Tod eines Reporters Afghanische Medien verlangen Aufklärung

Warum wurde der Journalist Sultan Munadi von Kugeln durchsiebt und einfach tot am Boden liegengelassen, als die Retter das Versteck der Entführer von ihm und Stephen Farrell stürmten und letzteren unverletzt befreiten? Auf diese Frage verlangen afghanische Medien und Menschenrechtsorganisationen eine Antwort.

Sultan Munadi: Der afghanische Journalist wurde zusammen mit dem "New York Times"-Reporter Stephen Farrell gekidnappt. Als der befreit wurde, wurde Munadi erschossen
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Sultan Munadi: Der afghanische Journalist wurde zusammen mit dem "New York Times"-Reporter Stephen Farrell gekidnappt. Als der befreit wurde, wurde Munadi erschossen


Kabul - Mediengewerkschafter und NGO-Vertreter wandten sich am Sonntag mit einer entsprechenden schriftlichen Anfrage an den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Sie fordern eine offizielle Untersuchung.

Munadi und Farrell recherchierten im Auftrag der "New York Times" über die Entführung zweier Tanklastwagen durch die Taliban, als sie Anfang September entführt wurden. Nur vier Tage später, in der Nacht zum 9. September, gelang es einem Spezialkommando der britischen Truppen, das Versteck der Entführer in der Nähe von Kunduz zu stürmen und Farrell zu befreien.

Munadi, in Afghanistan ein angesehener Journalist, arbeitete als Übersetzer für Farrell und wurde zusammen mit ihm festgehalten. Während Farrell unverletzt geborgen wurde, wurde Munadi im Kreuzfeuer vor dem Haus von zahlreichen Kugeln getroffen. Seine Leiche wurde von den Soldaten nicht geborgen. Erst Munadis Eltern bargen sie später - eine Tatsache, die in der afghanischen Öffentlichkeit für zusätzliche Empörung sorgt.

Zweierlei Maß?

Jetzt verlangen Medien- und Menschenrechtsorganisationen eine Aufklärung der Umstände. "Wir verlangen aufs dringlichste, dass der Präsident eine ernsthafte und gründliche Untersuchung darüber einleitet, um die Täter zu identifizieren" und zu bestrafen, heißt es in dem gemeinsamen Statement der Organisationen.

In Frage gestellt wird die Rolle der britischen Nato-Truppen bei der Befreiung. Die sei erfolgt, als bereits Verhandlungen über eine Entlassung der Gefangenen begonnen hätten, hatte Munadis Familie bereits am Freitag klargemacht: Das Rote Kreuz und andere Organisationen hätten bereits Kontakt zu den Entführern aufgenommen. Farrell berichtete, dass es den beiden Männern gelungen sei, aus dem Haus zu kommen, als die Schießerei begann. Munadi sei erschossen worden, als er mit erhobenen Händen "Journalist, Journalist" gerufen habe. Bisher ist nicht geklärt, ob Munadi von den Taliban oder den Soldaten getroffen wurde.

In der afghanischen Öffentlichkeit wird der Tod Munadis als Indiz dafür gesehen, dass das Leben von Afghanen weniger geachtet werde als das von Menschen aus westlichen Nationen. Der Vorgang weckt Erinnerungen an die Befreiung eines italienischen Journalisten im Jahr 2007, der ebenfalls zusammen mit einem afghanischen Kollegen entführt worden war. Während der Italiener erfolgreich ausgelöst wurde, wurde sein Kollege geköpft.

Der britische Außenminister David Miliband hatte bereits im Vorfeld Forderungen nach einer Untersuchung der Befreiungsaktion abgewiesen. Die Aktion sei die einzige Chance gewesen, die Geiseln zu befreien, sagte Miliband. Bei der Aktion waren neben Munadi auch ein britischer Soldat und zwei afghanische Zivilisten ums Leben gekommen.

Sultan Munadi hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

pat/AFP



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