Tod eines Deutschen Israel kündigt Untersuchungskommission an

Außenminister Joschka Fischer ist entsetzt über den Tod des deutschen Arztes Harry Fischer, der in der Nacht im Westjordanland ums Leben kam. Sein israelischer Amtskollege sicherte jetzt Unterstützung bei der Aufklärung des Falles zu.


Marseille/Berlin - Fischer sagte am Donnerstag in Marseille, der israelische Außenminister Schlomo Ben-Ami habe ihm sein tiefes Bedauern über den Tod des 68-Jährigen ausgesprochen. Der Arzt Harry Fischer wurde in der Nacht in Beit Dschala bei Jerusalem während eines Gefechtes zwischen aufständischen Palästinensern und israelischen Soldaten getötet. Ihr Mann habe das Haus kurz vor Mitternacht verlassen, um Erste Hilfe zu leisten, sagte seine Ehefrau Norma Fischer. "Er ging um halb zwölf und ist nicht wiedergekommen", sagte sie.

Er sei über die Nachricht vom Tod des Mannes entsetzt und schockiert, sagte Joschka Fischer bei einer Konferenz der Europäischen Union mit Anrainerstaaten des Mittelmeeres. Ben-Ami habe eine Untersuchungskommission angekündigt, die die Umstände des Todes vollständig aufklären werde. An der Kommission werde auch der Militärattaché der deutschen Botschaft in Tel Aviv beteiligt sein. Nach Angaben der israelischen Armee war es zu dem Gefecht gekommen, nachdem palästinensische Scharfschützen erneut von Beit Dschala aus die Wohnsiedlung Gilo am Stadtrand von Jerusalem beschossen hätten.

Harry Fischer ist nach offiziellen Angaben der erste Deutsche, der bei den jüngsten Unruhen in den Palästinenser- Gebieten ums Leben kam. Er lebte und arbeitete nach Angaben seiner Familie fast zwei Jahrzehnte lang in dem palästinensischen Dorf, das auf der anderen Seite einer Talsenke gegenüber von Gilo liegt. Er habe bis vor fünf Jahren als Arzt und Chiropraktiker in Beit Dschala praktiziert, sagte seine Frau. Als er in der Nacht Hilfeschreie gehört habe, sei es für ihn selbstverständlich gewesen, zu helfen. "Da muss man doch helfen," sagte sie, trotz der Schüsse, die nach ihren Worten "wie ein Sturmregen" auf Beit Dschala fielen. "Es war die schlimmste Nacht", sagte sie am Morgen.

Norma Fischer erfuhr erst von Freunden und am Telefon, dass ihr Mann tödlich verwundet ins Krankenhaus gebracht worden war. Sie habe sich während des Feuergefechts nicht auf die Straße gewagt. "Wir saßen im Haus unter der Treppe. Wir konnten nichts sehen. Wir haben nicht einmal das Fernsehen angemacht", sagte sie am Donnerstagmorgen. Ihr Haus liege am Dorfrand zum Tal und damit zu Gilo hin. Palästinenser und israelische Soldaten haben sich hier im Verlauf der seit Wochen anhaltenden Unruhen wiederholt beschossen.

Harry Fischer stammte aus Gummersbach und lebte in Beit Dschala seit 1981, dem Jahr seiner Hochzeit mit der Palästinenserin Norma. Fischer habe bis vor fünf Jahren in dem Ort eine Praxis geführt, sagte seine Frau. Die 46-jährige wurde in dem Dorf geboren. Die beiden Töchter des Ehepaares sind nach ihren Angaben 15 und zehn Jahre alt, der Sohn ist 17. Aus erster Ehe habe Harry Fischer fünf erwachsene Kinder, die wie seine Mutter in Deutschland leben.

Harry Fischer wurde noch am Donnerstag in Beit Dschala beigesetzt. Der jüngste Aufstand der Palästinenser entzündete sich am 28. September am Anspruch beider Konfliktparteien auf Jerusalem. Mehr als 220 Menschen sind seither ums Leben gekommen. Nach mehreren Angriffen von palästinensischen Scharfschützen auf die Wohnsiedlung Gilo hatte Israel angekündigt, alle Häuser in Beit Dschala zu beschießen, die von den Scharfschützen als Deckung genutzt würden.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.