Tibet-Krise Uno-Berater Lemke will nach Lhasa reisen - und warnt vor Olympia-Boykott

Er möchte sich in Tibet rasch ein Bild von der aktuellen Lage machen - und warnt vor einem voreiligen Olympia-Boykott: Willi Lemke wurde heute in Berlin als neuer Sport-Sonderberater der Uno vorgestellt.

Berlin - Ein Boykott der Olympischen Sommerspiele in China wäre "so schnell wie möglich überhaupt nicht zielführend", sagte Willi Lemke in Berlin. Der neue Uno-Sonderberater für Sport und Entwicklung warnte vor Schnellschüssen in Reaktion auf den Tibet-Konflikt. Er kündigte an, dass er im Auftrag von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon baldmöglichst nach Peking reisen werde. Gegebenenfalls werde er sich auch in Tibet vor Ort ein Bild von der Lage machen. "Ich möchte mir die Faktenlage nicht erzählen lassen, sondern vor Ort sehen", sagte Lemke.

Er werde zunächst nach New York reisen, um Ban Ki Moon persönlich zu treffen, anschließend werde er mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beraten. Für den Umgang mit dem chinesisch-tibetischen Konflikt gebe es "keine Patentrezepte", sagte Lemke. Der SPD-Politiker wird sein Amt im April oder Mai antreten.

Im Mittelpunkt seiner Reise nach Peking sollte nach ursprünglicher Planung die Frage stehen, wie sich die Sommerspiele nutzen lassen, um die Uno-Millenniumsziele zum Abbau von Hunger und Armut umzusetzen, sagte der scheidende Bremer Innensenator. Nun sei der Tibet-Konflikt hinzugekommen.

Lemke sagte, Tibet sei das "Hauptproblem", das ihn in den nächsten Wochen und Monaten beschäftigen werde. Die Uno hatte die Ernennung Lemkes am Dienstag bekanntgegeben. Der SPD-Politiker war von der Bundesregierung Ende vergangenen Jahres vorgeschlagen worden und setzte sich unter anderem gegen das brasilianische Fußball-Idol Pelé durch.

"Ich weiß, dass ich ohne schwere Bewaffnung nach Peking gehen werde. Ich habe nur die Kraft der Worte", sagte Lemke. Auf die Frage, wie er in die abgeriegelte Himalaja-Region gelangen wolle, antwortete Lemke, diese Frage werde er an das Nationale Olympische Komitee in Peking richten. "Wenn ich den Wunsch habe, im Auftrag des Uno-Generalsekretärs nach Tibet zu reisen, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass das abgeschlagen wird", sagte er. Das wäre sonst ein "Affront".

Lemke unterstrich, dass er "überhaupt keine Repolitisierung des Sports" anstrebe. Im Gegenteil müsse es eine Rückbesinnung auf die olympischen Ideale geben. Er stellte die Vorbildfunktion der Sportler für die Jugend heraus. Der Sport könne zur Gewaltprävention in Staaten am Rande des Bürgerkriegs dienen. Er könne auch nach einem gewaltsamen Konflikt helfen, traumatisierten Jugendliche wieder einen Weg in die Normalität zu weisen.

Lemke tritt die Nachfolge des Schweizers Adolf Ogi an und bekommt für seine Tätigkeit ein symbolisches Gehalt von einem Dollar. Die Bundesregierung unterstützt die Stelle mit 450.000 Euro. Die Summe wird laut Lemke für die Finanzierung seiner Büros in Genf und New York eingesetzt. Der 61-Jährige selbst wird im Auftrag der Uno in der ganzen Welt unterwegs sein, will seinen Wohnsitz aber bei seiner Familie in Bremen behalten.

Am Freitag waren tagelange Proteste in der tibetischen Hauptstadt Lhasa gewaltsam eskaliert. Anlass der Proteste war der 49. Jahrestag eines Aufstandes gegen die chinesischen Besatzer. Die Demonstrationen weiteten sich dann auf andere Regionen Chinas aus, in denen viele Tibeter leben. Insgesamt starben nach Angaben des Exilparlaments der Tibeter hundert oder sogar mehrere hundert Menschen. Die chinesische Regierung sprach von 13 Toten.

flo/AFP/AP

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