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Mays politische Bilanz Drei Jahre in der Hölle

Theresa May hat sich dem Unvermeidlichen gefügt - nach Jahren des Kampfs gegen den Autoritätsverlust. In London hält sich das Mitleid in Grenzen: Zu stur und uneinsichtig hat sie selbst an ihrem Untergang gearbeitet.

Am Ende war da nichts mehr von jenem roboterhaften Wesen, als das sie über so viele Monate verlacht worden war. Kein kalter Blick mehr, kein sturer Wille zur Selbstdisziplin. Am Ende stand Theresa May zitternd vor ihrem Amtssitz in 10 Downing Street und sprach mühevoll ihre vorerst letzten Worte als Premierministerin. Es sei die "Ehre ihres Lebens" gewesen, "dem Land, das ich liebe, zu dienen". Dann wandte sie ihrem Volk den Rücken zu.

Und so endete eine der denkwürdigsten Amtszeiten der jüngeren britischen Geschichte unter Tränen.

Dieser Rücktritt war keine Überraschung mehr. Schon seit Monaten wusste praktisch jeder in London außer Theresa May, dass es für die 62-Jährige keinen Ausweg mehr gab aus ihrer selbstgebauten Zwickmühle. Mit wachsender Verwunderung registrierten Freunde und Gegner, wie verbissen sich die Konservative weigerte, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Wie unverdrossen sie immer wieder gegen dieselbe Wand rannte. Angetrieben von dieser einen Obsession: den Brexit - und damit das einzige Projekt, das mit ihrer Amtszeit verbunden war - irgendwie über die Ziellinie zu wuchten.

Nun geht Theresa May als Unvollendete. Und das einzige, das von ihr bleiben wird, ist ein legendärer Hustenanfall - und ein Land, so zerstritten und orientierungslos wie selten zuvor.

Das Mitleid mit May hielt sich im Vereinigten Königreich an diesem Freitag jedoch in Grenzen. Denn so übel vor allem Mays eigene Partei ihr über fast drei Jahre auch mitgespielt hat, so sehr hat sie sich dieses unwürdige Ende doch selbst eingebrockt. Die erst zweite Frau in Downing Street seit Margaret Thatcher hat von Anfang an aus einem schwierigen Job einen unmöglichen gemacht.

Es ist nach all den Scharmützeln in London, Brüssel und Dublin fast schon vergessen, aber selten war ein britischer Regierungschef so stark und unangefochten wie Theresa May am 13. Juli 2016. Damals, rund drei Wochen nach dem epochalen Brexit-Referendum, übernahm die Pastorentochter aus Berkshire die Amtsgeschäfte von ihrem grandios gescheiterten Parteifreund David Cameron. Alle möglichen Konkurrenten hatten sich zuvor auf fast schon slapstickhafte Weise selbst aus dem Weg geräumt.

Plötzlich stand da diese hochgewachsene Frau vor der schwarzen Tür in Downing Street, die sich zuvor sechs Jahre auf dem Schleudersitz im Innenministerium und bei hitzigen Auseinandersetzungen meist im Hintergrund gehalten hatte. Eine - halbherzige - EU-Freundin, die fast schon berüchtigt dafür war, allen Hinterzimmer-Händel in Westminister fernzubleiben, und die nun ihrem Volk versprach: Ich werde den Brexit liefern. Das Volk dankte es mit Beliebtheitswerten, die schon lange kein Premier mehr hatte vorweisen können.

Ohne Not den harten Weg gewählt

Zur bitteren Ironie dieser vergangenen drei Jahre gehört: Hätte May damals, am Beginn und auf dem Höhepunkt ihrer Macht, jenen Brexit-Kompromiss vorgeschlagen, für den sie zuletzt immer verzweifelter warb, ihre Partei und große Teile der Opposition hätten ihn dankbar angenommen.

May aber entschied sich ohne Not für einen anderen Weg. Um den nationalistisch wiedererweckten Hardlinern ihrer eigenen Partei zu gefallen - deren ausländerfeindliche Gesinnung auch May nie fremd war -, versprach sie den Briten eine harte Scheidung von der EU. Nach ihrer Logik war es unvermeidlich, den EU-Binnenmarkt und die Zollunion zu verlassen, nur so wäre es auch möglich, den ungehinderten Zuzug von EU-Ausländern zu stoppen. Damit verknüpfte sie ihr Schicksal mit einer etwa 80-köpfigen Gruppe ultrarechter Tories - ein Brückenschlag zu den gemäßigten Kräften ihrer Partei und zur Opposition blieb aus.

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Mays Karriere in Bildern: Die Brexit-Premierministerin

Foto: Stephen Hird/ REUTERS

Um sich für diesen Weg ein klares Mandat zu sichern, rief May im Frühjahr 2017 Neuwahlen aus. Die Umfragen waren beglückend: Nicht nur würde sie eine satte absolute Mehrheit holen, sondern bei der Gelegenheit auch die zerstrittene Labour-Partei unter dem verhassten Sozialisten Jeremy Corbyn pulverisieren.

Dachte man.

Dann aber lieferte May einen desaströsen Wahlkampf ab, an dessen Ende sie gedemütigt eine Minderheitsregierung bilden musste.

Von nun an war sie den Hardlinern ihrer Partei vollständig ausgeliefert, die bei jeder Ankündigung eines harten Brexit einen noch härteren verlangten. Als May erkannte, dass mit den Tory-Ultras nur ein vertragsloser Bruch mit der EU zu machen sein würde, schwenkte sie schließlich um und suchte Verbündete unter gemäßigten Konservativen und bei der Opposition.

Mays einsamer Rekord

Aber da waren bereits mehr als zwei Jahre und mit ihnen Mays gesamte Autorität dahin. Jeder Kompromiss, den sie fortan anbot, wurde überschattet von der Tatsache, dass ein Großteil der Abgeordneten im britischen Unterhaus sie einfach nur noch loswerden wollte: die einen, um May durch einen "echten" Brexiteer zu ersetzen, der Europa zeigen werde, wo es langgeht - die anderen, um per Neuwahlen einen Machtwechsel zu erreichen.

Es dauerte danach noch einmal viele Wochen, bis May begriff, dass sie nichts mehr retten kann. Wochen, in denen May - anders als sie das je gewollt haben kann - dann doch noch geschichtsträchtige Leistungen vollbrachte: Als erste Regierungschefin in der britischen Geschichte wurde sie vom Parlament wegen "Missachtung" abgestraft; nie zuvor hatte das Unterhaus drei Mal in Folge das zentrale politische Vorhaben einer Regierung blockiert. Und mit 36 Ministern und Staatssekretären, die in nicht mal drei Jahren zurücktraten, hält May in der jüngeren Geschichte einen einsamen Rekord.

Video: Mays Amtszeit - Pleiten, Pech und viel Humor

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May aber blieb und führte ihr Land und ihre Partei, drei Jahre nach dem Brexit-Referendum, sogar noch einmal in eine Europawahl, aus der die Tories vermutlich als Splitterpartei hervorgehen werden. Es war die finale Erniedrigung für eine Regierungschefin, die so oft und so gehässig gedemütigt wurde wie wenige Staatschefs vor ihr.

Es bedurfte dann allerdings doch noch einmal des vereinten Drucks ihres Kabinetts und eines großen Teils ihrer eigenen Hinterbänkler, um May endlich zur Einsicht zu zwingen. Mit ihrem Mann Philip ging sie am Donnerstag an ihrem Wohnort Sonning pflichtschuldig noch einmal wählen. Dann, rund zwölf Stunden nach Schließung der Wahllokale, verkündete sie ihren Rücktritt als Parteichefin.

Bis zur Wahl eines Nachfolgers wird sie nun noch im Amt bleiben. Und vieles spricht dafür, dass es sich bei diesem Nachfolger am Ende um Boris Johnson handeln könnte, einen Brexiteer, Hallodri und politischen Brandstifter erster Güte.

Für ihn hatte May ganz am Ende noch eine Botschaft parat. "Das Leben hängt von Kompromissen ab", sagte sie mit stockender Stimme. Sie selbst hat das schmerzhaft und spät gelernt.

Zu spät.

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