Tod eines Farc-Rebellen Kriegsdrohungen in Südamerika

Deutliche Drohgebärden: Die Regierungen von Ecuador und Venezuela haben ihre Truppen an der Grenze zu Kolumbien verstärkt. Sie reagieren damit auf den Militäreinsatz gegen Farc-Rebellen auf ecuadorianischem Gebiet - 1,8 Kilometer jenseits der Grenze. Nun wird in Südamerika über Krieg spekuliert.

Raúl Reyes, die bärtige Nummer zwei der kolumbianischen Guerilla Farc, war ein gerngesehener Gast in Quito. Er traf sich mehrmals in der ecuadorianischen Hauptstadt mit Familienangehörigen und erholte sich auf der ecuadorianischen Seite der Grenze von den Kampfeinsätzen in seinem Heimatland Kolumbien.

Besonders innigen Kontakt pflegte er zum Innenminister des kleinen Landes, Gustavo Larrea: "Larrea ist interessiert, im Namen des Präsidenten Rafael Correa offizielle Beziehungen zur Farc aufzunehmen", schrieb Reyes in einem Brief an das "Sekretariat" der Farc, die oberste Entscheidungsinstanz der Guerilla.

So steht es angeblich auf der Festplatte des Laptops von Reyes, den kolumbianische Militärs sicherstellten, nachdem sie am Wochenende das Farc-Camp in Ecuador bombardiert hatten. Bei der Attacke kamen 17 Guerrilleros ums Leben, darunter Reyes. Die Regierung in Bogotá feierte den Militärschlag, der zweifellos mit Hilfe amerikanischer Aufklärungstechnik vorbereitet worden war, als "schwersten Schlag gegen die Farc seit ihrer Gründung".

Tatsächlich trifft Reyes' Tod die Guerilla ins Herz. Der untersetzte, korpulente Rebellenboss, der in der Stunde seines Todes angeblich eine Rolex am Handgelenk trug, war nach dem legendären Farc-Chef Manuel Marulanda ihr wichtigster Anführer – und zugleich ihr radikalster. Er verteidigte die Geiselnahmen von Politikern und anderen Zivilisten als Teil der Kriegsstrategie, er war der Ansprechpartner der Farc für Journalisten und für die französische Regierung, die sich verzweifelt um die Freilassung der schwer kranken kolumbianisch-französischen Politikerin Ingrid Betancourt bemüht.

Reyes hatte offenbar aber auch eine internationale Allianz geschmiedet, die der Farc in den vergangenen Monaten bei den publicityträchtigen Freilassungen von insgesamt acht Geiseln sekundierte. Wichtigster Bündnispartner der Narcoguerilla ist Venezuelas Staatschef Hugo Chávez, der nach dem Tod Reyes' im Fernsehen eine Schweigeminute zu Ehren des Verstorbenen verordnete. Aber auch Nicaraguas Staatschef Daniel Ortega, selbst ein ehemaliger Guerillaführer, outete sich am Sonntag als "Kamerad" der kolumbianischen Farc-Comandantes. Und Rafael Correa, der linkspopulistische Präsident Ecuadors, zählt offenbar ebenfalls zum Freundeskreis der Farc – wenn denn die Daten auf Reyes’ Laptop nicht gefälscht sind, wie Innenminister Larrea behauptet.

Chavez' Kriegsdrohung

Correa wies die Entschuldigung der Kolumbianer für den Militärschlag im Nachbarland umgehend zurück und beorderte Truppen an die Grenze. Zuvor hatte er sich offenbar mit seinem Alter Ego Hugo Chávez abgestimmt. Der drohte gleich mit Krieg, wenn Kolumbien sich eine ähnliche Aktion auf venezolanischem Gebiet erlauben sollte. Während seines Fernsehprogramms "Aló Presidente" befahl er die Verlegung von Panzerverbänden an die Grenze und versetzte die Luftwaffe in Alarmbereitschaft.

Tatsächlich war der Militärschlag der Kolumbianer eine klare Verletzung der Souveränität des Nachbarlands. Das Farc-Camp lag 1,8 Kilometer von der Grenze entfernt im ecuadorianischen Dschungel. Andererseits warnt Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe Quito seit Jahren, dass die Farc auf ecuadorianischem Staatsgebiet agiert. Die Rebellen haben feste Lager in dem Nachbarland, sie schmuggeln einen Großteil des Kokains über Ecuador aus, und sie haben wahrscheinlich auch einige Geiseln eine Zeitlang auf ecuadorianischem Staatsgebiet festgehalten. Das behauptet der Ex-Senator Luis Eladio Pérez, der vergangene Woche von der Farc freigelassen wurde. Simon Trinidad, einer der wichtigsten Farc-Comandantes, wurde mitten in Quito auf dem "Boulevard Amazonas" festgenommen, der Einkaufsstraße der ecuadorianischen Hauptstadt.

Wenn die Informationen auf Reyes' Laptop echt sind, verfügten die Guerrilleros über so gute Kontakte zur ecuadorianischen Regierung, dass sie sich sogar erdreisteten, Correa um einen Gefallen zu bitten: Er möge doch bitte Soldaten und Polizisten aus der Grenzregion abziehen, die der Farc nicht wohlgesinnt seien, und durch rebellenfreundliche Offiziere ersetzen.

Droht jetzt ein Krieg in Südamerika? Venezuelas Präsident Chávez hat angekündigt, dass er seinem Freund Correa "bedingungslos" zur Seite stehen will. Ein kleiner Waffengang käme dem Caudillo gerade recht, um von seinen internen Problemen abzulenken: Chávez' Umfragewerte sind auf ein historisches Tief gefallen. Viele Arme, die ihn früher bedingungslos unterstützten, kreiden ihm die Versorgungskrise in der Ölrepublik an. Die Venezolaner müssen für Milch, Fleisch, Eier und andere Grundnahrungsmittel anstehen – eine Folge der inkompetenten Wirtschaftspolitik des selbsternannten Operetten-Bolívars.

Experten gehen davon aus, dass viele Militärs Chávez die Gefolgschaft verweigern würden, wenn es wirklich zu einem Waffengang käme. In den Streitkräften rumort es seit langem, die Politisierung des Militärs kommt bei den meisten Soldaten nicht gut an. Venezuela ist traditionell friedfertig und musste noch nie einen Krieg gegen ein Nachbarland ausfechten. Gegen die im Guerillakampf erfahrenen Kolumbianer hätten sie trotz neuer Waffen und Flugzeuge aus Russland kaum eine Chance.

Auch wirtschaftlich sind die beiden Nachbarländer aufeinander angewiesen: Venezuela bezieht die meisten Lebensmittel aus Kolumbien. Ohne die Arbeitskraft der kolumbianischen Immigranten wäre der Ölstaat wirtschaftlich am Ende: Wenn überhaupt etwas in dem relaxten Karibikstaat funktioniert, ist das meistens einem fleißigen Kolumbianer zu verdanken.

Dennoch ist nicht auszuschließen, dass Chávez sich in ein militärisches Abenteuer stürzt: Er ist Soldat und denkt in militärischen Kategorien. Zu gern würde er als Märtyrer in die Geschichte eingehen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass es in Lateinamerika zu einem Waffengang kommt: 1995 führten Grenzstreitigkeiten zwischen Peru und Ecuador zu Scharmützeln an der grünen Grenze im Amazonasgebiet; auch der anachronistische Falklandkrieg ist vielen Latinos noch in bester Erinnerung.

Die großen Länder sollen vermitteln

Gefragt sind jetzt die großen Regionalmächte Mexiko, Argentinien und Brasilien. Vor allem Brasiliens Präsident Luis Inácio "Lula" da Silva muss jetzt unter Beweis stellen, dass er in Krisensituationen zum Friedensstifter taugt. Am Sonntag liefen die Telefondrähte zwischen Brasília und Buenos Aires heiß, offenbar will Lula sich mit Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner abstimmen. Auch Mexikos Präsident Felipe Calderón hat sich als Vermittler angeboten.

Für die Geiselkrise könnte der Tod Reyes' entgegen aller Befürchtungen dagegen einen positiven Effekt haben: Reyes galt als Hardliner im Farc-Sekretariat. Kolumbianische Experten lasten ihm vor allem an, dass sich die Farc bislang gegen Zugeständnisse für ein humanitäres Abkommen zum Gefangenenaustausch sperrt. Jetzt wird womöglich der Comandante "Iván Márquez" Reyes' Position übernehmen, der angeblich eher zu Konzessionen bereit ist.

Am Sonntag veröffentlichte die Farc jedenfalls ein Kommuniqué, das die besorgten Familienangehörigen der Geiseln beruhigen soll: Der Tod Reyes', so heißt es da, werde die Verhandlungen über ein humanitäres Abkommen nicht beeinflussen.

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