Tibet-Debatte Olympisches Komitee gibt Sportlern Chance zu freier Meinungsäußerung

Kommentieren erlaubt, demonstrieren verboten: Der IOC-Präsident hat Wettkämpfern in einer neuen Auslegung der Olympischen Charta klar das Recht zugestanden, ihre politische Meinung zu äußern - selbst an Wettkampfstätten.


IOC-Chef Rogge: Mehr Mündigkeit für Olympioniken
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IOC-Chef Rogge: Mehr Mündigkeit für Olympioniken

Peking - Wie politisch dürfen Sportler bei den Olympischen Spielen werden? Die Tibet-Krise kurz vor den Wettkämpfen in Peking entfacht die Debatte aufs Neue - jetzt hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) eine klärende Antwort gegeben, die eine freie Meinungsäußerung während der Spiele auf jeden Fall ermöglichen soll.

IOC-Präsident Jacques Rogge stimmte am Nachmittag einem Antrag zu, nach dem Sportler während der Wettkämpfe generell ihre politische Meinung äußern dürfen. Die gemeinsame Resolution der National Olympic Comitees (NOK) und des IOC hält fest: "Jedem Sportler wird es im Rahmen der Regeln der Olympischen Charta möglich sein, seine Meinung vor, während und nach den Olympischen Spielen frei zu äußern."

Konkret sind politische Demonstrationen wie das Tragen von Bannern, Plakaten oder Ähnlichem zwar weiter untersagt und können mit dem Ausschluss geahndet werden. Doch wird erstmals klar unterschieden zwischen solch symbolischer Meinungsäußerung und der mündlichen. "Ein Statement in einer Pressekonferenz ist keine Demonstration", hatte auch der Präsident des deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, schon am Montag gesagt. Die Nationalen Olympischen Komitees von 17 europäischen Staaten hatten den Antrag eingereicht.

Er räumt den Sportlern mehr Mündigkeit ein und schafft Klarheit bei der Auslegung des Paragraphen 51 der Olympischen Charta. Die Charta ist das verbindliche Regelwerk, nach dem das IOC operiert. Die nichtstaatliche Organisation, die ihren Sitz im schweizerischen Lausanne hat, definiert hierin die grundlegenden ethischen Verhaltensgrundlagen, nach denen sich Sportler und IOC-Mitglieder zu richten haben. Paragraph 51 untersagt es in Absatz 3 Sportlern generell, ihre politische oder religiöse Meinung an irgendeinem olympischen Ort kundzutun. Nun ist sichergestellt, dass sich dies zum Beispiel nicht auf politische Statements vor der Presse erstreckt.

Leitfäden zur neuen Mündigkeitsregelung will das IOC umgehend an alle Nationalen Olympischen Kommitees herausgeben. Einzelne Fälle, in denen die Richtlinie zur Anwendung kommt, werde man "mit viel gesundem Menschenverstand prüfen", sagte IOC-Chef Rogge nach der heutigen Sitzung.

sv/ssu



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