Tibet-Krise China legt angebliche Beweise über Dalai Lama als "Drahtzieher" vor

China gibt dem Dalai Lama die Schuld an dem Aufstand in Tibet - und hat angebliche Beweise dafür veröffentlicht: Die exiltibetische Regierung soll zum Verteilen von Flugblättern für einen Aufstand aufgerufen haben. Die Quelle der Behauptungen: Das Geständnis eines "Verdächtigen".


Peking - Die amtlichen chinesischen Zeitungen zitierten das Geständnis eines nicht näher beschriebenen "Verdächtigen": Er habe berichtet, dass ihn die Sicherheitsabteilung der exiltibetischen Regierung im indischen Dharamsala zum Verteilen von Flugblättern für einen Aufstand des tibetischen Volkes an Mönche und andere Tibeter aufgefordert habe.

Dalai Lama: Nicht Unabhängigkeit, sondern kulturelle Autonomie
AFP

Dalai Lama: Nicht Unabhängigkeit, sondern kulturelle Autonomie

Weiter hieß es, ein Treffen der "Dalai-Lama-Clique" am 14. März, dem Tag der schweren Ausschreitungen in Lhasa, habe beschlossen, alle Klöster mit mehr als hundert Mönchen zu mobilisieren.

Der Premierminister der exiltibetischen Regierung habe auf dem Treffen gesagt, die Tibeter sollten die seltene Chance der Olympischen Spiele in diesem Jahr in Peking nutzen, um Fortschritte für Tibet zu erzielen. So solle der Weg für eine Rückkehr des Dalai Lamas, des religiösen Oberhaupts der Tibeter, aus dem Exil geebnet und mehr Autonomie für das alte tibetische Gebiet erreicht werden, die über die heutige Autonome Region Tibet hinausreiche.

Das exiltibetische Finanzministerium sei instruiert worden, den Kampf gegen die chinesische Regierung zu finanzieren, hieß es weiter. Am Tag nach den Unruhen in Lhasa habe auch der Tibetische Jugendkongress (TYC) beschlossen, "Guerillas zur Infiltration in Tibet zu entsenden und einen bewaffneten Kampf aufzunehmen".

China erbost über Appell der EU

Unterdessen trotzt China den lauter werdenden Forderungen aus dem Ausland nach einem Dialog mit dem Dalai Lama: In scharfer Form hat Peking den Appell der EU-Außenminister zurückgewiesen, Gespräche mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter zur Beilegung der Tibet-Krise aufzunehmen.

Die Außenminister der 27 EU-Staaten hatten die chinesische Regierung im slowenischen Brdo zu einem "substanziellen und konstruktiven Dialog" mit dem Dalai Lama aufgefordert. Die Sprecherin des Außenministeriums in Peking, Jiang Yu, betonte daraufhin am Montag Chinas "starke Unzufriedenheit". Tibet sei "eine innere Angelegenheit Chinas". Die Außenminister sollten nicht mit zweierlei Maß messen. Sie hätten die "gewalttätigen Verbrechen wie Prügel, Zerstörungen, Plünderungen und Brandstiftung" in Lhasa verurteilen sollen. Die EU solle "nicht Salz in die Wunden der unschuldigen Opfer der Unruhen in Lhasa reiben".

Auch US-Präsident George W. Bush hatte China aufgefordert, im Gespräch eine Lösung zu suchen. Die Regierung in Peking erklärte, dies sei nur möglich, wenn der Dalai Lama von Unabhängigkeitsforderungen für Tibet Abstand nehme.

Weltweite Proteste gegen China

Der Dalai Lama hatte wiederholt betont, ihm gehe es nicht um Unabhängigkeit, sondern um kulturelle Autonomie.

Während Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao bei einer Feier in Peking das Olympische Feuer auf seinen Weg über fünf Kontinente brachte, protestierten in vielen Ländern Menschen gegen das Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte in Tibet und in den angrenzenden Provinzen. Unterstützergruppen hatten zu einem internationalen Tibet-Aktionstag aufgerufen.

In Nepals Hauptstadt Kathmandu riefen Hunderte Exil-Tibeter vor der chinesischen Botschaft in Sprechchören: "Stoppt das Töten in Tibet" und "Lang lebe der Dalai Lama". Die Polizei löste die Protestaktion auf, setzte laut Augenzeugen Schlagstöcke ein und nahm mehr als 150 Menschen fest. Die Regierung in Kathmandu unterstützt Peking in seiner Tibetpolitik.

Mehrere hundert Menschen gingen auch in Sydney in Australien auf die Straße. Dort blieben die Proteste friedlich. In der indonesischen Hauptstadt Jakarta demonstrierten vor der chinesischen Botschaft rund 200 Menschen, darunter zahlreiche buddhistische Mönche.

anr/dpa/Reuters



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