftragen.

Es ist kurz vor 17 Uhr, als sich das schwere Tor zum Palast öffnet: Der silberne Wagen mit David und Samantha Cameron rollt hindurch, dahinter ein Van mit den drei Kindern. Was nun passiert, darüber wird man später nicht viel erfahren: Die Audienzen zwischen Queen und Premierminister sind vertraulich. Auch wenn er sie um seine Entlassung bittet.

Als sich rund 20 Minuten später Theresa May in eine schwarze Limousine setzt und Richtung Buckingham Palace aufbricht, steht fest: Die Queen hat den Rücktritt Camerons angenommen. In der nächsten Audienz wird sie die Vorsitzende der Tories zur Premierministerin ernennen. Als Beweis wird umgehend ein Foto von May und der Queen veröffentlicht - beide strahlen.

Knapp drei Wochen sind seit dem Referendum über den Brexit, den geplanten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union vergangen. Nach all den Vorwürfen, Diskussionen, Rücktritten und Rückziehern ist dieser Mittwoch ein vergleichsweise unspektakulärer Tag. Es gibt Lob, Gelächter, Menschlichkeit und Einigkeit. Sogar die Sonne scheint.

Die Weichen für diesen harmonischen Abschied aus dem Amt hatte David Cameron bereits am Mittag gestellt. Mittwochs um 12 Uhr ist Fragestunde des Premierministers. Ein fester Termin im Kalender des Regierungschefs, bei dem er "alles wissen muss, was vor sich geht", wie es Cameron beschreibt. Normalerweise ein offener Schlagabtausch zwischen Regierung und Opposition.

Als Cameron ans Pult tritt, wirkt er erleichtert und locker. Längst ist raus, dass er doch nicht erst im Oktober abtreten wird. Der 49-Jährige ist für sein Redetalent bekannt, auch heute ist er schlagfertig, eloquent und witzig. Natürlich gibt es Seitenhiebe und Spott für die Opposition und seinen Widersacher Jeremy Corbyn - doch diesmal geben sich beide respektvoll und versöhnlich, danken und loben sich.

Sogar um die Zukunft Camerons wird sich gesorgt - wenn auch scherzhaft. Sowohl ein Fußballnationaltrainer als auch ein "Top Gear"-Moderator würden gesucht, merkt Danny Kinahan an. Doch Cameron verspricht, künftig als Hinterbänkler im Unterhaus mitzureden. "Ich werde mitfiebern." Fraglich ist, wie lange er es in dieser - für einen Ex-Premier doch ungewöhnlichen - Rolle aushält.

Cameron nutzt diese letzte Fragestunde, um an seinem Image zu arbeiten. Er will nicht als derjenige Premierminister in die Geschichtsbücher eingehen, der Großbritannien aus der EU führte und das Land mit einer unsicheren Zukunft zurücklässt.

Er will für seinen Einsatz für gleichgeschlechtliche Ehe und Sozialreformen in Erinnerung bleiben. Und räumt auch mit einem Gerücht auf: "Ich liebe Larry wirklich" - sagt er und meint den Hauskater der Downing Street. Cameron hat die Lacher noch einmal auf seiner Seite. Es ist ein versöhnlicher Abschied, der über die desaströse Fehleinschätzung Camerons hinwegtäuscht, die letztendlich zum Brexit führte.

Zu seiner Linken sitzt Theresa May auf der Bank. Sie lacht, nickt zustimmend und hält sich sonst zurück.

Ihr Auftritt folgt erst Stunden später. Während David Cameron einen fast freien, letzten Nachmittag in 10 Downing Street verbringt, bastelt May noch an ihrem Kabinett. Gerade einmal zwei Tage hatte sie Zeit, sich auf ihren Umzug und die neue Aufgabe als Regierungschefin vorzubereiten.

Am Abend werden die ersten Personalien bekannt. Finanzminister George Osborne, seit 2010 im Amt und Gegner des EU-Austritts, tritt zurück. Philip Hammond, Außenminister unter Cameron, übernimmt den Posten. Und dann der großer Knaller: Der umstrittene frühere Londoner Bürgermeister und Brexit-Befeuerer Boris Johnson soll Außenminister werden. David Davis wird "Brexit"-Minister - und damit Staatssekretär für den Austritt aus der Europäischen Union. Künftig ist er der britische Chefunterhändler in den Verhandlungen mit Brüssel.

Knapp eine Stunde nachdem Familie Cameron die offizielle Residenz verlassen hat, biegt eine Limousine mit Theresa May in die abgesperrte Straße vor 10 Downing Street ein. Mit auf der Rückbank sitzt ihr Mann Philip.

Bevor sie in 10 Downing Street einzieht und das Sicherheitsbriefing bekommt, tritt auch die 59-Jährige an das Rednerpult. Wo eben noch Cameron auf seine Amtszeit zurückgeblickt hat, gibt sie den langerwarteten Ausblick auf ihre Amtszeit - dreieinhalb Jahre sind es bis zur nächsten Wahl.

"Vertreterin aller, nicht nur der Privilegierten"

Und in denen will sie sich sozialer Gerechtigkeit und der Einigkeit des Landes widmen. "Nach dem Referendum steht uns eine Zeit großer nationaler Veränderungen bevor", sagt sie ruhig und bestimmt - und wirkt dabei gar nicht so kühl, wie es ihr in den vergangenen Tagen immer wieder nachgesagt wurde. Stattdessen richtet sie ihre Worte direkt an diejenigen, die nicht privilegiert und reich geboren sind. "Ich weiß, dass es manchmal nicht einfach ist."

Es sind viele Ungerechtigkeiten, die sie vor 10 Downing Street anprangert: Rassismus, Chancenungleichheit, Benachteiligung von Frauen, unsichere Arbeitsverhältnisse. Sie wolle alle Menschen vertreten, nicht nur die Privilegierten, sagt sie.

May gibt sich kämpferisch, auch als sie auf die wohl größte Herausforderung ihrer Amtszeit zu sprechen kommt: den Brexit. Großbritannien wird die EU verlassen, daran lässt sie keine Zweifel. Doch sie verweist auf die Einigkeit - für die auch ihre Partei stehe. "Gemeinsam werden wir ein besseres Britannien bauen", verspricht sie, dreht sich um und geht durch die schwarze Tür mit der Nummer 10. Dort ist ihr der Applaus vorerst sicher - traditionell empfangen die Angestellten so die neuen Bewohner.

Zum Abschied im Unterhaus merkte Cameron mit einem Lächeln an: "Ich war einst die Zukunft". Nun heißt die Theresa May.

Video: Cameron-Nachfolgerin May - High Heels und harte Arbeit

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