Tod einer Geisel Entsetzen in Südkorea - Karzai in der Falle der Taliban

Südkorea reagiert bestürzt auf die Ermordung der zweiten Geisel durch die Taliban. Die Regierung in Seoul fordert von Afghanistans Präsident, das Leben der anderen Gefangenen zu retten - und stellt Karzai damit vor eine unlösbare Aufgabe.

Kabul - Der Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai redet viel an diesem Morgen. Hamid Zada sitzt in seinem etwas zu großen blauen Anzug auf dem Podium des Pressezentrums. Über ihm flackert ein riesiger Kronleuchter, vor seinen Füßen hocken um die 80 afghanische und internationale Journalisten. Lang sind die Sätze des Karzai-Sprechers. Manchmal in Englisch, dann wieder in Farsi. Zada gestikuliert, versucht optimistisch zu wirken und doch keine falschen Hoffnungen zu verbreiten. Auch er weiß, dass es heute um nichts anderes geht als Leben oder Tod der südkoreanischen Geiseln.

Es sind immer wieder die gleichen Phrasen, die von Zada zu hören sind. "Im Prinzip", sagt er, "sind Zugeständnisse an Geiselnehmer ein großer Fehler, den die afghanische Regierung strikt ablehnt." Kaum hat er den Satz ausgesprochen, schiebt Zada jedes Mal nach, dass die afghanische Regierung trotzdem "alles" tun will, um das Leben der immer noch entführten südkoreanischen Geiseln zu retten. "Wir hoffen auf ein positives Ende und wir kämpfen dafür", sagt er, "doch wir können es nicht garantieren." Am Ende bricht Zada die Pressekonferenz leicht genervt ab. Viel mehr als die Prinzipien der Regierung, so scheint es, darf er so oder so nicht mitteilen.

Der Auftritt des Sprechers war die erste offizielle Äußerung der Regierung von Hamid Karzai zu dem Geisel-Drama, das heute in seinen 13. Tag geht. Erst am frühen Morgen hatte die Polizei in der Provinz Ghazni den von Kugeln durchsiebten Körper einer getöteten Geisel gefunden. Die Regierung in Seoul bestätigte mittlerweile, dass es sich um einen aus der Gruppe der entführten christlichen Helfer handelt, die am 19. Juli auf dem Weg von Kandahar im Süden Afghanistans in die Hauptstadt Kabul entführt worden war. Spätestens jetzt steht auch fest, dass die Südkoreaner tatsächlich in der Hand der radikal-islamistischen Taliban sind. Sie hatten die Polizei zu der Leiche gelotst.

Dilemma für Afghanistans Regierung

Die Regierung von Karzai steckt seit dem Fund der Leiche in einem Dilemma, denn die Taliban fordern für die Freilassung der Geiseln die Entlassung acht ihrer Kämpfer aus dem afghanischen Gefängnis Pul-i-Sharki nahe Kabul. Wird dies nicht geschehen, so drohte noch am Morgen ein Sprecher der Milizen, werde man eine Geisel nach der anderen erschießen. Vorerst gab der Sprecher der Regierung einen Tag Zeit, sich zu entscheiden. Gleichwohl schloss er nicht aus, dass man je nach Lage vielleicht auch heute eine Geisel töten wolle. Allein aus der Stimme des Sprechers merkt man mehr und mehr, dass er die eigene Macht spürt.

Eine harte Haltung gegenüber den Geiselnehmern birgt enorme Risiken. Erst am Sonntag hatte eine hochrangige Delegation aus Südkorea bei Karzai vorgesprochen. Glaubt man westlichen Diplomaten, machten sie enormen Druck. Man sei bereit, auch Lösegeld zu zahlen, hieß es in Kabul. In jedem Fall aber müsse Kabul alles tun, um die Geiseln frei zu bekommen.

Nach dem Tod der zweiten Geisel herrscht Trauer und Entsetzen in dem Land. Seoul verstärkte den Druck auf Karzai heute noch einmal. Gerade erst hatte die Regierung die Identität der getöteten Geisel bestätigt, da verlangte sie von Kabul auch schon mehr Engagement. Die Forderung der Kidnapper, so eine Mitteilung des Präsidenten-Büros, sei jenseits der Macht der südkoreanischen Regierung. "Wir haben keine wirksamen Mittel, die Entscheidungen der afghanischen Regierung zu beeinflussen", so der Text. Auch wenn man wisse, wie die internationale Gemeinschaft Geiselnahmen behandelt, bat der Präsident um "mehr Flexibilität", um das Leben der Geiseln zu retten.

Was die afghanische Regierung nun tun wird, weiß niemand in Kabul so recht. Aus den Äußerungen des Sprechers war keine Richtung zu erkennen und vehement lehnte er es ab, zu den Details der Entführung Stellung zu nehmen. Auch mehrere Telefonate mit hohen Beamten aus der Regierung brachten kaum genaueres. "Wir stecken in einer Falle", sagt ein Berater Karzais, "jede Entscheidung wird dieser Regierung am Ende schaden." Was er dem Präsidenten rate, wollte der Berater nicht sagen. Am Ende, so sein Fazit, müsse Karzai ganz allein entscheiden, "was die richtige Entscheidung für unser Land und unsere Freunde aus dem Ausland ist".

Harte Haltung oder Nachgeben - beides birgt Risiken

In der aktuellen Lage kann Karzai nur verlieren, er ist zur Geisel seiner eigenen Politik mutiert. Mit voller Absicht, so scheint es, haben die Taliban explizit nur die Freilassung von einfachen Kämpfern gefordert, die in einem afghanischen Gefängnis sind und nicht in der Hand der Amerikaner oder der internationalen Schutztruppe Isaf. Auch die verschiedenen Taliban-Sprecher betonen immer wieder, dass sich ihre Forderungen allein an die afghanische Regierung richten. "Wenn wir Geiseln töten, dann nur, weil die Regierung in Kabul nicht mit uns verhandelt", sagte einer der Sprecher am Morgen. Allein verantwortlich, so das Signal, ist Karzai.

Karzai wird in jedem Fall Schaden nehmen

Egal welche Entscheidung Karzai trifft, wird er Schaden nehmen. Wenn er tatsächlich auf die Forderungen eingeht, muss Karzai mit enormer Kritik aus den USA und von anderen Nato-Partnern rechnen. Karzai hat für das Wochenende eine Reise in die USA geplant und wird voraussichtlich von Bush in Camp David empfangen - bei den Gesprächen wird es sicher auch um das Verhalten bei Geiselnahmen gehen.

Schon einmal dieses Jahr watschte vor allem Washington, aber auch London und Berlin, den Präsidenten ab, als er für die Freilassung des italienischen Reporters Daniele Mastrogiacomo mehrere hochrangige Taliban-Kommandeure laufen ließ. "Italien freut sich, der Reporter freut sich, aber am meisten freuen sich die Taliban", sagte damals ein Spitzenbeamter der Bundesregierung. Bei politischen Forderungen, so die Linie, müsse man hart bleiben.

In Kabul mühte man sich nach dem Fall des Italieners sichtlich, die Kritik zu entschärfen. Zu abhängig ist der immer machtlosere Regierungschef von den USA, dass sich Karzai Extravaganzen gegen den Willen Washingtons erlauben könnte. Kaum hatte Mastrogiacomo das Land verlassen, ließ der afghanische Präsident mitteilen, es habe sich um eine "Ausnahme" gehandelt. Rom hatte offen mit einem sofortigen Abzug vom Hindukusch gedroht, falls man den Reporter nicht lebend frei bekomme. Nach der Freilassung versicherte Karzai, ein solcher Fall werde sich nicht wiederholen.

Karzais Sprecher gestand nun im Vieraugengespräch nach der Pressekonferenz leise ein, dass man unter Umständen einen Fehler begangen hätte. Als andere Kollegen hellhörig wurden, setzt er hastig hinzu, es gebe in solchen Fragen "kein klares Ja oder Nein".

Doch auch die andere Variante, also eine harte Haltung gegenüber den Geiselnehmern, birgt enorme Risiken. Schon jetzt fragen nicht nur südkoreanische Journalisten, sondern auch die vielen Diplomaten, warum man damals nachgegeben habe und dies nun nicht tun wolle.

Karzai hat fürs Wochenende eine reise in die USA geplant und wird von Bush laut Plan in Camp David empfangen - dort wird es dann sicher auch darum gehen.

Präsident Hamid Karzai, so viel ist sicher, wird sehr schnell eine sehr einsame Entscheidung treffen müssen. Das von den Taliban genannte Ultimatum läuft morgen um 12 Uhr Ortszeit (9.30 Uhr MESZ) ab.

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