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05. November 2011, 10:40 Uhr

Tod von Alfonso Cano

Farc-Guerilla verliert ihren letzten politischen Anführer

Von , Mexiko-Stadt

Das könnte der Wendepunkt in der Geschichte der ältesten Rebellengruppierung Südamerikas sein: Kolumbiens Militär hat den Anführer der Links-Guerilla Farc, Alfonso Cano, getötet. Experten gehen davon aus, dass sich die Farc nun vollständig dem Drogenhandel zuwendet.

Mexiko-Stadt - "Es ist der wichtigste Schlag in der Geschichte gegen die Rebellenbewegung" - so rühmt Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache den Angriff auf die Rebellengruppe Farc. Das kolumbianische Militär hat am Freitag im südwestlichen Departement Cauca den obersten Chef der Links-Guerilla Farc, Alfonso Cano, getötet. Die Armee war dem 63-jährigen Rebellenchef seit mehreren Monaten auf den Fersen.

Den Angaben zufolge starben bei einem Bombardement zunächst die Mitglieder seines engsten Sicherheitsrings. Anschließend spürten Soldaten Cano auf und erschossen ihn. Bilder des Leichnams zeigen Cano ohne den Vollbart, den er sein Leben lang trug. Es ist das erste Mal in der Geschichte des kolumbianischen Bürgerkriegs, dass Sicherheitskräfte den aktuellen Führer der Farc töten konnten.

Cano stieg erst im Mai 2008 zum Chef der Farc auf, nachdem der Gründer der Rebellengruppe, Manuel Marulanda alias "Tirofijo", an einem Herzinfarkt gestorben war. Cano, der mit bürgerlichem Namen Guillermo León Sáenz Vargas hieß, galt als politischer Kopf der Guerilla und als Befürworter einer politischen Lösung des fast 50 Jahre währenden Bürgerkriegs in dem südamerikanischen Land.

Er stammte, anders als die früheren Anführer der Rebellenbewegung, nicht vom Land, sondern aus einer Familie der gehobenen Mittelklasse aus der Hauptstadt Bogotá. Er war als Anthropologie- und Jurastudent Funktionär der Kommunistischen Jugend. Erst Ende der siebziger Jahre schloss er sich der Farc an.

Weniger politische Motivation, aber mehr Drogenhandel

Politische Analysten wie Jorge Restrepo sehen den Tod von Cano als einen Wendepunkt. "Die Farc wird ab heute eine andere sein." Die Rebellenbewegung werde sich nun noch mehr dem Drogenhandel verschreiben, vermutet Experte Restrepo. Denn Cano war der letzte der mythischen Führer, die innerhalb der Rebellenbewegung ein politisches Projekt und Integrationskraft besaßen. Die verschiedenen regionalen Blöcke der Guerilla, die untereinander nur lose vernetzt sind, sind bisher in sehr unterschiedlichem Maße in den Drogenhandel verwickelt.

Alfonso Cano hatte noch zu Jahresbeginn in einer Botschaft betont, dass er bis zum Ende für eine "politische Lösung" des Konflikts kämpfen wolle. Seine möglichen Nachfolger aus dem Generalsekretariat der Guerilla sind vor allem militärische und weniger politische Führungspersönlichkeiten.

Die Rebellen-Organisation, die Manuel Marulanda 1964 zum Kampf für soziale Gerechtigkeit und eine Landreform gründete, hat heute weitgehend den politischen Anspruch verloren und finanziert sich über Drogenhandel, Erpressung von Lösegeldern und möglicherweise auch mit Geldern der venezolanischen Regierung von Hugo Chávez. Das politische Faustpfand der Farc sind rund 700 Geiseln. 40 unter ihnen sind sogenannte Austauschbare, Verschleppte also, die als Druckmittel gegenüber der Regierung dienen.

Zerwürfnisse und Kriegsmüdigkeit innerhalb der Farc

Die Todesmeldung trifft die Links-Guerilla Farc in einer der schwersten Krisen in den knapp 48 Jahren ihrer Existenz. Die Organisation hat noch immer nicht die Lücke geschlossen, die der Verlust drei zentraler Figuren des sieben Mann starken Generalsekretariats im Jahr 2008 riss. Außer Marulanda starben damals auch Raúl Reyes, Sprecher und offiziell die Nummer zwei der Rebellen, sowie Iván Ríos. Ríos wurde für ein von der Regierung ausgesetztes Kopfgeld von einer Million Dollar von seinem Leibwächter ermordet, während Reyes bei einem völkerrechtswidrigen Bombardements eines Farc-Lagers in Ecuador getötet wurde.

Rebellen, die sich anschließend stellten oder gefangen wurden, berichteten immer wieder von Zerwürfnissen und Kriegsmüdigkeit innerhalb der Farc. Vor einem Jahr tötete das kolumbianische Militär auch noch Jorge Briceño, alias Mono Jojoy, den Militärchef der Rebellen.

Präsident Santos rief die Farc in seiner Ansprache am Freitagabend eindringlich dazu auf, sich zu ergeben und zu demobilisieren. Der Terrorismus habe keine Chance in Kolumbien. "Sie enden im Gefängnis oder im Grab", sagte Santos an die Farc gerichtet.

In ihren Hochzeiten hatte die größte und älteste Rebellenorganisation Lateinamerikas rund 18.000 Männer, Frauen und Kinder unter Waffen. Phasenweise kontrollierte die Farc große Teile des kolumbianischen Territoriums. In den vergangenen Jahren unter Santos' Vorgänger Alvaro Uribe wurde die Guerilla aber deutlich geschwächt. Die von den USA hochgerüsteten kolumbianischen Streitkräfte konnten der Organisation empfindliche Schläge versetzen. Heute wird ihre Stärke auf nur noch rund 8000 bis 10.000 Kämpfer geschätzt.

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