Bestattungsrituale der Toraja Mit dem Tod unter einem Dach

Das Volk der Toraja aus Indonesien lebt mit seinen Toten: Leichen von Angehörigen werden angezogen, bekommen Essen, nehmen weiter am Familienalltag teil. Ein Fotograf hat den Brauch dokumentiert.

Verwandte mit dem leblosen Körper einer Angehörigen, die zwei Jahre zuvor verstorben ist
Claudio Sieber

Verwandte mit dem leblosen Körper einer Angehörigen, die zwei Jahre zuvor verstorben ist


Der Umgang mit dem Tod eines Angehörigen ist sehr individuell. Der Umgang mit den sterblichen Überresten ist es hierzulande nicht: Sie verschwinden rasch unter der Erde, ob in einem Sarg oder in einer Urne. Und dort bleiben sie dann auch, die "Störung der Totenruhe" ist strafbar.

Bei den Toraja ist das ganz anders. Sie leben im Süden und Westen Sulawesis, einer zu Indonesien gehörenden Insel. Und wenn sie nicht mehr leben, bleiben sie trotzdem ein Teil des Alltags ihrer Angehörigen, auch physisch. Teilweise über Jahrzehnte werden Verstorbene im Haus der Familie aufbewahrt. Mumifiziert nehmen sie weiter am Leben teil, bekommen Essen und Trinken hingestellt und werden für Familienfotos schick angezogen.

Nach westlichen Maßstäben mag das pietätlos und makaber wirken, bei den Toraja ist es eine jahrhundertealte Tradition. Sie glauben nämlich, dass die Toten lediglich krank sind und erst durch eine traditionelle Bestattungszeremonie wirklich sterben. So eine Zeremonie dauert oft mehrere Tage, Hunderte Gäste kommen und etliche Wasserbüffel werden geopfert.

Das ist teuer, bis zu 500.000 US-Dollar können Bestattungen für Mitglieder höherer Kasten verschlingen. Und so können Jahrzehnte vergehen, bis die Ersparnisse nach dem Tod eines Angehörigen für eine angemessene Zeremonie reichen.

Aber auch nach der Bestattung verschwinden die Leichname nicht dauerhaft. Immer wieder werden die Ahnen aus den Särgen geholt, gesäubert und neu eingekleidet, um ihnen die Ehre zu erweisen. Der Fotograf Claudio Sieber war bei den Toraja und hat die Rituale fotografiert.

Achtung: In dieser Fotostrecke werden Leichen gezeigt.

Fotostrecke

12  Bilder
Toraja aus Indonesien: Leichen im Alltag

Im Video: Nice Places to Die - Der andere Umgang mit dem Tod

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
panama¡consulting 16.07.2019
1. So ändert sich die Zeit
als ich vor 25 Jahren bei den Tanja Torajas war, standen ca 1m große Holzfiguren an den Eingängen der Gräber, als Nachbildungen für die Verstorbenen und keine Toten. Die Verstorbenen wurden in Tüchernen Sarkophagen im Haus aufbewahrt, waren aber verschlossen. Der Rang des Verstorbenen bestimmt die Größe des Festes. Währen bei einem Bauern vielleicht 3 Rinder geschlachtet werden erfordert die Beerdigung eines Gouverneurs rund 100 Rinder und vielleicht 400 Schweine. Sollte das Fest zu klein ausfallen bleibt der Seele die Tür ins Jenseits verschlossen und belästigt die Familie. Es wird akribisch erfasst, wer was zu den Festen mitbringt, um das Fleisch zum Ende gerecht aufzuteilen. Die Fotos die ich heute hier gesehen habe sind weit skurriler wie ich es damals selbst erlebt habe.
de_ba_be 16.07.2019
2.
Auf Flores (südlich von Sulawesi) sind die Gräber der Familie in der Regel vor dem jeweiligen Wohnhaus. Gerne werden Sie als eine Art Terrassenerweiterung genutzt, auf denen geschwatzt, gegessen oder gedöst wird. Im ersten Moment wirkt das zwar irritierend, im zweiten Moment ist es einfach nur eine andere Art der Toten zu gedenken und sie weiter ins Leben der Familie einzubeziehen.
bicyclerepairmen 16.07.2019
3. Negativ bliebe zu erwähnen...
..das sich Familien(angehörige) dank dieser Traditionen und des vor Ort herrschenden, gesellschaftlichen Drucks teils weit über die Ohren verschulden bzw. es an deren wirtschaftliche Existenz geht. Alles das um den Lebenden zu beweisen welch tolle Ehrerbietung man den Toten angedeihen lässt.
wortgewalt87 17.07.2019
4. Sehr fremd
Ich hatte das zweifelhafte Glück, zu einem wichtigen Toraya-Begräbnis eingeladen zu werden. Die Prachtentfaltung war ungeheuer, ebenso wie die Panik der Tiere, die zu Hunderten auf dem Hauptplatz hingerichtet wurden und man bis zu den Fesseln im Blut (und Kot) versank. Ich habe Toraya kennengelernt, die von der Sache die Schnauze sowas von voll hatten, aber es gibt kein Entrinnen aus der Tradition, auch nicht durch Auswandern ans andere Ende der Welt. Die Toraya sind sehr ordentlich und fleißig, verharren aber in einem ziemlich einfachen und harten Leben, weil absolut alle Überschüsse in den Tod gesteckt werden. Auch im Alltag nimmt die Befassung mit dem Tod sehr viel Zeit ein, werden ja z.T. über 100 Jahre alte Gräber mit Inbrunst versorgt. Da freut man sich echt, kein Toraya zu sein.
lemmuh 17.07.2019
5.
Zitat von panama¡consultingals ich vor 25 Jahren bei den Tanja Torajas war, standen ca 1m große Holzfiguren an den Eingängen der Gräber, als Nachbildungen für die Verstorbenen und keine Toten. Die Verstorbenen wurden in Tüchernen Sarkophagen im Haus aufbewahrt, waren aber verschlossen. Der Rang des Verstorbenen bestimmt die Größe des Festes. Währen bei einem Bauern vielleicht 3 Rinder geschlachtet werden erfordert die Beerdigung eines Gouverneurs rund 100 Rinder und vielleicht 400 Schweine. Sollte das Fest zu klein ausfallen bleibt der Seele die Tür ins Jenseits verschlossen und belästigt die Familie. Es wird akribisch erfasst, wer was zu den Festen mitbringt, um das Fleisch zum Ende gerecht aufzuteilen. Die Fotos die ich heute hier gesehen habe sind weit skurriler wie ich es damals selbst erlebt habe.
So habe ich es auch vor ein paar Jahren in einer Doku gesehen. Die Figuren waren aber lebensgroß und fotorealistisch. Vermutlich war das auch nicht billig. Vielleicht ist man darum zu den Mumien übergegangen.
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