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30. Juni 2012, 17:15 Uhr

Bürgerkrieg in Mali

Islamisten zerstören Weltkulturerbe

Bewaffnete Islamisten haben in Timbuktu die Macht übernommen und die einheimischen Tuareg-Rebellen aus der Stadt im Norden Malis vertrieben. Jetzt beginnen sie, Mausoleen und Friedhöfe zu zerstören. Verwüstet wurde auch das Grab eines Heiligen, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Timbuktu - Bewaffnete Islamisten haben in Timbuktu im Norden Malis ein zum Unesco-Weltkulturerbe zählendes Mausoleum zerstört. Mitglieder der Islamistengruppe Ansar Dine hätten am Samstag das Mausoleum des sufistischen Heiligen Sidi Mahmud verwüstet, berichteten Augenzeugen der Nachrichtenagentur AFP. Es war bereits im Mai teilweise zerstört worden. Nun rissen die Islamisten die Mauer der Grabstätte ein, wie aus dem Umfeld eines Imam bestätigt wurde. Wegen des bewaffneten Konflikts in Mali hatte das Unesco-Welterbekomitee die Wüstenstadt Timbuktu erst am Donnerstag auf die Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt.

"Sie haben gesagt, dass sie alles zerstören wollen", sagte ein Journalist, der namentlich nicht genannt werden wollte. Damit reagierten die Islamisten den Angaben zufolge auf die Entscheidung des Welterbekomitees vom Donnerstag. Sie werfen der Unesco nach Angaben eines Augenzeugen vor, sich "in ihre Angelegenheiten einzumischen". Die Islamisten lehnen den Sufismus - eine besondere Strömung des Islam - vehement ab. Insbesondere die Verehrung von Heiligen ist den Radikalen ein Ärgernis.

Das rund tausend Kilometer nördlich von Malis Hauptstadt Bamako gelegene Timbuktu am Rande der Sahara wird auch "Perle der Wüste" genannt und zählt seit 1988 zum Weltkulturerbe. Die zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert von Tuareg-Stämmen gegründete Stadt war ein geistiges Zentrum des Islam und beherbergt Tausende historische Manuskripte. Neben drei großen Moscheen gehören 16 Friedhöfe und Mausoleen zum Weltkulturerbe.

Die Regierung in Frankreich hat die willkürliche Zerstörung muslimischer Mausoleen in Timbuktu verurteilt. "Die systematische Zerstörung dieser Orte der Andacht und des Gebets, die seit Jahrhunderten zur Seele dieser prestigeträchtigen Stadt gehören, ist eine unerträgliche Handlung", teilte das Außenministerium am Samstag in Paris mit. In der Mitteilung wurde "eine Ende dieser Gewaltakte und dieser Intoleranz" gefordert.

Islamisten vertreiben einheimische Tuareg-Rebellen

Das westafrikanische Land Mali steckt in der Krise, seit es einer Gruppe von Soldaten im März gelungen war, die Macht an sich zu reißen und Präsident Amadou Toumani Touré zu stürzen. Nach dem Putsch gelang es Islamisten und Tuareg-Rebellen binnen Tagen, Teile des Nordens unter ihre Kontrolle zu bringen.

Seither ist die Lage unübersichtlich. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen den verschiedenen islamistischen Gruppen und Tuareg-Rebellen, die einen säkularen Staat fordern. Im Mai verkündeten die Tuareg-Rebellen einen Zusammenschluss mit der Islamistengruppe Ansar Dine.

Doch in der mehr als 400 Kilometer von Timbuktu entfernten Stadt Gao soll Ende Juni wieder Gewalt ausgebrochen sein. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet, die Islamisten hätten alle Tuareg-Vertreter ihrer Ämter enthoben, es habe Schießereien gegeben, mehr als 20 Menschen sollen ermordet worden sein. Nach der Übernahme Gaos sollen die Islamisten den Tuareg-Rebellen in Timbuktu ein Ultimatum gestellt haben, die Kämpfer sollen die Stadt binnen zwei Stunden verlassen haben.

lis/bos/dpa/AFP/Reuters

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