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Tod von Hugo Chávez: "Keiner hat sein Charisma"

Foto: Ronaldo Schemidt/ AFP

Neuer Machthaber in Venezuela "Maduro wird ein schwacher Präsident"

Venezuela steht nach dem Tod von Hugo Chávez vor dem Umbruch. Doch die großen Veränderungen kommen erst in einigen Jahren, prognostiziert Heinz Dieterich, Ex-Berater des Präsidenten. Im Interview spricht er über Chávez' Erbe, den Mitleidsbonus für seinen Nachfolger und den Umgang mit den USA.

SPIEGEL ONLINE: Ist mit Hugo Chávez auch der Sozialismus des 21. Jahrhunderts gestorben?

Dieterich: Chávez hat ihn nie verwirklicht. Es gab und gibt in Venezuela keine gesellschaftliche Kraft, die am Sozialismus Interesse hätte. Chávez vertrat ein sozialdemokratisches Wirtschaftsmodell, und das wird auch nach seinem Tod weiterbestehen, zumindest die nächsten vier oder fünf Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Kann denn der Chavismus ohne Chávez überleben?

Dieterich: Das Modell kann überleben. Vizepräsident Nicolás Maduro verfügt zwar nicht über Chávez' Charisma und dessen Machtfülle. Aber er wird zum Präsidenten gewählt, weil die Bevölkerung Kontinuität wünscht. Die Leute möchten, dass die Sozialprogramme erhalten bleiben, dafür bürgt Maduro. Hinzu kommt der Mitleidsbonus durch den Tod des Präsidenten. Chávez hat kurz vor seinem Tod aufgerufen, Maduro zu wählen. Dieser Kredit reicht für vier oder fünf Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Werden unter den Chávez-Anhängern nicht Machtkämpfe ausbrechen?

Dieterich: Maduro wird ein relativ schwacher Präsident, weil er keinem der Machtblöcke im Land angehört: Das sind die Gouverneure, das Militär und der Präsident der Nationalversammlung, Diosdado Cabello, der den Parteiapparat beherrscht. Aber sie werden einen Kompromiss finden.

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Hugo Chávez: Lateinamerikas letzter Revolutionär

Foto: REUTERS / Miraflores Palace

SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Chávez vor, dass er das Land gespalten und die demokratischen Institutionen geschwächt hat.

Dieterich: Das ist nicht wahr. Er hat eine Verfassung durchgesetzt, die viel freiheitlicher ist als in den meisten anderen lateinamerikanischen Ländern und ist ihr immer treu geblieben. Chávez wird in die Geschichte eingehen als Präsident, der dem Land den Frieden zurückgegeben hat. Ende der neunziger Jahre, als er an die Macht kam, stand Venezuela kurz vor einem Bürgerkrieg. Heute unterstützen alle wichtigen gesellschaftlichen Gruppen die Demokratie. Auch die Opposition, die einst vorwiegend aus Putschisten bestand, hat sich gewandelt.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet denn Chávez' Tod für die lateinamerikanische Linke?

Dieterich: Das ist in erster Linie für die Bevölkerung ein riesiger Verlust. Das Volk hat Chávez vertraut, sie sahen in ihm den Garanten für ihre Interessen. Die Linke hat immer ein gespaltenes Verhältnis zu Chávez gehabt, weil er nicht mit der Marktwirtschaft gebrochen hat. In der gemäßigten Linken Lateinamerikas verfügt niemand über ein ähnliches Prestige, Charisma und strategische Weitsicht. Diese Lücke ist nicht zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Ecuadors Präsident Rafael Correa würde wohl gern zum neuen Star der Linken aufsteigen.

Dieterich: Ich kenne Correa gut, er entspricht am ehesten dem Profil von Hugo Chávez. Er ist ein sehr guter Redner und hervorragender Ökonom, hat eine sehr schnelle Auffassungsgabe und fürchtet keinen Widerspruch. Aber Ecuador ist zu klein und unbedeutend als Basis für eine internationale politische Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Chávez hat Kuba mit subventionierten Öllieferungen unterstützt. Müssen die Castro-Brüder jetzt bangen, dass der Geldsegen ausbleibt?

Dieterich: Wenn Maduro die Wahlen gewinnt, wird sich in den nächsten vier bis fünf Jahren am Verhältnis zu Kuba nichts ändern. Die Hilfe für Castro wird von allen venezolanischen Institutionen getragen, Maduro wird sich hüten, daran zu rütteln. Was nach dieser Frist geschieht, ist unabsehbar. Ich glaube, dass Maduro sich stärker den USA annähern wird als Chávez. Kuba wird dann möglicherweise auf eigenen Füßen stehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Maduro hat kurz vor Chávez' Tod zwei amerikanische Diplomaten unter dem Vorwurf der Spionage ausgewiesen und den Amerikanern vorgeworfen, sie hätten Chávez vergiftet. Das spricht nicht gerade für eine Annäherung an Washington.

Dieterich: Das ist Wahlkampfgeplänkel. Die Partei hat entschieden, dass die Kampagne der Chávez-Anhänger nach dem gewohnten Schema ablaufen soll. Sie werden die Unabhängigkeit gegenüber den USA betonen, um dem Volk zu zeigen: Der starke Mann ist jetzt Maduro, er wird uns vor den Gringos beschützen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das venezolanische Modell wirtschaftlich überlebensfähig? Die Preise steigen praktisch täglich, in den Geschäften fehlen Grundnahrungsmittel, zugleich wird immer weniger Öl gefördert.

Dieterich: Die neue Regierung muss die Wirtschaft effizienter gestalten und den Staatshaushalt entlasten, das ist ihre größte Herausforderung. Wenn sie die Regierungshilfe für die Armen kürzt, werden sie auf die Straße gehen. Unter Chávez sind zahlreiche Monopole entstanden, die müssen abgebaut werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich vor Jahren von Chávez distanziert, weil er einen Freund von Ihnen vor Gericht stellen ließ, den ehemaligen Verteidigungsminister und Heereschef Raúl Baduel. Er wurde wegen Korruption zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, aber in Wirklichkeit hatte er gewagt, den Präsidenten zu kritisieren. Glauben Sie, dass Baduel jetzt freikommt?

Dieterich: Maduro wäre klug beraten, wenn er eine Amnestie für alle inhaftierten Chávez-Gegner aussprechen würde, um die Vergangenheit zu überwinden.

Das Interview führte Jens Glüsing
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