Todesstrafen-Statistik 2009 Amnesty prangert Chinas heimliche Exekutionen an

Tötung auf Befehl des Staates: Mindestens 714 Menschen wurden im vergangenen Jahr weltweit hingerichtet, berichtet Amnesty International. Die Menschenrechtler gehen allerdings von Tausenden weiteren Exekutionen in China aus - aus der wahren Zahl mache die Regierung ein Staatsgeheimnis.

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Von Julia Troesser und


Hamburg - Geld kostete Du Yimin das Leben. Die chinesische Geschäftsfrau wurde im August 2009 hingerichtet - auf Befehl des Obersten Volksgerichtshofs in Peking. Das Vergehen der 44-Jährigen: Du Yimin soll Investoren für ihre Schönheitssalons betrogen haben. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie mit dem Versprechen einer hohen Rendite umgerechnet etwa 80 Millionen Euro einsammelte - das Geld aber nie investierte.

Der Anwalt der Geschäftsfrau hielt eine zehnjährige Haft in Verbindung mit einer Geldstrafe für angemessen. Doch in der Volksrepublik ist es möglich, die Todesstrafe für etwa 68 verschiedene Verbrechen zu verhängen.

Gegen Du Yimin wurde sie verhängt.

In der Provinz Guangdong kann sogar Handtaschenraub zur Hinrichtung führen. "Wir wissen, dass in China aller Wahrscheinlichkeit nach jedes Jahr mehrere tausend Menschen hingerichtet werden - trotz verschiedener Reformen, die die chinesische Regierung angestrengt hat, um die Zahl der vollstreckten Todesurteile zu vermindern", sagt Amnesty-Experte Oliver Hendrich SPIEGEL ONLINE. So müssen seit einigen Jahren alle Todesurteile vom Obersten Volksgerichtshof überprüft werden, bevor sie vollstreckt werden können. Doch offizielle Zahlen hält die chinesische Führung geheim.

Amnesty International schätzt, dass in der Volksrepublik im vergangenen Jahr mehr Menschen exekutiert wurden als in allen übrigen Staaten der Welt zusammen. Die Menschenrechtler durchforsten viele Medien und andere Quellen, um sich einen Überblick zu verschaffen. "Diese Zahlen liegen deutlich unter den anzunehmenden Hinrichtungs- und Verurteilungszahlen", sagt Hendrich.

2008 kamen die Menschenrechtler auf mehr als 1700 Todesurteile in China. Für 2009 aber veröffentlicht Amnesty erstmals keine Statistik mehr zur Situation in der Volksrepublik - sondern verlangt stattdessen Klarheit von der kommunistischen Regierung. "In China müssen die Zahlen auf den Tisch", fordert Hendrich. Die Regierung behaupte, dass immer weniger Hinrichtungen stattfänden, also solle sie das auch untermauern.

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Grafiken: Wo von Staats wegen getötet wird

Für die anderen Staaten der Welt können die Menschenrechtler in ihrem aktuellen Bericht genauere Angaben machen. China ausgenommen, wurden im vergangenen Jahr mindestens 714 Gefangene in 18 Ländern hingerichtet. Mehr als 2000 Todesurteile zählte Amnesty in insgesamt 56 Ländern (siehe Grafiken). Insgesamt sitzen derzeit weltweit mehr als 17.000 Häftlinge in Todeszellen.

Der Großteil der Hinrichtungen konzentriert sich neben China auf wenige weitere Staaten. Auf dem amerikanischen Kontinent ließen 2009 nur noch die USAvon Staats wegen töten. Dort wurden 52 Todesurteile vollstreckt.

Iran war 2009 mit mindestens 388 Exekutionen an der Spitze der Amnesty-Statistik - das waren 42 Hinrichtungen mehr als 2008. Auch im Irak wurden mindestens 120 Menschen auf Befehl des Staates getötet, 86 mehr als im Vorjahr. Der Uno-Menschenrechtsrat hat diesen Anstieg schon angeprangert.

In Saudi-Arabien, wo wie in Iran sogar Homosexualität die Todesstrafe nach sich ziehen kann, registrierte Amnesty 69 Hinrichtungen. Erneut wurden in Saudi-Arabien und Iran minderjährige Straftäter exekutiert, obwohl das Völkerrecht es verbietet.

Hinrichtung trotz umstrittenen Geständnisses

So musste auch Delara Darabi trotz internationaler Proteste am Galgen sterben. Mit 17 soll die Iranerin eine Cousine ihres Vaters ermordet haben. Dafür wurde sie zum Tode verurteilt. Obwohl die Justiz ihr einen Aufschub gewährt hatte, wurde sie im Mai 2009 nach fünfjähriger Haft hingerichtet. Nicht einmal ihr Anwalt wurde von der anstehenden Exekution in Kenntnis gesetzt.

Auch die Europäische Union verurteilte die Hinrichtung. Amnesty International kritisierte den Prozess gegen die junge Frau außerdem als "unfair". Denn ihr Geständnis hatte sie zurückgenommen - zunächst hatte sie es wohl abgelegt, um ihren Freund zu schützen.

Iran steht nicht nur wegen unfairer Verfahren im Visier der Menschenrechtler. Das Regime nutze wie China und Sudan Hinrichtungen, um Oppositionelle zum Schweigen zu bringen, kritisiert Amnesty. Überdurchschnittlich oft werden auch Arme und Angehörige ethnischer, nationaler oder religiöser Minderheiten zum Tod verurteilt.

So starb der Kurde Ehsan Fattahian, weil er sich als Mitglied der Oppositionsgruppe Komala für die Selbstbestimmung der kurdischen Minderheit in Iran einsetzte. Er hatte sich geweigert, im Fernsehen ein inszeniertes Geständnis abzulegen und seine politischen Ansichten zu widerrufen. Am 11. November 2009 wurde er im Nordwesten Irans hingerichtet.

Auch in Europa existiert die Todesstrafe noch

Auch wenn sich ohne die chinesischen Zahlen die weltweite Entwicklung nur schwer vergleichen lässt, sieht Amnesty einen Trend zur Abschaffung der Todesstrafe. 139 Staaten haben sie im Gesetz oder in der Praxis abgeschafft - zuletzt Togo und Burundi. Diesen Ländern stehen 58 Staaten gegenüber, die an ihr festhalten. Lediglich 18 davon vollstreckten sie 2009 aber auch. Länder wie Afghanistan und Pakistan dagegen schickten im vergangenen Jahr keine Todeskandidaten vor den Henker.

In Europa droht Straftätern nur noch in Weißrussland die Hinrichtung. Im vergangenen Jahr hat das Land kein Urteil vollstreckt - 2010 allerdings schon, Mitte März wurden zwei verurteilte Mörder hingerichtet.

In vielen Staaten setze sich mittlerweile die Erkenntnis durch, dass die Todesstrafe eine schwere Menschenrechtsverletzung darstelle, sagt Amnesty-Experte Hendrich. "Außerdem erkennen die Staaten zunehmend, dass die Todesstrafe Verbrechen nicht besser verhindert als andere Strafen."

insgesamt 78 Beiträge
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sberlin 30.03.2010
1. Von wegen Schurkenstaaten
Auf der Landkarte der hinrichzugen erkennt man, welche Länder besonders unzivilisiert sind. Unter anderem das ach so demokratische und fortschrittliche Amerika zusammen mit seinen sogenannten Schurkenstaaten, was für eine Ironie!
Transmitter, 30.03.2010
2. AI: langweilige, sinn- und wirkungslose Anprangerei
Zitat von sysopTötung auf Befehl des Staates: Mindestens 714 Menschen wurden im vergangenen Jahr weltweit hingerichtet, berichtet Amnesty International. Die Menschenrechtler gehen allerdings von Tausenden weiteren Exekutionen in China aus - aus der wahren Zahl mache die Regierung ein Staatsgeheimnis. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,686239,00.html
Ja und? Und nun? Wird sich was ändern? Ach, hört doch auf! Es ist das völkerrechtlich verbriefte Recht souveräner Staaten, Krieg zu führen und die Todesstrafe zu verhängen. Ich persönlich würde beispielsweise lieber schnell und schmerzlos mittels Giftspritze exekutiert als vorher noch 15, 18 Jahre lang in einer Death-Row-Einzelzelle (wie in den USA üblich) dahin vegetieren zu müssen. AI "prangert" alles an, ohne Sinn und Verstand. Auch die mangelnde Beachtung der Menschenrechte von Ausländern in Deutschland. Saudi Arabien aber, dass die schlimmsten Formen der Todesstrafe (öffentliches Köpfen) schon immer kennt, wird nur ganz leise am Rande erwähnt. Die pfeiffen auch auf die Meinung von AI dort. Wir sollten auch darauf pfeiffen, was diese durchsichtigen Weltverbesserer absondern. Solange die nichts wirklich Handfestes (beispielsweise Protestveranstaltungen im Iran, in China, im Sudan usw.) gegen die Todesstrafe hinbekomen, schaden die nur. Sabbelköppe.
mark anton, 30.03.2010
3. China - wirtschaftlich ein Riese, die komm. Partei bestimmt ueber alles andere
Das Konzept kapitalistische Wirtschaft ansonsten Diktatur der Kommunisten hat sich ausgezahlt, sehr effizient fuer Export und Preise niedrig zu halten. Was die Arbeiter anbelangt, sind sie nahezu rechtlos, keine Gewerkschaften zugelassen, wer sich beschwert - fliegt. Persoenliche Freiheit in jeder Beziehung ein Fremdwort. Wer sich verdaechtig macht oder "kritische Kommentare aeussert in Wort, Internet oder geschrieben ist reif fuers Arbeitslager. Je nach "schwere" des Falles ist die Behandlung, d.h. es entscheidet wiviele Jahre man ueberlebt. Die Geheimzahl mit Exekutionen von Straftaetern ob mit oder ohne Gerichtsverfahren, wie der Artikel sagt: Staatsgeheimnis. Die uebliche Art der Hinrichtung ist Genickschuss bei knieenden Opfeer, anschliessend werden die Organe "entnommen" und meisstbietend verkauft. Die Importe aller Art nach dem Westen haben China reich gemacht, als Nachteil hat der Westen nahezu seine gesamte Produktionskapatzitaet an Guetern im unteren und mittleren Bereich verloren und damit die heimischen Arbeitsplaetze. Was nach Berechnung aller Nachteile tatsaechlich die Gueter den Importlaendern kosten - sollte einmal ermittelt und veroeffentlicht werden. Alles in allem, China kein Modell zum Nachahmen wer auf Menschenrechte achtet.
notty 30.03.2010
4. Invitation to China-Bashing
Zitat von sysopTötung auf Befehl des Staates: Mindestens 714 Menschen wurden im vergangenen Jahr weltweit hingerichtet, berichtet Amnesty International. Die Menschenrechtler gehen allerdings von Tausenden weiteren Exekutionen in China aus - aus der wahren Zahl mache die Regierung ein Staatsgeheimnis. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,686239,00.html
Ueber was wollen wir denn nun diskutieren, wenn es keine Zahlen gibt? Die Uebersichten im "Spiegel" zu China sagen nichts aus..... Vielleicht, dass Amnesty International "unzufrieden" mit der Informationspolitik Chinas ist? Ist das jetzt wieder eine Aufforderung zu Mutmassungen, zu Kommentaren von selbsternannten "Chinakennern", oder einfach nur Einladung zum "China-Bashing"
Guido Walden, 30.03.2010
5. Bitte Respekt vor andere Nation
Was heißt Respektieren der Meinung anderes Nation/Menschen der Welt? so lange Zeit nach Hitler's Zeit wissen Deutsche immer noch nicht, was Respekt vor andere Nation/Tradition ist. (oder wegen die Todstrafe des Nazis? ) Nicht alles, die Du als völlig falsch behauptest, sind immer falsch. Wenn die islamische Frau das Tuch nicht tragen darf, dürfen auch die Chist-Frau die Kreuz auch nicht tragen! Ein demokratische Rigierung soll nicht beurteilen, welche Glauben richtig oder falsch ist. Und ich verstehe immer nicht, warum es so viele Kinderschänder in Deuschland gibt?
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