Tödliche Panne bei Kunduz-Gefecht Ex-Generalinspekteur wirft Koalition Versagen vor

Entwicklungsminister Niebel fordert von den Deutschen mehr Unterstützung für die Truppe in Afghanistan. Dasselbe verlangt Ex-Generalinspekteur Kujat - von der Regierung. Der Koalition wirft er Ignoranz vor und gibt ihr eine Mitschuld an den versehentlichen Todesschüssen der Bundeswehr auf Afghanen.

Deutsche Soldaten in Afghanistan (Archivbild): Kujat kritisiert Vorgehen der Regierung
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Deutsche Soldaten in Afghanistan (Archivbild): Kujat kritisiert Vorgehen der Regierung


Berlin - Im Zusammenhang mit dem tödlichen Gefecht in Afghanistan hat der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, der Bundesregierung vorgeworfen, aus dem Luftangriff von Kunduz im September nicht die nötigen Lehren gezogen zu haben. Es gebe ein "Unverständnis über die Bedingungen vor Ort und eine Ignoranz der Notwendigkeiten für die Streitkräfte", sagte Kujat der "Welt am Sonntag". Für ihn habe bereits der von der Bundeswehr angeforderte Luftangriff auf zwei Tanklaster Defizite offengelegt. "Unsere Soldaten sind dort nur in diese Lage geraten, weil sie - wie so oft - nicht mit den nötigen modernen Aufklärungssystemen ausgerüstet sind", sagte Kujat, der von 2000 bis 2002 Generalinspekteur der Bundeswehr war.

"Die Taliban kennen das Gelände, sie sind überlegen. Das muss man doch irgendwie ausgleichen", kritisierte Kujat. Die Rebellen seien nach dem Luftangriff im September zunächst "geschwächt" gewesen. "Danach haben sie eine gewisse Zeit gebraucht, um sich in Szene zu setzen. Und genau das tun sie jetzt." In wenigen Wochen werde der nächste Anschlag dieser Art folgen, sagte Kujat. Um die Handlungen des Gegners besser einschätzen zu können, brauche die Bundeswehr ein vernünftiges Streitkräfte-, Führungs- und Informationssystem. Nach Aussagen der Industrie seien wesentliche Komponenten dafür bereits fertig - "nur die Ministerialbürokratie tut nichts".

Der einstige Generalinspekteur, der von 2002 bis 2005 auch Vorsitzender des Militärausschusses der Nato war, kritisierte zudem, dass die deutschen Einsatzkräfte nicht in der notwendigen Zahl in Afghanistan stationiert seien. In der neuen Mandatsobergrenze von 4500 plus 500 Mann Reserve sieht er einen "Koalitionskompromiss, der nicht dem tatsächlichen operativen Bedarf entspricht".

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Afghanistan: Gefechte in Kunduz
Nach dem jüngsten Bundestagsbeschluss erkenne er keine wirkliche neue Strategie. Mehr Ausbildung und weniger Kampftruppen, das sei der falsche Ansatz, sagte der ehemals ranghöchste deutsche Soldat.

Niebel: "Soldaten wünschen sich mehr Verständnis"

Eine Reaktion von der Bundesregierung auf die Vorwürfe gibt es noch nicht. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) äußerte sich unabhängig davon allerdings auch zu der Sicht auf die Mission am Hindukusch: Er wirft wiederum der deutschen Bevölkerung vor, sie habe nicht genug Verständnis für die Situation der Soldaten in Afghanistan und fordert mehr Rückhalt für die Truppe.

Nach Gesprächen mit Bundeswehrsoldaten am Ostersamstag in Masar-i-Scharif sagte Niebel "Bild am Sonntag" zu den blutigen Gefechten vom Vortag: "Das Gefecht zeigt, wie gefährlich die Situation für unsere Soldaten dort ist. Sie wünschen sich mehr Verständnis dafür, dass sie sich, manchmal auch präventiv, wehren müssen. Und sie verstehen nicht, wenn sie sich dafür in der deutschen Öffentlichkeit rechtfertigen müssen oder sogar strafrechtlich verfolgt werden." Niebel besuchte in Afghanistan mit deutscher Hilfe finanzierte Wiederaufbauprojekte.

Die deutschen Soldaten nehmen an diesem Sonntag im Feldlager Kunduz Abschied von ihren getöteten Kameraden. Die drei Toten sollen in einem Airbus nach Deutschland geflogen werden, mit dem Niebel in die Region gereist war. Die vier schwerverletzten Soldaten wurden bereits am Samstag in die Heimat gebracht. Sie landeten mit einer Bundeswehrmaschine auf dem Flughafen Köln/Bonn und wurden sofort ins Bundeswehrkrankenhaus nach Koblenz gebracht. Sie hatten bei den Kämpfen mit radikalislamischen Taliban Schuss- und Splitterverletzungen erlitten.

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Ostermärsche: Friedensaktivisten fordern Abzug aus Afghanistan
Die Bundeswehr in Afghanistan ist in eine neue Spirale der tödlichen Gewalt geraten. Im Zusammenhang mit dem schweren Gefecht am Karfreitag kamen mindestens fünf afghanische Sicherheitskräfte aus Versehen durch Bundeswehrbeschuss ums Leben. Sie hatten eine Fahrzeugkontrolle verweigert. Der Gouverneur von Kunduz kritisierte das Vorgehen der Bundeswehr.

ffr/AFP/ddp/dpa

insgesamt 101 Beiträge
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reinhard_m, 04.04.2010
1. Wieso merkt Herr Kujat das erst jetzt?
Zitat von sysopEntwicklungsminister Niebel fordert von den Deutschen mehr Unterstützung für die Truppe in Afghanistan. Dasselbe verlangt Ex-Generalinspekteur Kujat - von der Regierung. Der Koalition wirft er Ignoranz vor und gibt ihr eine Mitschuld an den versehentlichen Todessschüssen der Bundeswehr auf Afghanen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687207,00.html
Ist es nicht dieser Herr Kujat, der dafür bezahlt und in seinen Posten eingesetzt wurde genau so ein Versagen zu verhindern? Aber er hat schön mitgemacht, geschwiegen und rein gar nichts unternommen um den Problemen abzuhelfen. Jetzt wo er geschaßt wurde, kommt er aus der Deckung und kritisiert.
Bayerr, 04.04.2010
2. Eine Mitschuld
der Regierung besteht insofern, als Herr Niebel und Konsorten das Geld, welches die Streitkräfte dringend brauchen, lieber für die Mehrwertsteuerermäßigung für Möwenpick ausgibt. Überspitzt gesagt: Westerwelle und Co. sind Mitschuld am Tode der Soldaten (sowohl der deutschen als auch der afghanischen).
Sabi 04.04.2010
3. schizophren ...
Da werden junge unerfahrene Soldaten in einen Krieg geschickt mit blutgierigen menschenverachtenden barbarischen Taliban, gleichzeitig wird jeder Tote auf Talibanseite beklagt und die Soldaten mit Staatsanwalt bedroht - Taliban, die bei einem Angriff auf Tanker durch Flugzeuge bombardiert und getötet wurden, werden nachträglich von bankrotten Winkeladvokaten aus Bremen zu Zivilisten erklärt und ihre Zahl steigt stündlich von 40 bis am Ende über 140 - dieser Advokat geht nach Afghanistan, sammelt Fingerabdrücke, Unterschriften und Kläger, die vorgeblich mit den Toten verwadnt waren und präsentiert die Rechnung für Entschädigungen - und auch später seine für seine Bemühung - 25 Mio. - ist alles ein Tollhaus, wenn nicht schizrophen !
MoonofA 04.04.2010
4. ...
Herr Niebel hat recht. Unterstützen wir die Truppen mit der Forderung nach sofortigem Abzug. Herr Kujat hat recht. Die Regierung(en) haben versagt als sie den unsinnigen amerikanischen Forderungen nach deutschen Soldaten in Afghanistan nachgekommen sind. "Terroristen" bekämpft man nicht mit Soldaten sondern mit der Polizei. Die "Taliban" sind zum Grossteil nichts anderes als die lokalen Bauern die eine fremde Besatzung ihres Landes ablehnen (siehe heutiger NYT Bericht über Marjah). Der Abzug allen fremden Militärs aus Afghanistan ist die Voraussetzung dafür das das Land zur Ruhe kommen kann.
tlogor 04.04.2010
5. Keine Ehrlichkeit und Konsequenz der deutschen Politik
Mann kann nicht ja sagen zu einem Kampfeinsatz deutscher Soldaten und gleichzeitig nicht ehrlich die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, die für einen solchen Kampfeinsatz notwendig sind. Hier muss man der Politik Vorwürfe machen, dass sie nicht in der Öffentlichkeit entsprechend für die Soldaten Position bezieht. Herr Guttenberg und Frau Merkel erfüllen ihre Aufgaben als verantwortliche Politiker in einem Kriegseinsatz in keiner Weise und die Soldaten müssen mit ihrem Leben bezahlen. Hintergrund ist, dass die Erkenntnisse Meinungsforschungsinstitute eine ehrliche Nennung der Tatsachen als politisch nicht ratsam erscheinen lassen. Die deutsche Bevölkerungsmehrheit hat aufgrund der historischen Erfahrungen eine verklärte Sicht auf die Wirklichkeit.
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