China nach dem Tiananmen-Massaker Großmacht der Angst

Platz des Himmlischen Friedens in Peking: Chinas Regierung lässt keine Erinnerung an 1989 zu
Foto: How Hwee Young/ dpaJedes Mal, wenn sich das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens jährt, muss Bao Tong verschwinden. Er wird zum "Kurzurlaub" gedrängt. Dieses Mal hat ihn die Polizei mitgenommen, keiner weiß wohin. Der Mann ist 81 Jahre alt, ein Rentner und ein Großvater.
Das Vergehen von Herrn Bao? Er gehörte zu den Männern in der Partei, die vor 25 Jahren lieber mit den Studenten weiterverhandelt hätten, als sie niederschießen zu lassen. Und er wagt es, öffentlich darüber zu reden, was 1989 geschah.
Mehr als 50 Frauen und Männer wie Bao Tong hat die Regierung in den letzten Wochen abholen lassen, Zeitzeugen, Anwälte, Bürgerrechtler. Manche werden vielleicht wieder freigelassen, wenn der Jahrestag von Tiananmen vorüber ist.
Man könnte sich darüber lustig machen, dass die Führung eines 1,3-Milliarden-Volks, das sich zur Weltmacht aufschwingt, vor Männern wie Bao Tong Angst hat. Dass sie chinesische Mitarbeiter westlicher Medien einschüchtert. Dass sie am Vorabend des 4. Juni das Emoticon der brennenden Kerze verschwinden lässt, mit dem auf dem Kurznachrichtendienst Weibo manche an die Toten von Tiananmen erinnerten.

Tiananmen-Massaker: China fürchtet neue Proteste
China demonstriert nicht Stärke, sondern Angst
Man könnte es komisch finden, wenn es nicht so erbärmlich wäre. Das China von heute ist buchstäblich 25-mal reicher als das des Frühjahrs 1989 und könnte 25-mal selbstbewusster sein. Die Chinesen haben in den vergangenen Jahrzehnten etwas erreicht, für das sie bewundert werden: Sie haben aus einem Entwicklungsland einen modernen Industriestaat aufgebaut, der die Welt verändert hat. Um Chinas Leistung zu würdigen, reicht ein Vergleich mit der hohlen Großmacht Russland und ihren Errungenschaften der letzten 25 Jahre.
Doch Chinas Führung traut ihren Bürgern heute noch weniger als vor 25 Jahren. Es ist heute undenkbar, dass eine Gruppe von Demonstranten auf den Platz des Himmlischen Friedens zöge, die Protestierenden würden sofort festgenommen. Es ist undenkbar, dass hohe Parteikader mit kritischen Bürgern reden würden - was sie im Frühling 1989 taten, bevor sie den Aufstand niederschlugen.
Chinas Regierung lässt nicht einmal die Erinnerung an 1989 zu, geschweige denn eine Debatte. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Angst. Es ist ein Zeichen dafür, wie fragil die Grundlage ist, auf der die Herrschaft der Partei beruht.
Am Dienstag gab China seine jüngsten Wirtschaftsdaten bekannt. Sie sind hervorragend. Die Unternehmen wollen kräftig investieren, der Dienstleistungssektor boomt. Von den Ängsten und Albträumen der Regierenden, von den politischen Risiken Chinas ist in solchen Berichten nie die Rede. Der 25. Jahrestag von Tiananmen ist ein Anlass, sich daran zu erinnern.