Tod von Lech Kaczynski Polen trauert um seinen Präsidenten

Der Tod Lech Kaczynskis versetzt Polen in einen Schockzustand: Nach dem Absturz der Präsidentenmaschine wurde Staatstrauer angeordnet, einige vergleichen die Katastrophe mit dem Massaker von Katyn. Die Ursachensuche hat begonnen, möglicherweise war menschliches Versagen ein Grund.

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Hamburg - Polens Premier Donald Tusk war sichtlich erschüttert, am Samstagnachmittag wandte er sich an die Nation: "Solch ein Drama hat die jüngere Zeit nicht gesehen", sagte er. Eine Woche Staatstrauer verordnete Bronislaw Komorowski, der als Präsident des Parlaments jetzt Staatsoberhaupt ist, seinem Land.

Polens Präsident Lech Kaczynski war am Samstagmorgen bei einem Flugzeugunglück nahe dem russischen Smolensk umgekommen. Dutzende Politiker und Würdenträger verbrannten mit ihm in der Präsidentenmaschine: Die Gattin des Staatsoberhaupts, Bischöfe, der Chef der Nationalbank, Vizeminister, der Chef der polnischen Behörde für die Geheimdienstunterlagen der kommunistischen Ära. Es ist ein schwerer Schlag für die polnische Elite.

Am Sonntag um 12 Uhr wird Polen für zwei Minuten stillstehen, um der Toten zu gedenken. Fast überall werden die Menschen niederknien und Gottesdienste abhalten. Zehntausende hatten sich bereits ab Samstagmittag vor dem Palast des Präsidenten in Warschau eingefunden, sie trugen Kerzen, legten Blumen ab. Die Türen des prunkvollen Baus in der Warschauer Straße "Krakauer Vorstadt" blieben geschlossen.

Auch vor der Warschauer Wohnung der Familie Kaczynski versammelten sich Menschen, schrieben sich in Kondolenzbüchern ihre Erschütterung von der Seele. Lechs Zwillingsbruder Jaroslaw reiste noch am Samstagnachmittag zum Katastrophengebiet. "Er hat die größte persönliche Katastrophe erlebt, die für ihn denkbar ist", sagt ein Vertrauter. Gemeinsam mit Regierungschef Tusk landete er am Abend in Weißrussland. Sie trafen in Witebsk nahe der russischen Grenze ein, um von dort aus zur Absturzstelle bei Smolensk zu fahren. Dort gedachten Tusk und der russische Regierungschef Wladimir Putin der Opfer des Unglücks und legten Blumen nieder. Jaroslaw Kaczynski kniete nieder und betete.

Leichen werden zur Identifizierung nach Moskau gebracht

In Poznan kamen zahlreiche Menschen am Denkmal für die Opfer von Katyn zusammen - 20.000 polnische Offiziere hatte Stalins Geheimdienst dort 1940 ermorden lassen. Der Präsident und seine Entourage waren am Samstag auf dem Weg zu einer Gedenkfeier in Russland. Unter den Trauergästen vor Ort sprach sich die Katastrophe schon in den Morgenstunden herum. Später stellten sie ein Kreuz auf: "Für die, die starben, in Katyn 2". Kaczynskis Amtsvorgänger Aleksander Kwasniewski stöhnte: "Mir fehlen die Worte: ein zweites Katyn."

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Lech Kaczynski: Vom Kinderstar zum polnischen Staatschef

In den Abendstunden dauerten die Bergungsarbeiten an der Absturzstelle noch an. Die Leichen werden zunächst nach Moskau geflogen. Dort auf dem Flughafen Scheremetjewo werden sie zur Identifikation aufgebahrt. Die russische Botschaft in Warschau versprach den Angehörigen unbürokratisch Visa auszustellen. Anfang der Woche soll es in Warschau eine zentrale Trauerfeier geben. Wann die Leichen in Polen eintreffen, wann die Opfer beerdigt werden, ist noch offen.

Russlands Präsident Dmitrij Medwedew ordnete für Montag eine eintägige Staatstrauer an. "Im Namen des russischen Volkes spreche ich mein tiefstes und aufrichtiges Beileid aus", sagte Medwedew in einer Ansprache an die polnische Bevölkerung. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, darunter Kanzlerin Angela Merkel (CDU), bekundeten am Samstag ihre Trauer und Bestürzung über Kaczynskis Tod. Polen hat nun bis Ende Juni Zeit, die Nachfolge an der Staatsspitze zu regeln.

Russlands Premier Putin macht die Untersuchung des Unglücks zur Chefsache

Russlands Premier Putin hat die Untersuchung des Unglücks zur Chefsache gemacht. Es herrschte dichter Nebel, vielleicht haben die Piloten versagt, vielleicht war die Maschine defekt. Schon jetzt werden kritische Stimmen laut. Pawel Lisicki, Chefredakteur der Warschauer konservativen Zeitung "Rzeczposplita" sagt: "Das zeigt, wie schwach wir immer noch sind. So lange schon waren wir nicht in der Lage die Regierungsflugzeuge zu ersetzen."

Journalisten, normalerweise immer auf der Präsidentenmaschine mit dabei, blieben verschont. Weil die Delegation nach Katyn schon so groß war, wurden sie in einen zweiten Flieger gebeten. Sie hatten gerade Platz genommen, als der Pilot sie dazu aufforderte, wieder auszusteigen. Das Flugzeug vom Typ Jak 40 sei defekt. Man müsse vor dem Start eine neue Maschine klarmachen.

Allerdings verdichteten sich am Samstagabend die Hinweise auf menschliches Versagen als Unglücksursache. Der Pilot der polnischen Regierungsmaschine habe beim Anflug auf den russischen Flughafen Smolensk mehrere Befehle der Fluglotsen ignoriert, die Landung abzubrechen, sagte der Vizechef der russischen Luftwaffe, Alexander Aljoschin, der Agentur Interfax zufolge.

"Bei einer Entfernung von 2,5 Kilometern stellte der Leiter der Luftraumüberwachung fest, dass die Crew die Geschwindigkeit im Sinkflug beschleunigte", sagte Aljoschin. Der Tower habe daraufhin den Befehl gegeben, das Flugzeug in eine horizontale Position zu bringen. Als die Crew diesem Befehl nicht gefolgt sei, hätten die Fluglotsen dem Piloten mehrmals angeordnet, einen anderen Flughafen anzusteuern. "Die Crew setzte den Landeanflug trotzdem fort. Unglücklicherweise endete dies in einer Tragödie", sagte Aljoschin.

Konkretere Hinweise könnte auch der Flugschreiber liefern, der wenige Stunden nach dem Absturz gefunden wurde. Die Daten werden jetzt ausgewertet.

Mit Material von dpa und Reuters

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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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