Russlands Hass auf Gorbatschow Shitstorm gegen den Totgesagten

Ist Michail Gorbatschow bei Kräften, im Krankenhaus oder gar nicht mehr unter den Lebenden? Zum wiederholten Male wurde jetzt der Tod des sowjetischen Ex-Präsidenten verbreitet. Und wieder war es eine Falschmeldung. Sie reichte, um in Russland eine Welle des Hasses loszutreten.
Michail Gorbatschow (Archivbild): Viele Russen haben ihn nie verstanden

Michail Gorbatschow (Archivbild): Viele Russen haben ihn nie verstanden

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP

Es war Mittwochabend, als die staatliche Moskauer Nachrichtenagentur RIA Novosti in ihrem deutschsprachigen Mikroblog und einem weiteren Twitter-Kanal den Tod Gorbatschows verkündete. Die Meldung war falsch, das stellte sich schnell heraus.

Er sei "lebendig und gesund", erklärte der frühere Kreml-Chef, sein Blutdruck betrage 150 zu 80, auch die Zuckerwerte habe er im Griff. Der 82-Jährige sei an diesem Tag sogar von seiner Datscha in die Stadt gefahren, zur Arbeit in seiner Stiftung, so einer seiner engsten Mitarbeiter gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Nachricht sei "völliger Unfug", Gorbatschow habe noch nicht die Absicht zu sterben.

Der Vorgang war der Staatsagentur RIA Novosti furchtbar peinlich. Sie hätte, so teilte sie mit, die Meldung nach nicht mal fünf Minuten gelöscht. Hacker hätten die Accounts geknackt und die Ente verbreitet. Man sei dabei, im eigenen Hause Nachforschungen anzustellen, darüber hinaus habe man den Inlandsgeheimdienst FSB mit einer Untersuchung beauftragt.

Auffällig ist, wie oft der letzte sowjetische Staats- und Parteichef inzwischen totgesagt worden ist. Ähnliche Gerüchte schwirrten bereits im Juni durchs Land. Im Mai 2012 erschien die Todesmeldung sogar auf der englischen Seite der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, von wo aus sie es rasend schnell über soziale Netzwerke bis in die Medien schaffte.

Warum hassen die Russen Gorbatschow so?

Gorbatschow selbst gab sich gelassen, aber diese Gelassenheit ist gespielt. Dass einem alle paar Monate der eigene Tod vermeldet wird - das steckt selbst ein 82-Jähriger nicht so einfach weg. Der Ex-Präsident argwöhnt zudem, dass hinter den Falschmeldungen "irgendwelche politischen Kreise" stehen.

Es stimmt, Gorbatschow ist nicht mehr gesund. Er hat in den vergangenen Jahren drei schwere Operationen überstehen müssen: an Halsschlagader, Prostata und Wirbelsäule. Das hat ihn gezeichnet. Er ist aufgedunsen, auch der Zucker macht ihm zu schaffen, regelmäßig muss er ins Krankenhaus. Aber mehr noch leidet er unter dem schlechten Ruf, den er im eigenen Lande genießt. Denn Gorbatschow hat ein anderes Bild von sich und seiner politischen Leistung.

"Warum hassen so viele Russen Sie?" So lautete eine der Fragen in einem Gespräch, das der SPIEGEL mit ihm im Sommer vor genau zwei Jahren führte . Gorbatschow ließ sich damals Zeit, er überlegte fast eine Minute lang. "Wahrscheinlich werden die Leute erst nach meinem Tod aufhören, mich zu hassen", antwortete er schließlich. Doch dann schüttelte er den Kopf und korrigierte sich: "Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass sie mich hassen."

Das aber ist ein Irrtum, und er wurde gestern einmal mehr offenbar. Die falsche Todesmeldung war längst gelöscht, doch landauf, landab hatte sie eine Welle von Kommentaren ausgelöst. Es war eine Welle des Hasses. Eine Mischung aus politischer Verachtung, bloßen Beschimpfungen, Pöbeleien und unfassbaren Beleidigungen.

Das, was am Mittwoch zum Beispiel auf den Webseiten der Internet -Gruppe mail.ru auftauchte, ließ ahnen, welchen Nachruf der große sowjetische Reformer im eigenen Lande bekommen wird. Und wie die Mehrheit der Russen auf seine Perestroika schaut - auf jene gut sechs Jahre, in denen Gorbatschow die Sowjetunion zu öffnen und zu modernisieren versuchte, bis sie im Dezember 1991 zusammenbrach. Das einst so mächtige Sowjetreich ging in jenem Winter sang- und klanglos unter - viele Russen haben diesen Verlust bis heute nicht verschmerzt. Gorbatschow habe an dieser Katastrophe Schuld, so glauben sie, und nicht wenige meinen, er habe einen Auftrag der Amerikaner erfüllt.

In fast jedem zweiten Eintrag bei mail.ru tauchte das Wort "Verräter" auf. Für "30 Silberlinge" habe Gorbatschow die Sowjetunion verkauft, er selbst sei sicher reicher als der Oligarch Roman Abramowitsch, Kinder und Enkel könnten sein Portemonnaie sicher noch 20 Jahre lang nutzen, unterstellte eine Frau.

Der Shitstorm gibt Einblick in die Seele der Russen

Jemand anderes steuerte die rhetorische Frage bei: "Lebt es sich leicht als Verräter, der vom ganzen Land gehasst wird?" Ein dritter immerhin billigte Gorbatschow weitere Lebenszeit zu - so lange, bis "das Volk über ihn zu Gericht sitzen wird". Und ein vierter bewies sogar einen gewissen Humor: Gorbatschow werde nie sterben, denn die Teufel hätten Angst, "dass dann auch die Hölle zusammenbricht".

Der Rest ging unter die Gürtellinie. "Wie schade, dass er nicht wirklich gestorben ist!" "Man sollte ihn mit einer Dampfwalze überfahren!" "Judas Gorbi". "Stirb, du Hund, stirb so schnell wie möglich". "Seine Tage sind gezählt, sein Tod wird ein Volksfest werden" oder "Wir kommen zu seiner Beerdigung, um auf seinen Sarg zu spucken" - von diesem Kaliber waren die Kommentare.

Dass auch noch jemand schrieb: "Ich wünsche Ihnen noch viele lange Jahre, Michail Sergejewitsch. Toll, dass Sie diese ganze große hohle UdSSR zum Einsturz brachten!", ging in dem Shitstorm unter.

Nicht nur die Todesmeldung, auch die Einträge in den Foren wurden übrigens schnell gelöscht. Eine Kommentierung der fälschlichen Meldung sei nicht erwünscht, ja verboten, stand auf den Seiten. Aber für ein paar Stunden hatte sich ein Fensterchen aufgetan, durch das man in die Seele vieler Russen blicken konnte. Sie hassen Gorbatschow, weil sie ihn nie verstanden haben.

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