Tödliche Krawalle auf Madagaskar Regierung verhängt Ausgangssperre

Gespannte Lage auf Madagaskar: Nach zwei Tagen schwerer Unruhen, bei denen Dutzende Menschen umgekommen sind, setzten schwerbewaffnete Militärs nachts eine Ausgangsperre durch. Dafür tobt der Krieg der Worte zwischen dem Präsidenten und seinem Widersacher umso heftiger.

Antananarivo - Auf Madagaskar haben die Bewohner der Hauptstadt Antananarivo nach zweitägigen gewaltsamen Protesten, nach Zerstörungen und Plünderungen eine relativ ruhige Nacht verbracht. Die am Vortag verhängte Ausgangssperre für die gesamte Insel wurde in der Nacht zu Mittwoch nachdrücklich umgesetzt. Militärfahrzeuge mit schwerbewaffneten Soldaten kontrollierten auch die Außenbezirke der Stadt.

Auch bei Protesten am Mittwochmorgen, zu denen geschätzte 40.000 Menschen auf dem zentralen Platz der Hauptstadt zusammenkamen, blieb es ruhig. "Wir sind eine Gesellschaft im Niedergang", sagte einer der Demonstranten, der aus Angst vor Repressalien nicht genannt werden wollte. "Wir wollen dem Präsidenten laut sagen, welche Probleme es gibt."

Demo in Antananarivo: Volkszorn auf Präsident Ravalomanana

Demo in Antananarivo: Volkszorn auf Präsident Ravalomanana

Foto: DPA

Knapp 70 Menschen sind nach Angaben des nationalen Rundfunks seit Ausbruch der Krawalle umgekommen, wofür es bislang aber noch keine offizielle Bestätigung gibt. Die Unruhen waren am Montag nach einer Demonstration ausgebrochen, zu der Antananarivos Bürgermeister Andry Rajoelina aufgerufen hatte. Er wirft seiner Regierung vor, den Reichtum des Landes an ausländische Firmen zu verschleudern - und Präsident Marc Ravalomanana nennt er einen Diktator. Der Volkszorn hatte sich dann zunächst gegen Unternehmen aus dem Firmenimperium des Präsidenten gerichtet, war dann aber völlig außer Kontrolle geraten.

Jetzt beschuldigen sich die beiden Kontrahenten gegenseitig, für die Exzesse verantwortlich zu sein. Präsident Ravalomanana warf Bürgermeister Rajoelina am Mittwoch vor, er sei der "Initiator der Unruhen", der "Anführer". Der Präsident besichtigte die Gebäude des nationalen Rundfunks, die bei den Unruhen beschädigt worden waren.

Auf die Frage, warum sich die Sicherheitskräfte nicht früher gegen die Aufständischen gestellt hätten, sagte Ravalomanana: "Ich habe den Soldaten den Befehl gegeben, nicht einzuschreiten." Mit der Krise müsse verantwortungsbewusst umgegangen werden, sonst drohe ein Blutbad, fügte der Präsident hinzu.

Am Mittwoch versammelten sich erneut mehrere tausend Anhänger der Opposition im Zentrum Antananarivos. Sie trugen Orange, das Erkennungszeichen der Opposition auf der Insel vor der Südostküste Afrikas.

Appell der deutschen Botschaft

Die deutsche Botschaft hat inzwischen in einem Rundbrief an deutsche Staatsbürger in Antananarivo appelliert, die Wohnungen nach Möglichkeit nicht zu verlassen. Im Radio warnten Experten vor einer Knappheit und damit Verteuerung lebenswichtiger Güter. Das Militär informierte über räuberische Banden, die mit Schnellfeuergewehren Passanten überfielen.

In den Trümmern einer ausgebrannten Einkaufspassage in der Hauptstadt Antananarivo wurden am Dienstag nach Angaben von Rettungskräften 37 Leichen entdeckt, sechs weitere wurden in einem geplünderten Einkaufszentrum gefunden, das Präsident Ravalomanana gehört. Wie ein AFP-Fotograf berichtete, waren unter den Leichen in der Passage mindestens eine Frau und mehrere Jugendliche.

Ebenfalls am Dienstag kam bei der Niederschlagung eines Gefängnisaufstands ein Häftling ums Leben. Wie der Sicherheitschef der Gefängnisse in Madagaskar sagte, hatten die Häftlinge bei einer nahen Demonstration abgegebene Warnschüsse gehört und daraufhin versucht, die Gefängnismauer einzudrücken. Ein Aufseher sei als Geisel genommen worden. Die Beamten seien daher gezwungen gewesen, auf die meuternden Häftlinge zu schießen. Dabei kam den Angaben zufolge ein Häftling ums Leben, sechs weitere sowie drei Aufseher wurden verletzt.

Afrikanische Union versucht, die Lage zu entschärfen

Jean Ping, Spitzendiplomat der Afrikanischen Union (AU), hat die Kontrahenten inzwischen davor gewarnt, weiter Unruhe zu schüren - und dazu aufgefordert, zum Dialog zurückzukehren. Er sei über die aktuellen Spannungen sehr besorgt, hieß es in einer Mitteilung der AU.

oka/AFP/dpa

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