Tibet-Krise Chinesische Staatszeitung ruft zu "Vernichtung der Dalai-Clique" auf
Peking - China erhöht den Druck auf die aufständischen Tibeter. Staatliche Stellen kündigten am Samstag die rücksichtslose Niederschlagung der Protestbewegung an. Die staatliche "Volkszeitung" rief zur "Vernichtung der Dalai-Clique" auf. "China muss die Verschwörung entschlossen niederschlagen und die sogenannten Tibeter Unabhängigkeitskräfte zerschmettern", verlangte das Blatt in einem Kommentar.
In dem Leitartikel hieß es: "Wir müssen die üblen Absichten der sezessionistischen Kräfte durchschauen, das Banner der sozialen Stabilität hochhalten und die Verschwörung entschlossen niederschlagen."
Die amtlichen chinesischen Medien verbreiteten außerdem Details brutaler Angriffe von Tibetern auf Chinesen. So sei ein Wanderarbeiter mit dem Messer in die Leber gestochen worden und verblutet. Einer Frau, die verprügelt worden sei, hätten Angreifer ein Ohr abgeschnitten. Ein Arzt sei angegriffen worden, als er versucht habe, einen achtjährigen Jungen zu retten, der von der Menge niedergetrampelt worden und erstickt sei.
Chinas Behörden bestätigen höhere Totenzahlen
Die Regierung verstärkte ihre Truppen in Tibet massiv. Zudem veröffentlichten die Behörden eine Liste mit den Namen der 21 meistgesuchten Aktivisten der Protestbewegung. Die amtlichen Medien stellten die Vorgänge so dar, dass die meisten Randalierer "von einer Handvoll Schurken angestiftet" oder einige sogar "gezwungen" worden seien, sich zu beteiligen.
Ein weiteres Mal setzten die Behörden am Samstag ihre Angaben zu den Todesopfern der Unruhen herauf. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete, dass fünf weitere Bewohner und ein Polizist ihren Verletzungen erlegen seien. Dadurch sei die Zahl der Toten auf 22 gestiegen. Nach Angaben der tibetischen Exilregierung kamen bei den Unruhen 99 Tibeter in Lhasa und 19 in der Provinz Gansu ums Leben. Mehr als 600 Menschen seien verletzt worden.
In der neuen Bilanz der Regierung stieg der geschätzte Sachschaden auf mehr als 244 Millionen Yuan (22 Millionen Euro). Nach diesen amtlichen Angaben sind in der tibetischen Hauptstadt 241 Polizisten verletzt worden, davon 23 schwer. Die Zahl der verletzten Zivilisten stieg auf 382. Davon seien 58 schwer verletzt. Die Unruhestifter hätten 908 Geschäfte angegriffen und geplündert, 84 Autos angezündet sowie auch in sieben Schulen, fünf Krankenhäusern und 120 Wohnungen Feuer gelegt.
Peking warnt bereits vor einer Ausbreitung der tibetischen Unruhen auf die von Muslimen bewohnte Region Xinjiang. "Egal ob es um die Unabhängigkeit Tibets, die Unabhängigkeit Xinjiangs oder die Unabhängigkeit Taiwans geht, das Ziel ist immer gleich - Chaos zu stiften und sich vom Mutterland abzuspalten", hieß es am Samstag in einem Kommentar in den staatlichen Nachrichten. In der Autonomen Region Xinjiang leben Uiguren. Separatistengruppen fordern die Unabhängigkeit.
"Wir sollten einen Boykott der Spiele nicht ausschließen"
Der Aufstand in Tibet wird inzwischen zum weltweiten Politikum: EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering drohte China wegen der Niederschlagung der Autonomieproteste mit einem Boykott der Olympischen Spiele. Die Regierung müsse unverzüglich mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, dem Dalai Lama, verhandeln, forderte der CDU-Politiker in der "Bild am Sonntag".
Pöttering kündigte für Mittwoch eine Sondersitzung des Europäischen Parlaments über die Lage in Tibet an. Die EU-Staaten forderte er zur geschlossenen Verteidigung der Menschenrechte in Tibet auf. Zudem stellte Pöttering die Entwicklungszusammenarbeit mit Peking in Frage. Offiziell hat sich die EU bislang gegen einen Olympia-Boykott ausgesprochen, ebenso Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
Blieben Signale der Verständigung aus, seien Boykottmaßnahmen gerechtfertigt. "Wir sollten einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking nicht ausschließen", sagte Pöttering. "Wir wollen erfolgreiche Spiele - aber nicht zum Preis des kulturellen Völkermords an den Tibetern, von dem der Dalai Lama spricht."
In der vergangenen Woche waren die Proteste von tibetischen Mönchen gegen Chinas Herrschaft in Gewalt umgeschlagen. Peking wirft dem Dalai Lama vor, die gewaltsamen Proteste in Lhasa und anderen Regionen angestiftet zu haben. Der tibetische Führer im Exil versichert dagegen, er strebe nach Autonomie für sein Volk, nicht nach Unabhängigkeit.
Autorin unter Hausarrest gestellt
In Peking wurden die tibetische Autorin Tsering Woeser und ihr chinesischer Ehemann Wang Lixiong, ebenfalls ein Autor, praktisch unter Hausarrest gestellt. "Egal, was wir machen wollen - wir müssen erst um Genehmigung bitten", sagte Wang Lixiong dem US-amerikanischen Sender Radio Free Asia. "Nur wenn höhere Stellen es billigen, können wir uns unter Bewachung bewegen", zitierte ihn der Sender.
Bisher sei vor allem er das Ziel der Staatssicherheit gewesen, doch jetzt sei es seine Frau. Tsering Woeser hat zehn Bücher geschrieben, darunter eine Gedichtesammlung und zwei Bücher über die Kulturrevolution (1966-76), doch sind ihre meisten Werke in China verboten. Ihr Internetblog wurde im vergangenen Jahr von der Zensur gesperrt, nachdem sie ein Foto des Dalai Lama veröffentlicht hatte.
wal/Reuters/AFP/AP/dpa