Tödliche Schüsse in Haditha Massaker im Irak – erste Mordanklage gegen US-Soldaten

Das Massaker von Haditha schockierte die Welt - jetzt sind die ersten US-Soldaten angeklagt: vier Marineinfanteristen müssen sich wegen Mordes an unbewaffneten Männern, Frauen und Kindern verantworten. Höchststrafe: lebenslange Haft. Im Irak wird dagegen schon die Todesstrafe gefordert.


Washington - Die umfassendste Anklage richtet sich gegen Stabsunteroffizier Frank Wuterich. Er muss sich nach Angaben seines Anwalts in 13 Punkten vor der Militärjustiz verantworten: Zum einen geht es um den Tod von zwölf irakischen Zivilisten bei dem Militäreinsatz in Haditha am 19. November 2005, zum anderen um einen zusätzlichen Fall wegen einer Anweisung, bei der Stürmung eines Hauses "erst zu schießen und dann Fragen zu stellen". Bei diesem Einsatz wurden sechs Menschen getötet.

Einsatzführer Frank Wuterich mit seiner Frau Marisol Aura (1999): Mordanklage mit 13 Punkten
REUTERS

Einsatzführer Frank Wuterich mit seiner Frau Marisol Aura (1999): Mordanklage mit 13 Punkten

Der Verteidiger des 26-jährigen Marineinfanteristen Wuterich sagte, seinem Mandanten werde kein Mordvorsatz vorgeworfen. Als Höchststrafe komme daher lebenslange Haft in Frage, "um Todesstrafe geht es nicht".

Neben Wuterich müssen sich die die Soldaten Sanick Dela Cruz, Justin Sharratt und Stephen Tatum wegen Mordes im Fall Haditha vor Gericht verantworten. Weiteren vier Angeklagten wird Nachlässigkeit bei Berichten und Ermittlungen vorgeworfen, wie die Marineinfanterie im kalifornischen Camp Pendleton mitteilte.

"Eine Hinrichtung wäre die Minimalstrafe"

In Haditha selbst stößt die Anklage auf Protest. Das geplante Verfahren sei ein "Schwindel", sagte ein 36-jähirger Iraker aus der Stadt zur Nachrichtenagentur AP. "Die US-Soldaten sollten vor ein irakisches Gericht gestellt werden." Sie hätten ein "furchtbares Verbrechen an Unschuldigen" begangen. Auch andere Bewohner der Stadt äußerten die Überzeugung, dass die US-Soldaten schuldig seien und deshalb die Todesstrafe verdienen. "Sind sie Terroristen oder kämpfen sie gegen den Terrorismus?", fragte ein 40-jähriger Lehrer in der Stadt. Der Prozess sei nicht fair, weil er in den USA stattfinde: "Eine Hinrichtung der Soldaten wäre die Minimalstrafe."

Dutzende US-Soldaten wurden schon wegen Misshandlungen von Irakern angeklagt und verurteilt. So erwarten derzeit acht Marineinfanteristen ihre Verurteilung wegen Entführung und Mordes an einem Iraker. Vier Soldaten müssen sich derzeit wegen Vergewaltigung eines 14-jährigen Mädchens und der Ermordung ihrer Familie verantworten, einer wurde schon zu 90 Jahren Haft verurteilt. Der Haditha-Prozess dürfte sich jedoch zum größten Verfahren wegen Vergehen gegen irakische Zivilisten entwickeln - das Massaker hatte nach seiner Enthüllung weltweit Entsetzen ausgelöst.

Am 19. November 2005 waren in Haditha 24 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder bei der US-Militäraktion getötet worden. Augenzeugen zufolge sollen die Soldaten die Zivilisten aus Rache für einen getöteten US-Soldaten erschossen haben. Die Verteidigung bestreitet diese Version und spricht von einem chaotischen Gefecht nach einer Bombenexplosion. Die Soldaten hätten sich so verhalten, wie sie es gelernt hätten: Auf eine als Bedrohung empfundene Situation entsprechend zu reagieren.

Zunächst hatten die Soldaten und das Militär versucht, den Vorfall zu vertuschen. Doch dann fanden Journalisten von "Time" nach Befragung von Anwohnern und Überlebenden heraus, dass die Ereignisse in Haditha komplett anders abliefen als vom Pentagon dargestellt. Nach diesen Enthüllungen begannen zwei Militärgremien zu ermitteln. Auch das Pentagon sprach schließlich von einem "Massaker".

hen/Reuters/AP

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