Tod in Haiti Das Martyrium des Uno-Generals

Urano da Matta Bacellar, Oberkommandierender der Blauhelmmission in Haiti, hat sich erschossen. Viel spricht dafür, dass er den Misserfolg des Uno-Einsatzes nicht mehr ertragen konnte. In einem Land voller Hass und Gewalt stehen die Friedenshüter auf verlorenem Posten.

Am Freitagabend saß General Urano Teixeira da Matta Bacellar noch mit dem brasilianischen Botschafter in Haiti zusammen. Ernst wirkte er, erinnert sich Diplomat Paulo Pinto, doch das war Bacellar meistens. Und wie sollte er auch wirken, bei dem Gesprächsstoff. Die lange geplanten Wahlen im gewaltgeplagten Haiti waren gerade wieder verschoben worden. Zwölf Entführungen zählte die Polizei an jedem der Weihnachtsfeiertage. Und von den 7400 Blauhelmsoldaten, die der Brasilianer Bacellar seit September befehligte, war wieder einer umgekommen. An Heiligabend erst wurde ein jordanischer Soldat erschossen, das siebte Todesopfer im Laufe der Mission.

Samstagnacht fand man Bacellar in Shorts und blutverschmiertem weißem T-Shirt auf dem Balkon seines Hotelzimmers in Port-au-Prince. Neben ihm auf dem Boden lag seine 9-mm-Pistole. Aus der hatte er sich offenbar eine Kugel in seinen Kopf gejagt. Die Untersuchung läuft noch, aber Uno-Offizielle gehen fest davon aus, dass der General Selbstmord verübt hat. Der Zwischenfall löscht mehr aus als das Leben eines Soldaten, der 39 Jahre im brasilianischen Militär und bei den Vereinten Nationen diente. Er stellt auch einen neuen Tiefpunkt in der wechselhaften Geschichte der Uno-Blauhelmmissionen dar. Und er beseitigt möglicherweise jede Hoffnung, dass Minustah, die Mission der Vereinten Nationen in Haiti, jemals ein glückliches Ende nimmt.

Im Sommer 2004 kamen 7000 Blauhelme in das Land auf der Karibikinsel Hispaniola, das an die Dominikanische Republik grenzt. Sie kamen, um der Interimsregierung des ehemaligen Uno-Funktionärs Gerard Latortue zu helfen. In den Monaten zuvor hatten Ex-Militärs und die kleine Schicht des Bürgertums so lange Unruhen gegen den einstigen Armenprediger Jean-Bertrand Aristide angeheizt, bis Amerikaner und Franzosen ihn aus dem Präsidentenamt ins Exil nach Südafrika drängten.

Korruptestes Land der westlichen Hemisphäre

Doch das Engagement der Weltorganisation stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Haiti, ärmstes und korruptestes Land der westlichen Hemisphäre, bleibt auch während des Uno-Mandats einer der gefährlichsten Orte auf dem Planeten. Seit dem Eintreffen der Blauhelmtruppen sind immer noch rund 1.500 Menschen durch Polizei- und Bandengewalt umgekommen. Bei einem Gespräch Ende Oktober blickte Bacellar auf die Frage nach dem "Warum?" nur müde aus geröteten Augen: "Das ist so eine seltsame Mission. Man weiß ja gar nicht, wo der Feind ist."

Denn die Gewalt in Haiti hat viele Väter. Bacellars Truppen sollten die Polizei der Interimsregierung unterstützen. Doch viele von deren Mitgliedern waren einst Mörderschergen der Diktatoren Duvalier und der Militärs, die ab Mitte der 1950er Jahre über Jahrzehnte im Staat von der Größe Belgiens herrschten. Die Polizisten sind für Menschenrechtsverletzungen berüchtigt, vor allem gegen Anhänger des einstigen Volkshelden Aristide. Bei einem Fußballspiel im August sollen sie etwa 15 Aristide-Unterstützer mit Gewehren und Macheten niedergemetzelt haben.

Gang-Anführer spielen täglich Herrgott

Gleichzeitig terrorisieren Kriminelle die Bewohner der riesigen Slums in der Hauptstadt Port-au-Prince. Wo zehnköpfige Familien in einem Raum hausen, spielen diese Gang-Anführer jeden Tag Herrgott. Manche von denen haben noch politische Ziele, sie wollen Aristide zurück oder wehren sich gegen die Willkür der Polizei. Aber viele arbeiten auch einfach für die kolumbianische Drogenmafia, vergewaltigen planlos Frauen und Mädchen - und erpressen vor allem Geld durch immer neue Entführungen. Mittlerweile schrecken sie auch nicht mehr davor zurück, Ausländer zu kidnappen, die bislang unter einem gewissen Schutz standen.

Die Amerikaner und die kleine Business-Elite des Landes übten in den vergangenen Monaten massiven Druck auf Bacellar aus, die Blauhelme müssten diesen Gangs endlich Einhalt gebieten. Doch der schilderte Journalisten dann lebhaft das Dilemma, in dem er steckte. "Wir können keine Polizeiaufgaben übernehmen, das ist nicht unser Mandat", wiederholte er. Es ist das Dilemma vieler Uno-Missionen. Sie sollen immer robuster Frieden herstellen, aber zu welchem Preis? Im Juli waren unter Bacellars Vorgänger 400 Blauhelme mit 41 Panzern im Morgengrauen ins größte Armenviertel Cité Soleil einmarschiert. "Iron Fist", Eiserne Faust, hieß die Operation.

Am Ende lag zwar einer der berüchtigtsten Gangleader tot auf der Straße, aber auch bis zu 20 Zivilisten. Das war verheerend für das Ansehen der Blauhelme in der Bevölkerung - und für die Moral der Blauhelme. Die kommen, wie die überwiegende Zahl der Blauhelme weltweit, aus Ländern wie Nepal, Pakistan oder Jordanien. Sie sind gar nicht ausgebildet für den Straßenkampf mit hochgerüsteten Banden.

Vorsichtig wie ein Minenspürpanzer

Und so zögerte Bacellar immer wieder, seine Truppen in die gewalttätigen Slums zu senden. In Haitis Diplomatenkreisen nannten ihn daher viele einen Zauderer - auch weil auf Englisch seine Sätze so rumpelnd vorsichtig waren wie ein Minenspürpanzer. Möglicherweise konnte der gewissenhafte Bacellar diesen Druck nicht mehr aushalten. Oder das Gefühl, so wenig helfen zu können. Vielleicht besiegte ihn auch einfach die Frustration darüber, dass die Weltgemeinschaft das Schicksal der Haitianer weitgehend ignoriert.

Es drängen sich Parallelen auf aus der selten ruhmreichen Geschichte der Uno-Blauhelmmissionen. In Ruanda, wo die Truppen der Weltgemeinschaft einen Völkermord nicht verhindern konnten, war der Kanadier Romeo Dallaire Oberbefehlshaber eines Rumpfteams von Blauhelmen. Immer wieder forderte er in New York Verstärkung an, doch seine Bitten wurden ignoriert. Nach der Rückkehr aus Ruanda war Dallaire lange ein gebrochener Mann. Man fand ihn betrunken und verwirrt auf Parkbänken, er unternahm Selbstmordversuche.

Am Tag nach Bacellars Tod organisierte die kleine haitianische Business-Elite einen Generalstreik, um ein hartes Vorgehen der Blauhelme gegen die Banden zu erzwingen. Uno-Vertreter haben angekündigt, die Wahlen sollten nun in jedem Fall im Februar stattfinden. Sie sagen, die Vereinten Nationen wollten alles tun, um dies sicherzustellen. Ein Brasilianer soll das als Nachfolger Bacellars koordinieren. Doch dessen Dilemma wird auch den martern.