Tod von IS-Anführer Baghdadi Ende eines Schreckenskönigs ohne Land

IS-Chef Baghdadi wurde von einem US-Spezialkommando in Syrien getötet. Der Extremistenchef hatte am Ende nicht mehr viele Verbündete - verraten wurde er offenbar von jenen, die ihn in sein letztes Versteck schmuggelten.

Abu Bakr al-Baghdadi (Archivaufnahme): Am Ende brach er seine eigenen Sicherheitsregeln
REUTERS

Abu Bakr al-Baghdadi (Archivaufnahme): Am Ende brach er seine eigenen Sicherheitsregeln

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Neun Leben hatte er nun doch nicht, der selbst ernannte Kalif des "Islamischen Staats" (IS), Abu Bakr al-Baghdadi. Mindestens fünf Mal war er seit 2015 schon tot gemeldet worden, bevor er vergangene Nacht tatsächlich starb: In aussichtsloser Lage, umzingelt von amerikanischen Spezialkräften, zündete er seine Sprengstoffweste, tötete sich und angeblich zwei oder drei weitere Familienmitglieder. Sein verstümmelter Körper konnte erst etwas später per DNA-Abgleich identifiziert werden. So oft schon wollten die amerikanische, die irakische, die russische Regierung ihn getötet haben, dass viele Medien erst das Statement von US-Präsident Donald Trump abwarten wollten.

Im kleinen Ort Barischa im Norden der Provinz Idlib, kaum fünf Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, endete nach mehr als fünf Jahren die Flucht des meistgesuchten Terroristen der Welt. Gegen 1.30 Uhr, nach lokalen Angaben schon etwas eher, dröhnten acht US-Hubschrauber über der hügeligen, mit Olivenhainen bewachsenen Landschaft, begannen noch aus der Luft mit schwerem Beschuss des Gehöfts, in dem Baghdadi sich seit Kurzem verborgen hielt. Die Soldaten landeten, erschossen mehrere Anwesende, darunter den Besitzer des Hauses. Neun Menschen sollen beim Angriff ums Leben gekommen sein. Nur wenige Frauen, Kinder und ein Leibwächter Baghdadis überlebten angeblich.

Ausgerechnet in Idlib hatte kaum jemand Baghdadi vermutet. Sein Reich, das der IS in atemberaubend kurzer Zeit von Sommer 2013 bis Sommer 2014 aus weiten Teilen Ostsyriens und des Westirak zusammenerobert hatte, war schon im März dieses Jahres untergegangen: als die letzten Getreuen im Dorf Baghuz tief im Osten Syriens am Euphrat starben oder sich zu Zehntausenden ergaben. Baghdadi selbst war da schon längst fort, im Januar mit wenigen irakischen Getreuen über die Grenze in die irakische Wüstenprovinz Anbar geflohen. Mutmaßlich durch alte, lange Schmuggeltunnel, die es schon lange in der Grenzgegend gegeben hatte.

Donald Trump im Situation Room, zusammen mit (v.l.) Robert O'Brien, nationaler Sicherheitsberater, Mike Pence, Vizepräsident, Mark Esper, Verteidigungsminister, Mark Milley, Vorsitzender der Joint Chiefs und Marcus Evans, stellvertretender Leiter für Sondereinsätze
Shealah Craighead/ The White House/ AP/ dpa

Donald Trump im Situation Room, zusammen mit (v.l.) Robert O'Brien, nationaler Sicherheitsberater, Mike Pence, Vizepräsident, Mark Esper, Verteidigungsminister, Mark Milley, Vorsitzender der Joint Chiefs und Marcus Evans, stellvertretender Leiter für Sondereinsätze

Die Schmuggler verrieten ihre Beute

Anbar, gewissermaßen die Heimatprovinz des IS, Aufstandshochburg der irakischen Sunniten seit 2004, schwer zu kontrollierendes Wüstenterrain - das war die natürliche Wahl, um abzutauchen. Martin Chuloy, Korrespondent des britischen "Guardian", hatte mehrfach über Baghdadis Paranoia berichtet: dass sich ihm niemand mit einem Mobiltelefon nähern durfte, dass nur über Zettel und mündliche Botschaften kommuniziert wurde, und dass der seit einem Luftangriff körperlich gehandicapte Endvierziger immer weniger Menschen traute.

Ort eines Hubschrauberangriffs in Barischa in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens, an dem sich Baghdadi aufgehalten habe soll
Ghaith Alsayed/ AP

Ort eines Hubschrauberangriffs in Barischa in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens, an dem sich Baghdadi aufgehalten habe soll

Viele aus der einstigen Führungsgruppe des IS waren ohnehin nicht mehr am Leben. Ein knappes Dutzend früherer Offiziere aus Saddam Husseins Geheimdiensten und Armee hatte seit 2004 den ganz speziellen Marsch durch die Institutionen angetreten und aus der Fanatikertruppe nach und nach einen schlagkräftigen, hochflexiblen Apparat gemacht. Einer nach dem anderen wurde zumeist von einer amerikanischen Drohne getroffen. Nur Baghdadi, ausgerechnet der nominell oberste Führer, war noch übrig. Ein Schreckenskönig ohne Land.

Video: Trumps Pressekonferenz zum Tod von Baghdadi

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Baghdadi hatte nicht mehr viele Freunde

Dass er nun mithilfe von Schmugglern aus dem Irak quer durch die syrische Wüste bis nach Idlib gekommen war, außerdem mindestens einige seiner Frauen und Kinder, zwei seiner Brüder und deren Frauen in dieselbe Richtung bringen ließ, war nach den eigenen Maßstäben ein eklatanter Bruch seiner Sicherheitsregeln.

Nach Angaben westlicher Geheimdienste waren es auch die Schmuggler, die zu seiner Aufspürung führten. Dass sich IS-Kader über Grenzen und Frontlinien quer durch Syrien oder sogar in die Türkei schmuggeln ließen, war in den vergangenen Jahren nichts Ungewöhnliches. Aber dass die Schmuggler ihre Beute verrieten, eben auch nicht.

Eine monatelange Ermittlung sei dem Zugriff vorausgegangen, heißt es nun aus amerikanischen Quellen. Man habe zwar gewusst, dass Baghdadi in Idlib sei, aber nicht genau, wo. Die letzte Rebellenprovinz im Nordwesten Syriens wird militärisch weitgehend beherrscht von einer anderen Radikalengruppe, die früher als Nusra-Front mit al-Qaida verbündet war, sich dann umbenannte in Hayat Tahrir al-Scham.

Auch dieses Fahrzeug wurde bei dem Einsatz gegen Baghdadi zerstört
Ghaith Alsayed/ AP

Auch dieses Fahrzeug wurde bei dem Einsatz gegen Baghdadi zerstört

Doch das bedeutete keinen sicheren Rückzugsort für Baghdadi, sondern eher das Gegenteil: Ideologisch ähnlich, waren beide Formationen in erbitterter Feindschaft verbunden. Der IS hatte immer wieder Auftragskiller losgeschickt, die Nusra-Führer zu ermorden. Einzig einige kleine Dschihadistengruppen, die nach der Vertreibung des IS aus Idlib durch die vereinten Rebellen im Januar 2014 dem Kalifat klandestin die Treue gehalten hatten, kamen als Helfer infrage - wie Harras al-Din, die "Wächter des Glaubens". Gastgeber Baghdadis in Barischa war denn auch ein ehemaliger IS-Mann, der sich nach 2014 ins entlegene Dorf zurückgezogen hatte.

Baghdadi hatte nicht mehr viele Freunde.

Umso mehr Mächte wollen nun an seiner Ergreifung beteiligt gewesen sein. Trump selbst dankte in seinem Statement einer seltenen Kombination von Akteuren: der Türkei, dem Irak, Syrien und den syrischen Kurden der YPG, die er Wochen zuvor gerade im Stich gelassen hatte mit seinem Rückzugsbefehl. YPG-Kommandeur Mazlum Abdi erkärte umgehend, die Operation sei das Ergebnis einer "fünfmonatigen Geheimdienstzusammenarbeit" zwischen den Kurden und den USA. Auch syrische Rebellen, die unter türkischem Kommando derzeit gegen die YPG kämpfen, erklärten, sie seien beteiligt gewesen, auszuspähen, wo in Idlib sich IS-Unterstützer verborgen hielten.

Für Trump war die Aktion ein willkommener Moment, seinen Abzugsbefehl noch einmal nachträglich zu rechtfertigen: Die anderen Staaten sollten mit dem Anti-IS-Kampf nun allein weitermachen, "wir sind draußen". Die Amerikaner würden sich fortan nur noch darum kümmern, "die Ölquellen zu sichern".

Dass Baghdadi "weinend" gestorben sei und sich vor der Selbstsprengung noch in einen Tunnel geflüchtet habe: offenbar kleine, fantasiereiche Ergänzungen Trumps. Von einem Tunnel ist am Ort des Geschehens nichts zu sehen.

Doch die viel wichtigere Frage, ob mit Baghdadis Tod nun auch der IS untergehen wird, bleibt offen. Trump findet: ja. Alle Kritiker dagegen warnen, schließlich verschwand auch al-Qaida nicht auf dem Boden des Indischen Ozeans wie die Überreste Osama Bin Ladens nach seiner Tötung 2011 im pakistanischen Abbotabad.

Auf den Thron gesetzt von ehemaligen Saddam-Getreuen

Abu Bakr al-Baghdadi war nicht jener charismatische, originäre Anführer, als der er immer wieder beschrieben wurde. Er hatte den IS oder seine Vorgänger nicht gegründet, sondern war als ausgebildeter Prediger der Glaubenskontrolleur gewesen, Chef des Scharia-Rats, der die Befolgung noch der rigidesten Regeln im Inneren und die Propaganda nach außen überwachte. Doch für das, was den IS mächtig machen würde, die Anschläge, die hochdisziplinierte Verwaltung, die Schutzgelderpressung in gigantischem Ausmaß, waren andere verantwortlich.

An die Spitze kam Baghdadi im Sommer 2010, als das bisherige Führungsduo von US-Spezialkräften in einem Lehmhaus bei Tikrit gestellt wurde und sich lieber in die Luft sprengte, als sich zu ergeben. Baghdadi kämpfte sich nicht nach oben. Er wurde auf den Thron gesetzt von der Fraktion der ehemaligen Saddam-Getreuen, die selbst nicht vermittelbar war als Führer der Gläubigen.

Der Rat der obersten Führung konnte damals nicht zusammenkommen, der Verfolgungsdruck war immens, viele Kommandeure aus der ersten Reihe festgenommen oder erschossen worden. Der Chef des IS-Militärrats, Hadschi Bakr, schlug vor, dass die anderen Mitglieder des Rats ihre Präferenz mitteilen sollten an ihn. Doch dann teilte Hadschi Bakr, ein ehemaliger Oberst des Militärgeheimdienstes, jedem mit, dass sich die übrigen bereits für Baghdadi ausgesprochen hätten.

"Posterboy des IS"

So wurde Baghdadi mit 39 Jahren erst Emir, nach der pompösen Ausrufung des Kalifats im Juli 2014 in Mossuls Nur al-Din Zenki-Moschee schließlich "Kalif", oberster Herrscher aller Gläubigen. Zumindest nach den Vorstellungen des IS.

Doch die wirkliche Führung, die militärischen Operationen, der Aufbau der Armee, die Infiltration Nordsyriens, die klandestine Kooperation mit Syriens Militärgeheimdienst - all das organisierten andere. Ein europäischer Nachrichtendienstmitarbeiter nannte Baghdadi mal den "Posterboy des IS": das Gesicht für die Welt. Aber nicht das Hirn der Organisation.

Für diese Einschätzung spricht der Umstand, dass Baghdadi so lange am Leben geblieben ist. Denn je aktiver ein Anführer führt, Befehle gibt, sich mit anderen trifft, desto verwundbarer wird er auch. Weshalb es die anderen Führer schon viel früher getroffen hat. Wer als Symbol in einer Lehmhütte in Anbar sitzt, wird nicht so leicht gefunden. Dass es ihn nun traf, lag an seiner Flucht nach Idlib, mit der ganzen Familie. In fußläufige Nähe zur türkischen Grenze.

Warum er ausgerechnet dorthin ging, bleibt vorläufig ein Rätsel.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Trump habe in seinem Statement auch Iran gedankt.



insgesamt 57 Beiträge
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tayyipcik 27.10.2019
1. Ach ja
Die mit der Türkei verbündeten " Rebellen" ? Ich dachte das war klar, dass es Dschihadisten sind ? Sie haben ihn doch in Idlib versteckt und das wusste auch der türkische Geheimdienst. Ich glaube eher die USA sind dem türkischen Geheimdienst gefolgt und so an ihm gekommen. Die mit der Türkei Verbündeten Terroristen hätten ihn nicht verraten. Erst letzte Woche hat die YPG eine Namensliste von 40 Personen den USA übergeben, die früher beim IS waren und jetzt auf der türkischen Seite stehen.
gldek 27.10.2019
2. Wo bleibt der Aufschrei er Grünen ?
War das nicht eine völkerrechtswidrige Exekution ? Vermutlich gesteuert über eine in Deutschland ansässige Kommandozentrale der US-Streitkräfte. Die Schuld dieses Mannes an Terror, Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen ist doch gar nicht bewiesen.
Schnullerbacke 27.10.2019
3. Fußläufig zur türkischen Grenze,
Warum wohl, weil die wirklichen Unterstützer auf der anderen Seite der Grenze sitzen.
sabinehh512 27.10.2019
4. Kurz und bündig....
nicht Schade um dieses Subjekt. Ein Feigling sondergleichen, der sich selbst in die Luft sprengt. So etwas nennt man einen Versager. Die Frauen, es sind offenbar mehrere, mit den Kindern, sollen bitte da bleiben wo sie sind und nicht auf die Idee kommen, in den deutschen Sozialstaat einzuwandern. Punkt! Hatte gerade erst die Begegnung der dritten Art und möchte dieses nicht erneut sehen.
three-horses 27.10.2019
5. Jahre zu spät.
Vor 2/3 Jahren wäre es ein Erfolg. Hätte wahrscheinlich der ganze Irrsinn weniger Menschen Leben gekostet. Die Feier wird einsam, die Kurden haben nichts davon. Die Lösung waren Kurden. Sind aber unter der Tisch gefallen wo nun wieder der Assad und Erdogan am futtern sind.
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