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04. März 2012, 07:27 Uhr

Todesurteil gegen Pastor in Iran

Für den Glauben an den Galgen?

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Er wurde vom Muslim zum Christen - dafür will ihn das Regime in Iran am Galgen sehen. Seit Jahren sitzt Yucef Nadarchani in der Todeszelle, trotz Protesten aus Berlin und Washington. Doch nun gibt es eine letzte Hoffnung für den evangelischen Pastor: die Milde von Ajatollah Ali Chamenei.

Teheran - Vier Mal hatte Yucef Nadarchani die Chance, mit wenigen Worten sein Leben zu retten. Vier Mal blieb der Iraner stumm. Seine Peiniger im Zentralgefängnis in Rasht warten vergeblich auf eine Abkehr des 35-Jährigen vom Christentum. Nadarchani, so scheint es, geht lieber in den Tod, als zurück in den Islam. "Ich bin unbeirrbar in meinem Glauben an das Christentum und habe nicht den Wunsch, meinem Glauben abzuschwören", zitiert ihn die britische "Times".

Dabei hat Nadarchani eine Leidenszeit hinter sich, die selbst einen gefestigten Glauben auf eine harte Probe stellt. Seit 2009 sitzt der evangelische Pastor in Haft, zunächst in ständiger Furcht vor dem Todesurteil - später in Angst vor der Vollstreckung. Sein Vergehen: Ihm werden "Abfall vom islamischen Glauben" und "Verbreitung nicht-islamischer Lehren" vorgeworfen. Dafür will ihn das Regime in Teheran am Galgen sehen.

Der Fall beschäftigt Diplomaten und Politiker seit Jahren. In den vergangenen Wochen war die Kontroverse um den inhaftierten Gläubigen jedoch eskaliert, immer deutlicher wurden die Anzeichen für eine nahende Vollstreckung des Richterspruchs. Im September 2011 hatte Irans Oberster Gerichtshof in letzter Instanz das Todesurteil gegen den vermeintlich Abtrünnigen verhängt. Wenn, so die Auflage, dieser nicht" freiwillig" zum Islam zurückkehrt.

Ende Februar meldete die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) schließlich, die Justizbehörden hätten das Zentralgefängnis von Rasht angewiesen, die Ausführung des Todesurteils vorzubereiten.

Doch Nadarchani bleibt noch eine Hoffnung: Nach Informationen von Amnesty International liegt die Entscheidung über sein Schicksal inzwischen beim höchsten geistlichen Führer des Landes: Ajatollah Ali Chamenei.

"Im Rahmen des Prozesses sind drei religiöse Gutachter unabhängig zu dem gleichen Ergebnis gekommen, das eine Verurteilung wegen Übertritt zu einem anderen Glauben 'theologische Probleme' aufwirft", sagte Drewery Dyke, Iran-Experte bei Amnesty International zu SPIEGEL ONLINE. Der Menschenrechtler steht in regelmäßigem Kontakt zum Anwalt des Angeklagten.

Höchst ungewöhnlicher Schritt

Von einem eindeutigen Urteil gegen Nadarchanis könne keine Rede sein, so Dyke. Daher müsse sich nun das religiöse Oberhaupt des Landes mit dem Fall befassen. Dieser Schritt sei höchst ungewöhlich und belege "wie extrem die Situation ist, mit der wir uns hier auseinandersetzen müssen."

Nadarchani, Vater von zwei Kindern, ist Mitglied der protestantischen Kirche Irans. 2009 war er erstmals festgenommen worden, weil er gegen ein Gesetz protestiert hatte, das Schulkinder auch nicht-muslimischen Glaubens zum Koranunterricht zwingt. Christen werden in Iran verfolgt, sie können ihren Glauben meist nur im Untergrund praktizieren.

Der Fall war danach jahrelang durch die Gerichtsinstanzen gewandert. Dabei ging es unter anderem um die Art und Weise, in der sich Nadarchanis dem christlichen Glauben zugewandt hatte. Nach seinen eigenen Angaben entschied sich dieser mit 19 Jahren für das Christentum. Vorher, so betont er jedoch, habe er keinerlei religiöse Präferenz gehabt - sich also auch von keinem Glauben abwenden können. Die Gerichte argumentierten dagegen, als Sohn muslimischer Eltern sei ihm deren Glaube quasi angeboren.

"Geisel des Regimes, Spielball im Konflikt"

Nach Angaben internationaler Beobachtergruppen liegt das letzte vollstreckte Todesurteil wegen Entsagung des Glaubens mehr als 20 Jahre zurück. Dass es nun einen weiteren solchen Fall geben könnte wertet Amnesty International als extremes Indiz "für die immer weiter sinkende Akzeptanz für alles Andersartige in Iran". Die geschätzt rund 300.000 Christen im Land können ihren Glauben meist nur im Untergrund praktizieren.

Auch andere Menschenrechtsorganisationen protestieren wütend gegen die Behandlung des Kirchenmanns. "Yucef Nadarchani ist eine Geisel des Regimes in Teheran und wird als Spielball in dem Konflikt zwischen Iran und dem Westen missbraucht", sagte IGFM-Sprecher Martin Lessenthin SPIEGEL ONLINE.

Seine Organisation fordert von der deutschen Politik ein noch entschiedeneres Einschreiten: "Er hat sein Menschenrecht der freien Glaubensausübung in Anspruch genommen und soll dafür sterben. Das kann eine Demokratie wie Deutschland nicht hinnehmen", so Lessenthin. In vielen deutschen Städten gibt es regelmäßig Protestkundgebungen, auf denen das Schicksal Nadarchanis angeprangert wird.

Protest aus Berlin und Washington

Auch zahlreiche deutsche Politiker haben gegen die Verurteilung des Pastors protestiert. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe hat Iran aufgefordert, "das Todesurteil gegen Pastor Youcef Nadarkhani sofort aufzuheben und ihn bedingungslos freizulassen".

Im September 2011, nach der endgültigen Verurteilung Nadarchanis, hatte sich das Weiße Haus zu dem Fall geäußert. "Die Vereinigten Staaten verurteilen die Strafe auf das schärfste. Pastor Nadarchani hat nichts getan, außer einen starken Glauben zu bewahren. Das ist ein universelles Recht aller Menschen."

Tatsächlich verstößt Iran mit dem Prozess gegen eine ganze Reihe von Abkommen, unter anderem den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) der Vereinten Nationen. Dieser garantiert unter anderem die freie Ausübung von Religion.

Von offizieller Seite in Teheran heißt es dagegen nur lapidar, man wolle "die islamischen Werte im Land schützen".

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