Tod eines britischen Reporters "US-Soldaten verhielten sich wie Cowboys"

Ein britischer Untersuchungsrichter hat US-Soldaten für den Tod eines britischen Fernsehreporters im Irak verantwortlich gemacht. Der bereits verwundete TV-Mann war auf dem Weg ins Krankenhaus von amerikanischen Soldaten erschossen worden. Das US-Militär weist alle Vorwürfe zurück.

Oxford - Die Soldaten hätten Vorschriften missachtet, sagte Richter Andrew Walker zum Abschluss einer mehrtägigen Anhörung in Oxford. Er kündigte an, die britischen Justizbehörden und den Generalstaatsanwalt auf den Fall aufmerksam zu machen, damit die Verantwortlichen vor Gericht gestellt würden.

In dem Verfahren ging es um den Tod des 50-jährigen Briten Terry Lloyd, der für den Sender ITN über den Beginn der Irak-Invasion berichtete. Lloyd kam am 22. März 2003 im Südirak ums Leben, nachdem sein Kamerateam ins Kreuzfeuer zwischen amerikanischen und irakischen Truppen geraten war.

Ein Ballistik-Experte sagte in Oxford aus, dass Lloyd von einer irakischen Kugel getroffen und verletzt worden sei. Als er bereits in einem Krankenwagen gelegen habe, sei er noch von der Kugel aus einer amerikanischen Waffe im Kopf getroffen worden. Dieser zweite Schuss sei tödlich gewesen. Auch Richter Walker sagte, es gebe "überwältigende Beweise" dafür, dass Lloyd von einer amerikanischen Kugel getötet worden sei. Es gebe "keinen Zweifel", dass es sich um einen "ungesetzlichen" Akt gehandelt habe.

Nur ein Kameramann überlebte

Lloyds Witwe Lynn ließ von ihrem Anwalt Louis Charalambous eine Erklärung verlesen, in der sie den US-Truppen ein Kriegsverbrechen vorwarf. Die US-Streitkräfte hätten zugelassen, dass sich ihre Soldaten "wie Cowboys in einer Gegend verhalten, in der Zivilpersonen unterwegs waren". "Es war eine jämmerliche, vorsätzliche, rachsüchtige Tat", sagte Charalambous, ein "äußerst ernstes Kriegsverbrechen", für das die US-Marinesoldaten wegen Mordes angeklagt werden sollten.

Lloyd war damals mit drei Kollegen unterwegs. Das Team hatte den Kriegsausbruch in Kuweit abgewartet. In Absprache mit ihrem Arbeitgeber, dem seriösen Nachrichtenprogramm ITN, wollten sie sich nicht einem Truppenteil der Alliierten zuordnen lassen, weil sie fürchteten, dort Militärzensur zu unterliegen. Statt dieses "Embeddings" sollte das Quartett auf eigene Faust von der Front berichten. ITN-Chefredakteur David Mannion: "Unabhängiger und unzensierter Journalismus ist entscheidend für eine freie, demokratische Gesellschaft."

Von den Kollegen Lloyds wurde auch der libanesische Übersetzer Hussein Osman getötet. Der französische Kameramann Fed Nerac gilt offiziell als vermisst. Nur der belgische Kameramann Daniel Demoustier überlebte. Er sprach sich nach dem Urteil in Oxford dafür aus, dass die US-Streitkräfte ein Verfahren wegen Kriegsverbrechen einleiten sollten.

"Die Hölle brach los"

Die beiden Fahrzeuge des Fernsehteams waren den einmarschierenden Truppen auf der Straße von Kuweit nach Basra gefolt. Unweit der südirakischen Metropole kamen sie unter Beschuss einer irakischen Einheit. Lloyd wurde in den Rücken getroffen. Ermittlungen der britischen Militärpolizei zufolge konnte der 50-Jährige danach noch aufrecht stehen. Seine Kollegen halfen ihm in den Minibus eines irakischen Zivilisten, der Lloyd und sein Team ins Krankenhaus nach Basra bringen wollte. Erst dann kam es zu den Todesschüssen der US-Soldaten.

"Die Hölle brach los", schilderte er das Geschehen im Süden des Iraks. "Ich war mir absolut sicher, dass ich sterben muss". Er habe noch versucht, den US-Panzern zu signalisieren, dass sie mit dem ITN-Wagen ein klar gekennzeichnetes ziviles Fahrzeug unter Feuer nähmen. Es sei nicht klar, ob die tödliche Kugel aus einem Panzer oder aus einem Helikopter abgefeuert wurde. Vom Panzer aus hätten die Soldaten aber sehen müssen, dass sie ein ziviles Ziel im Visier hätten, vom Hubschrauber aus nicht.

Für die Familien der Opfer begann damals eine Suche nach der Wahrheit, die Jahre dauerte - und bei der sich weder die britische noch die US-Armee als hilfreich erwiesen. Unmittelbar nach den Todesschüssen wollten ITN-Reporter am Tatort das Schicksal ihrer Kollegen recherchieren. Sie fühlten sich von den Soldaten behindert. Die britische Armee lehnte die Sicherstellung von Beweisen ab, weil der Tatort in der Verantwortung der US-Truppen war. Das Fazit von ITN: Die Alliierten hätten sehr deutlich gemacht, "dass unabhängige Journalisten-Teams an der Front nicht erwünscht sind. Punktum".

Auf dem Film fehlen die entscheidenden 15 Minuten

Die interne Untersuchung der US-Truppen ergab einem Sprecher des Verteidigungsministeriums zufolge schon im Mai 2003, "dass US-Truppen die einschlägigen Regeln befolgt haben". Großbritannien unternahm viel gründlichere Ermittlungen - die von der US-Armee nur begrenzt unterstützt wurden.

So erhielt die Oxforder Untersuchungsbehörde zwar einen Film, der am Tatort bei Basra aufgenommen wurde. Auf dem Dokument fehlen aber die entscheidenden 15 Minuten. "Die Amerikaner haben Verachtung gezeigt für das britische Rechtssystem", sagt Lloyds Kollege Paul McLaughlin.

Die US-Streitkräfte wiesen heute die Anschuldigungen zurück. Die Truppen hätten sich an die Einsatzrichtlinien gehalten, hieß es aus dem Verteidigungsministerium. Das Pentagon habe auch niemals angeordnet, Zivilisten anzugreifen, Journalisten eingeschlossen. Vielmehr sei man bemüht, zivile Opfer und Kollateralschäden zu verhindern.

Der Irak ist nach Angaben von internationalen Organisationen weltweit das gefährlichste Land für Journalisten. Nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen starben seit dem Einmarsch der USA 2003 in den Irak insgesamt 118 Medienmitarbeiter.

Sebastian Borger mit Material von AP und Reuters

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