Tiergarten-Mord Russischer Auftragskiller identifiziert

Wer war der Mann, der in Berlin einen Georgier erschoss? Recherchen des SPIEGEL und seiner Kooperationspartner belegen: Es war ein zuvor international gesuchter Mörder, der womöglich im Auftrag des Kreml handelte.

Vergleich per Gesichtserkennungssoftware: Verdächtiger Sokolov ist Vadim Krasikov
Bellingcat/ DER SPIEGEL

Vergleich per Gesichtserkennungssoftware: Verdächtiger Sokolov ist Vadim Krasikov


Der mutmaßliche Auftragsmörder aus dem Kleinen Tiergarten in Berlin ist identifiziert. Nach Recherchen des SPIEGEL und seiner Kooperationspartner Bellingcat, The Dossier Centre und The Insider handelt es sich dabei um den 54-jährigen russischen Staatsbürger Vadim Krasikov.

Per Gesichtserkennungssoftware wurden Fotos von Krasikov mit einem Bild des Mannes verglichen, der unter dem Namen Sokolov in Berlin in Untersuchungshaft sitzt. Ergebnis: eine Übereinstimmung von über 80 Prozent.

Krasikov war Ende August mit Ausweispapieren in die EU eingereist, die ihn als Vadim Sokolov, 49, auswiesen. Am 23. August hatte er den Georgier Zelimkhan Khangoshvili in Berlin erschossen und war danach unweit des Tatorts festgenommen worden. Khangoshvili war ein ehemaliger Tschetschenien-Kämpfer und hatte danach über viele Jahre in Georgien und der Ukraine gegen russische Interessen gearbeitet. Zuletzt hatte er in Deutschland Asyl beantragt.

Der SPIEGEL und seine Kooperationspartner hatten schon kurz nach dem Mord aufgedeckt, dass Krasikov offenbar unter falscher Identität eingereist war. So war

  • sein Reisepass auf den Namen Sokolov nicht in der russischen Datenbank für Reisepässe eingetragen.
  • Er war nicht im russischen Ein- und Ausreiseregister eingetragen, obwohl er kurz vor dem Mord von Russland nach Paris geflogen war.
  • Er hatte keinen Führerschein,
  • seine beim Visumsantrag für den Schengenraum angegebene Adresse war falsch
  • und bei seinem angeblichen Arbeitgeber war er unbekannt.

Weitere Recherchen hatten gezeigt, dass die Personalie Sokolov im Register für nationale russische Ausweispapiere mit einem Sperrvermerk versehen war und dass seine Sozialversicherungsnummer erst kurze Zeit vor dem Mord vergeben worden war. Ebenso war sein Reisepass auf Sokolov erst kurz zuvor ausgestellt worden.

Auf Krasikovs Identität stießen die deutschen Ermittler über einen gelöschten internationalen Haftbefehl und ein Fahndungsersuchen Russlands aus dem Jahr 2014. Er wurde damals des Mordes an einem russischen Geschäftsmann 2013 verdächtigt. Videoaufnahmen zeigen, dass der Täter sich damals seinem Opfer auf einem Fahrrad näherte und nach der Tat wieder damit wegfuhr. Er schoss seinem Opfer damals in den Rücken und den Kopf.

Screenshot aus russischer Nachrichtensendung
screenshot/ life.ru

Screenshot aus russischer Nachrichtensendung

Auch beim Tiergarten-Mord näherte sich Krasikov alias Sokolov seinem Opfer per Fahrrad. Er schoss seinem Opfer in den Körper und in den Kopf und flüchtete mit dem Rad.

Ein Jahr nach dem internationalen Haftbefehl zog Moskau die Fahndung nach Krasikov überraschend zurück. Kurz darauf wurde erstmals ein nationales russisches Ausweisdokument auf die Sokolov-Personalie ausgestellt. Die Ermittler werten dies als stärkstes Indiz dafür, dass der russische Staat in dem Mord im kleinen Tiergarten im August dieses Jahres verwickelt sein dürfte.

Der Generalbundesanwalt prüft derzeit noch die Übernahme des Falls wegen seiner "besonderen Bedeutung". Eine Entscheidung darüber dürfte in den kommenden Tagen fallen.

Von Maik Baumgärtner, Jörg Diehl, Christo Grozev, Roman Lehberger, Fidelius Schmid, Wolf Wiedmann-Schmidt und Jörg Schmitt

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