Tod Litwinenkos Witwe macht russischen Geheimdienst verantwortlich

Erstmals hat sich die Witwe des vergifteten russischen Ex-Agenten Litwinenko öffentlich geäußert. Indirekt machte sie den russischen Geheimdienst für den Tod ihres Mannes verantwortlich. Die Suche nach radioaktiven Spuren in Deutschland geht weiter, die Polizei will heute Ergebnisse präsentieren.


London - Marina Litwinenko, Witwe des vergifteten russischen Ex-Agenten und Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko, sagte der "Sunday Times", ihr Mann habe sich "niemals als eine erstrangige Zielscheibe gefühlt". Ihr Mann habe "natürlich Feinde gehabt" - aber keine Feinde, "die ihn auf diese furchtbare Weise umbringen" würden. Ihr Mann habe sich im britischen Exil "sicher gefühlt".

"Das Leben hier in England hat uns getäuscht", fügte die 44-Jährige hinzu. Als Ex-Agent des russischen Geheimdienstes habe er gewusst, "dass niemand dem FSB entkommt". Zwar könne sie nicht beweisen, dass "diese Leute" für seinen Tod verantwortlich seien. Aber sie sei sich sicher, dass sie ihm "nie vergeben haben", dass er den Geheimdienst öffentlich kritisierte.

Bei zwei Londoner Polizisten wurde unterdessen eine Belastung mit dem radioaktiven Element Polonium nachgewiesen, mit dem Litwinenko vergiftet worden war. Insgesamt 26 Polizisten seien untersucht worden, bei zweien sei eine Belastung festgestellt worden, teilte die Polizei mit. Jedoch liege die Belastung unterhalb der Grenzwerte. Den beiden Polizisten gehe es gut.

Die Hamburger Polizei will sich heute gegen 14.00 Uhr auf einer Pressekonferenz zum Stand der Ermittlungen nach der Entdeckung radioaktiver Spuren in einem Wohnhaus des russischen Ex-Geheimdienstlers Dmitri Kowtun äußern. Gestern Abend durchsuchten Beamte weiter das Haus im Hamburger Stadtteil Ottensen, wie der Lagedienst mitteilte.

Kowtun hatte sich am 1. November in London mit dem russischen Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko getroffen. Dieser war vermutlich an jenem Tag mit dem radioaktiven Stoff Polonium 210 vergiftet worden und drei Wochen später in einem Londoner Krankenhaus gestorben. Auch Kowtun soll inzwischen an einer Strahlenkrankheit leiden und liegt nach russischen Medienberichten in einem Moskauer Krankenhaus.

Spezialisten des Bundeskriminalamts (BKA) entdeckten zwar in der Wohnung des 41-Jährigen keine radioaktiven Spuren, dafür aber "an zwei Örtlichkeiten" in der im selben Haus gelegenen Wohnung der Ex-Frau Kowtuns. Ob es sich dabei um Polonium handelt, wurde von den Ermittlern zunächst nicht bestätigt. Auch in einem Haus der früheren Schwiegermutter Kowtuns in Haselau bei Hamburg wurde so genannte Alpha-Strahlen gemessen. Polonium ist wegen seiner starken Alpha- Strahlung hochgiftig.

Am gestrigen Nachmittag begannen BKA-Experten mit der so genannten Feinuntersuchung, die nähere Aufschlüsse über die Strahlungsquellen geben sollte. Die Messungen können bis zu zwei Tage dauern.

Bei der Untersuchung eines Flugzeugs der Gesellschaft Germanwings wurden auf dem Kölner Flughafen keine Spuren von Polonium 210 entdeckt. Der Jet sei wieder freigegeben worden, berichteten das Unternehmen und die Hamburger Polizei gestern Abend. In dem Airbus A 319 war Kowtun am 1. November von Hamburg nach London geflogen, um sich mit Litwinenko zu treffen.

Polizei und BKA richteten inzwischen eine Sonderkommission "Dritter Mann" ein. Auch Experten mehrerer Bundesbehörden und von Scotland Yard beteiligten sich an den Untersuchungen in Hamburg.

Die Polizei hatte das Wohnhaus Kowtuns in Hamburg am Freitagabend weiträumig abgesperrt. Experten des BKA durchsuchten dabei vier Wohnungen. In der Wohnung des 41-Jährigen wurden keine radioaktiven Spuren entdeckt, dafür aber "an zwei Örtlichkeiten" in der im selben Haus gelegenen Wohnung der Ex-Frau Kowtuns. Die Deutsche mit Doppelstaatsbürgerschaft wurde von der Polizei betreut und verhört.

Der Hauptzeuge im Litwinenko-Skandal, der russische Geschäftsmann und ebenfalls Ex-Geheimdienstler Andrej Lugowoj, bezeichnete dagegen den Gesundheitszustand Kowtuns als "zufrieden stellend". In allen drei Londoner Hotels, in denen sich Lugowoj seit Mitte Oktober aufhielt, sind mittlerweile Spuren von Polonium gefunden worden.

Die Mörder Litwinenkos haben sich möglicherweise selbst mit dem radioaktiven Polonium 210 vergiftet. Das berichtete die britische Tageszeitung "The Guardian" unter Berufung auf amerikanische FBI-Ermittler. Die Anwendung des radioaktiven Materials lasse darauf schließen, dass die Attentäter im Umgang mit der Substanz nicht genügend trainiert waren.

asc/AFP/dpa/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.