Tod in Klinik Russischer Ex-Spion nach Vergiftung gestorben

Der vergiftete Ex-Spion Alexander Litwinenko ist nach tagelangem Todeskampf gestorben. Das Krankenhaus in London bestätigte, dass der 43-jährige Russe an den Folgen seiner Erkrankung umgekommen ist - an plötzlichem Blutdruckabfall und Herzstillstand.

Hamburg - Die Familie war am Abend an das Sterbebett auf der Intensivstation geeilt. Das Krankenhaus hatte kurz zuvor mitgeteilt, der Patient habe "nicht mehr lange zu leben". Um kurz vor Mitternacht wurde dann bekannt: Litwinenko starb um 22.21 Uhr. Sein enger Freund Alexander Goldfarb sprach in der BBC von einem plötzlichen Blutdruckabfall und einem möglichen Herzstillstand.

Womöglich wird jetzt erst eine Obduktion klären, woran der russische Ex-Spion erkrankt war. Denn über die Ursache für die Vergiftung wurde bis zuletzt gerätselt: Nach Thallium hatten die Ärzte zuletzt auch radioaktive Stoffe als Auslöser der Erkrankung ausgeschlossen.

Drei Wochen ist es her, dass Alexander Litwinenko mit Vergiftungserscheinungen in ihre Klinik eingeliefert wurde. Sie fanden kein Mittel, um den russischen Patienten zu stabilisieren. Im Gegenteil: In der Nacht auf Donnerstag verschlechterte sich der Zustand des ehemaligen KGB-Agenten nach Angaben des Krankenhauses "dramatisch". Er kam auf die Intensivstation.

Alexander Goldfarb sagte nach einem Besuch zu Journalisten, der Erkrankte werde künstlich beatmet, nachdem sein Herz ausgesetzt habe. Litwinenkos Frau wache am Bett und halte seine Hand. Doch die Ärzte fanden nicht heraus, welcher Stoff Litwinenko zusetzte. Darum galt für sie das Ausschlussprinzip: Entgegen erster Vermutungen sei man sich nun sicher, dass die Symptome nicht vom Schwermetall Thallium verursacht werden, verbreitete das Krankenhaus Stunden vor seinem Tod. Auch eine Vergiftung mit radioaktiven Substanzen sei "unwahrscheinlich".

Sicher ist: Das Gift hatte Litwinenkos Knochenmark und seine Leber schwer beschädigt, sein Immunsystem wurde vollständig zerstört, das Gesicht geschwollen, die Haare sind ausgefallen.

"Irreführende" Spekulationen

Aufregung gab es um Meldungen britischer Medien, nach denen auf Röntgenaufnahmen in Litwinenkos Dickdarm drei unbekannte Objekte "fester Struktur" entdeckt worden seien, die der Patient bewusst heruntergeschluckt haben müsse. Unter Berufung auf Kreise der Klinik war von zwei Objekten der Größe einer Zwei-Pence-Münze, also von etwa 2,5 Zentimeter Durchmesser die Rede, ein drittes habe die Form einer Acht. Unklar sei, ob diese Dinge etwas mit der Erkrankung Litwinenkos zu tun haben.

Klinikdirektor Bellingan versuchte die Spekulationen um die Röntgenbilder in seinem Statement als "irreführend" zu zerstreuen. Seiner Darstellung zufolge rühren die "Schatten" auf den Aufnahmen von dem synthetischen Farbton Berliner Blau her, das Litwinenko im Zuge seiner Behandlung verabreicht worden sei. Mit Berliner Blau versuchen Mediziner Gifte im Körper zu binden - unter anderem Thallium.

Litwinenko wurde vermutlich am 1. November vergiftet, indem eine Substanz in sein Essen oder ein Getränk gemischt wurde. Freunde Litwinenkos beschuldigen seither den russischen Geheimdienst, früherer Arbeitgeber des Ex-Spions, hinter dem Giftanschlag zu stecken. Der russische Auslandsgeheimdienst SWR wies den Vorwurf heute erneut scharf zurück. "Litwinenko ist nicht die Art Person, für die wir bilaterale Beziehungen aufs Spiel setzen würden", sagte SWR-Sprecher Sergej Iwanow.

Litwinenko stand zu Sowjetzeiten in Diensten des KGB, bei dessen Nachfolgeorganisation, dem Inlandsgeheimdienst FSB, stieg er zum Oberst auf. Im November 2000 flüchtete er aus Russland und bat in Großbritannien um Asyl, nachdem er zwei Jahre zuvor seine Vorgesetzten öffentlich beschuldigt hatte, ihm den Auftrag zur Ermordung des russischen Milliardärs Boris Beresowski befohlen zu haben. Dieser gehörte damals zum Machtzirkel des Kremls. Zudem beschuldigte Litwinenko den FSB, im Jahr 1999 blutige Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland koordiniert zu haben - als Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Feldzug. Zuletzt recherchierte er im Fall der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja, die vergangenen Monat im Eingang ihres Moskauer Wohnhauses erschossen worden war. Im Herbst 2004 war auch sie einem mutmaßlichen Giftanschlag entkommen.

Mysteriöser Wladimir

Auch nach dem Tod dürften die Ermittlungen der Anti-Terror-Einheit von Scotland Yard weitergehen. Ein mysteriöser Russe, den Litwinenko am Tag seiner Erkrankung in einem Londoner Hotel getroffen hat, gilt inzwischen als Hauptverdächtiger. Laut "Times" berichtete Litwinenko den Ermittlern, dass er am 1. November eigentlich mit einem alten Freund verabredet war.

In der Pine Bar im Millennium Hotel am Grosvenor Square erschien neben seinem Bekannten jedoch auch ein ihm unbekannter Mann, der sich ihm als Wladimir vorstellte. Litwinenko beschrieb den Fremden als "großen, schweigsamen Mann mit scharfen Gesichtszügen, Anfang 40". Der Mann begleitete demnach Andrej Logowoi, auch er ein ehemaliger KGB-Agent, der nun in Moskau eine Agentur für Privatdetektive betreibt.

Ganz geheuer war Litwinenko der Fremde nicht. Es kam ihm verdächtig vor, dass Wladimir nichts über seine Identität preisgeben wollte und auch nicht sagen wollte, warum er zu der eigentlich privaten Verabredung erschien. Dennoch ließ sich Litwinenko mit dem Mann ein. Der hatte ihn angeblich wiederholt gedrängt, eine Tasse Tee zu trinken, soll Litwinenko den Ermittlern erzählt haben. Er habe eingewilligt, schließlich war ja auch Logowoi anwesend.

16 Stunden Befragung ohne Erfolg

Hat Wladimir Litwinenko etwas in den Tee gemischt? Scotland Yard glaubt jedenfalls, Wladimir sei der Schlüssel zur Aufklärung des Falls. 16 Stunden hatte das Opfer damit zugebracht, sich jedes Detail des Tages seiner Erkrankung wieder in Erinnerung zu rufen: Wen hat er getroffen, was hat er gegessen, was getrunken, auch in den Tagen zuvor?

Logowoi und der ominöse Wladimir wurden seit der Erkrankung Litwinenkos nicht mehr in Großbritannien gesehen. Als Grund für ihren Besuch in der britischen Hauptstadt hätten die Männer angegeben, mit russischen Oligarchen Verträge über Personschutz abzuschließen. In seiner KGB-Zeit war Logowoi Leibwächter des russischen Regierungschefs, auch für die Nachfolgeorganisation FSB war er tätig. Nach Informationen des Boulevardblatts "The Sun" überprüft der britische MI5 derzeit, ob einer der gut drei Dutzend russischen Spione in Großbritannien plötzlich verschwunden sei.

"Kümmere Dich um meine Frau"

Nach dem Treffen in der Hotelbar war Litwinenko in dem nur wenige hundert Meter entfernten Sushi-Restaurant "Itsu" mit dem italienischen Geheimdienstexperten Mario Scaramella zum Mittagessen verabredet. Scaramella wollte Litwinenko nach eigenen Angaben wegen einer E-Mail eines Informanten um Rat fragen, aus der die Namen der angeblichen Killer der Journalistin Politkowskaja hervorgehen sollten. Zudem würde Litwinenko und er darin als weitere potentielle Anschlagsziele genannt. Scaramella und Litwinenko hielten die Informationen für nicht glaubwürdig.

Goldfarb, der im Besitz eines Ausdrucks der vierseitigen E-Mail sein will, bestätigte, dass es sich dabei um eine Art Todesliste handle. Unter den darin aufgeführten Personen seien Anna Politkowskaja, Scaramella, Litwinenko und Beresowski. Über den Urheber der Liste wollte Goldfarb keine Angaben machen, um die Ermittlungen der Polizei nicht zu gefährden.

Noch ein weiterer Bekannter Litwinenkos meldete sich nach einem Besuch am Krankenbett zu Wort: Ahmed Sakajew. Der tschetschenische Rebellenführer im Londoner Exil will seinen Freund nach dem Essen mit Scaramella an der Sushi-Bar abgeholt haben. "Er war sehr aufgewühlt", berichtete Sakajew dem "Daily Mirror". "Das erste Mal in vier Jahren, die ich ihn kenne, sagte er zu mir: Wenn sie mich töten, kümmere Dich bitte um meine Frau."

reh/phw/AP/dpa/Reuters

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