Thierse im Iran Rätselhafte Gespräche im Land der Widersprüche

Bundestagspräsident Thierse wollte im Iran "nicht den Mund halten" und den Reformern den Rücken stärken. Doch im Land der Mullahs geht wenig auf direktem Wege. Lernen musste vor allem der Besucher aus Deutschland.

Von Susanne Fischer


Wolfgang Thierse mit dem iranischen Parlamentssprecher Mehdi Karubi: "Wenn Sie fünf Minuten fragen, muss ich fünf Stunden über die Antworten nachdenken"
DPA

Wolfgang Thierse mit dem iranischen Parlamentssprecher Mehdi Karubi: "Wenn Sie fünf Minuten fragen, muss ich fünf Stunden über die Antworten nachdenken"

Die Inszenierung war perfekt, die Botschaft klar. Kaum hatte Wolfgang Thierse im Hörsaal des Teheraner Zentrums für den Dialog der Zivilisationen Platz genommen, ertönte mit pompöser Musikuntermalung die iranische Nationalhymne. Anschließend zitierte ein junger Iraner eine Viertelstunde lang in melodiösem Singsang Suren aus dem Koran. Dann erst durfte der Bundestagspräsident mit seinem Vortrag über "Perspektiven des interkulturellen Dialogs" beginnen - vor handverlesenem Publikum.

Thierse hatte auf dem Besuch des Kulturzentrums bestanden. Die Begegnung mit dem zurückgetretenen Kulturminister Ajatollah Mohadscherani sollte ein deutliches "Zeichen der Unterstützung" für die iranischen Reformer sein. Tatsächlich zeigte sie, deutlicher als jeder andere Termin der Reise, Risiken und mögliche Nebenwirkungen des deutsch-iranischen Dialogs.

"Ich bin kein Diplomat", hatte Thierse vor seiner Abreise gesagt, "und ich fahre nicht so weit, um den Mund zu halten." Doch wie redet man miteinander, wenn der eine zu Hause beweisen will, dass er den Mut zu deutlichen Worten hat, und der andere womöglich um seine Leben fürchten muss, falls er offen antwortet? Wenn zudem bei jedem Gespräch ein iranischer Protokollführer eifrig jedes Wort notiert?

Die hohe Kunst: Hören, was nicht gesagt wird

Man deutet an. "Das Kulturzentrum", fragt Thierse, "ist ja so eine Art Think-Tank. Welche Formen des Einflusses gibt es auf die Politik?" Mohadscherani, der mit gefalteten Händen neben Thierse auf dem blauen Sofa sitzt, lächelt verschmitzt: "Wir werden von der Politik so viel Gebrauch machen wie beim Kochen vom Salz." Die Bitte deutscher Journalisten nach einem kurzen Interview lehnt der iranische Politiker ab, nachdem zuvor ein Sicherheitsmann mit der Formel "Terminschwierigkeiten" klargemacht hatte, dass ein Gespräch nicht gewünscht sei. Aber auch die Absage enthält eine Botschaft: "Wenn Sie fünf Minuten fragen, muss ich fünf Stunden über die Antworten nachdenken."

Wer als westlicher Politiker nach Teheran reist, muss sich in der hohen Kunst beweisen, das zu hören, was nicht gesagt wird. Ob Thierse, durch jahrzehntelange Lektüre des "Neuen Deutschland" im Zwischen-den-Zeilen-Lesen geschult, die richtigen "optimistischen Signale" heraushört, wird sich womöglich erst nach der Präsidentenwahl am 8. Juni zeigen.

Derzeit wagt sich niemand aus der Deckung vieldeutiger Formulierungen. Selbst Präsident Mohammed Chatami, auf dem noch immer die größten Hoffnungen der Deutschen ruhen, sprach in Rätseln. Auch wenn Thierse die "heitere Stimmung" des Gesprächs betonte: Mit einer klaren Botschaft kam er nicht heraus.

"Sibyllinisch" fand der SPD-Bundestagsabgeordnete Rudolf Bindig vor allem die Ausführungen Chatamis zum Mykonos-Prozess, in dem 1997 iranische Agenten des Mordes an vier Kurdenführern in einem Berliner Lokal überführt wurden und die Richter das Regime in Teheran des "Staatsterrorismus" bezichtigten. Ihm habe, berichtet ein Mitglied der Delegation, "regelrecht der Atem gestockt", als Chatami ganz in der Diktion seiner politischen Gegenspieler, den Mykonos-Prozess als Verfahren verurteilte, das "gegen alle rechtsstaatlichen Regeln auf einfache Zeugenaussagen hin hohe iranische Regierungsmitglieder" beschuldigt habe.

In den Internet-Cafés gibt es keine Zensur

"Neugierig" auf ein Land, über das er "vor allem Finsteres" gehört hatte, war Thierse in den Iran gefahren. Und fand sich wieder in einem Land, das widersprüchlicher und verwirrender kaum sein könnte. Da plädiert der deutsche Politiker, mit guten Gründen, vor iranischen Parlamentariern für Meinungsfreiheit und "angstfreien Dialog". Und ein paar Straßen weiter kommunizieren in einem der rund 30 Teheraner Internet-Cafés iranische Jugendliche ohne jede Kontrolle oder Zensur mit dem Rest der Welt über Sex, Pop und Politik. Thierse fürchtet, als er vom Programmpunkt "Museum für moderne Gegenwartskunst" hört, "sozialistischen Realismus" wie zu DDR-Zeiten. Stattdessen: Picasso, Max Ernst, Miro, Giacometti.

Irans Staatspräsident Mohammed Chatami: "Da hat regelrecht der Atem gestockt"
REUTERS

Irans Staatspräsident Mohammed Chatami: "Da hat regelrecht der Atem gestockt"

Überrascht war Thierse auch, als ein Abgeordneter von den Drogenproblemen im Land berichtete. Selbst offizielle Schätzungen gehen inzwischen von rund einer Million Abhängigen aus. "Bei den Kontrollen hier?", fragt Thierse ungläubig. Unter Jugendlichen sind die Quellen ein offenes Geheimnis: Das afghanische Heroin kommt mit dem Pizzaservice ins Haus, das Tütchen für umgerechnet 50 Pfennig.

Mit der festen Zusage, dass Menschenrechte im Iran künftig mehr Geltung haben werden, kann Thierse die deutsche Debatte über die richtige Iranpolitik nach seiner Reise nicht bereichern. Wohl aber mit einem differenzierten Bild von einem Land, dessen Probleme mit einem simplen "mit denen reden wir nicht" nicht zu lösen sind.

Und wenn er nicht gefahren wäre? Als Thierse nach einer dreiviertel Stunde aus dem ovalen Empfangszimmer von Staatspräsident Chatami kam, konnte er gleich noch dem polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski die Hand geben, der im Vorzimmer bei Tee und Keksen auf seine Audienz beim iranischen Regierungschef wartete. Zeitgleich mit Thierse weilte auch die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, in Teheran. Und die iranischen Zeitungen kündigten, neben den Fotos der gerade abgereisten österreichischen Außenministerin mit buntem Kopftuch, baldige Visiten des italienischen und des indischen Premierministers an. "Es wird weitere Besuche geben", versprach auch Thierse zum Abschluss seiner Gespräche der iranischen Presse an. Und die Iraner wissen: Selbst wenn Bundeskanzler Schröder nicht kommen sollte - einsam wird es nicht in Teheran.



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