Tibet Fackellauf im Vakuum

Ein paar bestellte Claqueure, ausgewählte Journalisten und ein Großaufgebot von Sicherheitskräften waren die Zeugen am heikelsten Streckenabschnitt, den die Olympische Fackel auf ihrer Weltreise passierte. In Lhasa überließen Chinas Machthaber drei Monate nach den Unruhen nichts dem Zufall.


Lhasa - Der elf Kilometer lange Fackellauf führte vom Norbulingka-Palast, der einstigen Sommerresidenz des Dalai Lamas, zum historischen Sitz der tibetischen Regierung, dem hochgelegenen Potala-Palast. Entlang der gesamten Strecke waren Polizisten und Soldaten positioniert, Zwischenfälle wurden nicht gemeldet.

"I love China": Streng reglementierter Jubel in Lhasa
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"I love China": Streng reglementierter Jubel in Lhasa

Als Zuschauer wurden bei dem Fackellauf durch die tibetische Hauptstadt nur Menschen mit einer speziellen Akkreditierung zugelassen. Die ausgewählten Zuschauer schwenkten Fahnen und riefen "China". Erster Läufer war nach Angaben des Staatsfernsehens der 75-jährige Gonpo, ein tibetisches Bergsteiger-Idol. Die ursprünglich für die Dauer von drei Tagen angesetzte Tibet-Etappe wurde auf einen Tag reduziert. Der Grund dafür war den Veranstaltern zufolge, dass nachträglich die Provinz Sichuan einbezogen wurde. Diese war Schauplatz des schweren Erdbebens vom 12. Mai, dem fast 70.000 Menschen zum Opfer fielen.

Etwa die Hälfte der 156 Läufer stammte aus Tibet, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Reporter mussten im Konvoi reisen und durften nur über den Beginn und das Ende des Laufs berichten. Der Kontakt mit Bewohnern der Stadt war ihnen untersagt.

Das Staatsfernsehen übertrug die ersten Minuten des Fackellaufs live. Der Fackellauf anlässlich der Olympischen Spiele in Peking war Ende März in der chinesischen Hauptstadt gestartet und wurde vor allem im westlichen Ausland von teilweise heftigen Protesten gegen die Tibet-Politik Pekings begleitet.

Tibet-Aktivisten hatten den Stopp der Olympischen Flamme in Lhasa kritisiert und der chinesischen Regierung vorgeworfen, sie wolle damit demonstrativ ihre Herrschaft über die Himalaya-Region zur Schau stellen.

Der Dalai Lama hatte seine Landsleute jedoch aufgefordert, den Fackellauf nicht zu stören und zu respektieren. Die Tibeter unterstützten die Olympischen Spiele, wozu auch der Fackellauf gehöre, hatte das religiöse Oberhaupt der Tibeter im Vorfeld betont. Vor dem Fackellauf zeigte sich Tibets Vizeregierungschef nach Angaben der Staatsagentur Xinhua überzeugt, dass die Sicherheit auf der Etappe gewahrt werden könne. Er warf exiltibetischen Gruppen vor, den Lauf durch Tibets Hauptstadt sabotieren zu wollen.

Im März waren bei der Niederschlagung anti-chinesischer Proteste in der Region nach Angaben von Exiltibetern 203 Menschen ums Leben gekommen. Die chinesische Regierung spricht von rund zwanzig Toten und wirft den Tibetern vor, mit ihren Protesten die Olympischen Spiele torpedieren zu wollen.

Die chinesischen Behörden ließen am Freitag 1157 Beteiligte an den anti-chinesischen Protesten in Tibet Mitte März frei, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf den tibetischen Vizepräsidenten Palma Trily berichtete. Sie waren demnach wegen kleinerer Straftaten im Zusammenhang mit den Protesten in Haft.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International begrüßte die Freilassungen und forderte Aufklärung über die 116 Inhaftierten, denen noch der Prozess gemacht werden soll. Am 29. April waren schon 30 Mönche und andere Teilnehmer an den Unruhen zu hohen Strafen bis hin zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

dab/AFP/AP/dpa



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