Tod von Lech Kaczynski Gesine Schwan rechnet nicht mit Machtvakuum in Polen

Polen trauert um seine Führung - nach dem Tod Lech Kaczynskis und etlicher Eliten des Landes bei einem Flugzeugabsturz besteht nach Einschätzung von Gesine Schwan nicht die Gefahr eines Machtvakuums. Das Unglück sei aber eine "sehr harte Erfahrung" für das Land, so die ehemalige Polen-Beauftragte der Bundesregierung

Wissenschaftlerin Schwan: "Polen muss halt wieder einmal neu aufbauen"
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Wissenschaftlerin Schwan: "Polen muss halt wieder einmal neu aufbauen"


Berlin/Warschau - Gesine Schwan, glaubt nicht, dass es nach dem Tod von Präsident Lech Kaczynski zu einem Machtvakuum in Polen kommt. Ministerpräsident Donald Tusk sei mit seiner Regierung im Amt und ein neuer Staatspräsident werde bald gewählt, sagte die Politikwissenschaftlerin dem Sender MDR Info. Zudem habe Regierungschef Tusk sofort Handlungsfähigkeit bewiesen.

Zu den künftigen Beziehungen zwischen Polen und Russland sagte die ehemalige SPD-Präsidentschaftskandidatin: "Jedenfalls hoffe ich, dass nicht durch irgendwelche Gerüchte und Verschwörungsideen neuer Streit zwischen beiden Ländern entsteht."

Kaczynski war mit einer hochrangigen Delegation auf dem Weg ins russische Katyn, um der Tausenden polnischen Offiziere zu gedenken, die dort im Zweiten Weltkrieg vom sowjetischen Geheimdienst ermordet worden waren. Russland habe nach dem Unglück sehr "prononciert" reagiert, sagte Schwan. "Aber sie werden sich jetzt deswegen nicht in die Arme fallen".

Der Tod von führenden Militärs und Politikern bedeute einen erheblichen Verlust für Polen, so die Wissenschaftlerin. Natürlich habe dies nicht die Dimension wie die Zerstörung der Eliten durch Nationalsozialisten und Stalinisten. Aber es sei eine sehr harte Erfahrung. "Und Polen muss halt wieder einmal neu aufbauen." Das Amt der Regierungsbeauftragten für die deutsch-polnischen Beziehungen hatte Schwan Ende vergangenen Jahres an die FDP-Politikerin Cornelia Pieper abgegeben.

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Lech Kaczynskis Tod: Trauer um den verstorbenen Präsidenten
Der Sarg mit den sterblichen Überresten des polnischen Präsidenten Kaczynski soll derweil am Dienstag öffentlich aufgebahrt werden. Das meldete die polnische Nachrichtenagentur PAP unter Berufung auf den Präsidenten-Minister Jacek Sasin am Sonntag. Kaczynskis Leichnam war am Nachmittag in die Kapelle des Präsidentenpalastes in Warschau gebracht worden. Zugang dort hatten aber zunächst nur die Familie und Mitarbeiter. Über den Beisetzungstermin wollten Vertreter der Regierung und der Kanzlei des Präsidenten am Montag sprechen.

Ganz Polen trauert um Kaczynski, seine Frau Maria und weitere Spitzenpolitiker, die bei einem Flugzeugabsturz am Samstag im Westen Russlands ums Leben gekommen waren. Bis spät in die Nacht harrten Tausende vor dem Amtssitz aus, legten Blumen nieder, sangen Kirchenlieder und zündeten Grabkerzen an. Überall hingen weiß-rote Nationalflaggen. Wegen der Menschenmassen blieb die Allee vor dem Präsidentenpalast für den Verkehr gesperrt.

Am Absturzort vollzogen Russland und Polen demonstrativ den Schulterschluss: Die Regierungschefs Tusk und Wladimir Putin legten nur wenige Kilometer entfernt von Katyn, wo auf Befehl Stalins einst Tausende polnische Offiziere getötet wurden, gemeinsam Blumen nieder.

Die russische Staatsanwaltschaft schließt eine technische Ursache für den Absturz aus. Die Maschine vom Typ Tupolew TU-154 sei in einwandfreiem Zustand gewesen, sagte Chefermittler Alexander Bastrykin am Sonntag. Vielmehr sei der Pilot mehrfach auf die schlechte Wetterlage und den Nebel hingewiesen worden und habe trotzdem mehrere Landeversuche unternommen, sagte Bastrykin. Schon zuvor hatten die russischen Flugbehörden dem Piloten "eigenmächtiges" Handeln vorgeworfen. Die Sichtweite zum Unglückszeitpunkt habe nur 400 Meter betragen, vorgeschrieben seien mindestens 1000 Meter.

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Lech Kaczynski: Vom Kinderstar zum polnischen Staatschef
Ein Nachfolger Kaczynskis soll spätestens bis zum 20. Juni gewählt werden. Ursprünglich sollten die Präsidentenwahlen im Herbst stattfinden. Der polnische Parlamentschef Bronislaw Komorowski, der gemäß der Verfassung bis zur Neuwahl die Geschäfte des verunglückten Staatsoberhauptes übernommen hat, will binnen 14 Tagen über den Termin entscheiden. Komorowski wird als Kandidat der liberalen Regierungspartei Bürgerplattform PO nach derzeitigem Stand selbst bei der Wahl antreten.

Unter den insgesamt 96 Opfern des Absturzes waren auch mehrere polnische Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens: die Ehefrau Kaczynskis, Vize-Parlamentschef Jerzy Szmajdzinski, Vize- Außenminister Andrzej Kremer sowie viele Parlamentarier. Auch die Ikone der demokratischen Opposition, die legendäre Streikführerin von 1980 in Danzig, Anna Walentynowicz, war an Bord der Tupolew.

anr/dpa

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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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