Tödlicher Eklat um Koranverbrennung Clash der Verblendeten

Mindestens 20 Menschen haben bereits ihr Leben verloren: Die Koranverbrennung in den USA provoziert immer neue Gewalt in Afghanistan. Der Fall zeigt, welche verheerenden Schäden einige wenige im Namen der Religion anrichten können.
Verbrennung einer Terry-Jones-Puppe in Afghanistan: Wütende Reaktionen auf eine Provokation

Verbrennung einer Terry-Jones-Puppe in Afghanistan: Wütende Reaktionen auf eine Provokation

Foto: Rahmat Gul/ AP

Der russische Leiter der Uno-Mission im nordafghanischen Masar-i-Scharif war mit drei Mitarbeitern in einen Schutzraum geflohen, als ein Mob die Vertretung stürmte. Den Angreifern gelang es, ihnen zu folgen und in den Raum einzudringen.

"Bist du Muslim?", schrie ihn einer der Aufständischen an.

Der Russe, der sich mit dem Koran auskannte, log - und bejahte.

"Wie lautet das islamische Glaubensbekenntnis?"

Der Russe zögerte nicht lange: "Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet."

So soll es sich nach Schilderung eines Uno-Mitarbeiters zugetragen haben. Mit dieser Notlüge rettete der Russe sein Leben. Die Angreifer verprügelten ihn nur. Seine drei Mitarbeiter, eine Norwegerin, einen Schweden und einen Rumänen, töteten sie. Eine Deutsche, berichtet das "Wall Street Journal", entkam dem Massaker an Uno-Mitarbeitern am Freitag nur knapp.

Dieser Angriff und weitere Gewaltakte sind Reaktionen auf eine Koranverbrennung am 20. März in Gainesville, im US-Bundesstaat Florida. Der radikale amerikanische Prediger Terry Jones hatte bereits im Herbst, zum Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September, den Islam als "gewalttätige Religion" gegeißelt und zu einer Koranverbrennung aufgerufen. Erst nach Protesten aus aller Welt und auf Druck der US-Regierung ließ er seinen Plan fallen.

"Unverzügliche Maßnahmen" gegen muslimische Länder

Ein halbes Jahr später kam es doch noch zur Provokation: Gemeinsam mit dem Prediger Wayne Sapp inszenierte er ein Tribunal, spielte den Richter, erklärte den Koran für "schuldig" und verurteilte ihn "zum Tode". Sapp gab den Henker, übergoss das Buch anschließend mit Kerosin und zündete es an. Etwa 30 Gläubige sollen zugeschaut haben, wie die heilige Schrift der Muslime verbrannte und zu Asche zerfiel.

Jetzt beschwert sich Jones, er und seine Gemeindemitglieder würden bedroht. Die Ausschreitungen in Afghanistan bewiesen, dass der Islam eine gewalttätige Religion sei und deshalb bekämpft werden müsse. Für die tödliche Gewalt gegen Uno-Mitarbeiter forderte er Vergeltung. Er forderte die US-Regierung und die Uno auf, mit "unverzüglichen Maßnahmen" gegen muslimische Länder zu reagieren.

Die Gewalt dürfte zunehmen. Mindestens 20 Menschen sind bislang in Afghanistan ums Leben gekommen, elf bei jenem Angriff auf die Uno in Masar-i-Scharif, neun weitere bei Ausschreitungen im südafghanischen Kandahar. Afghanistans Präsident Hamid Karzai stachelte die Wut der Menschen in einer Rede am Sonntag weiter an. Er forderte eine Entschuldigung des US-Kongresses und wiederholte seine Forderung, dass die Prediger in den USA festgenommen werden müssten. In Pakistan forderte der Oppositionschef im Landesparlament der Provinz Punjab, man müsse einen Schützen nach Florida schicken, damit der die Sache erledige. Nach dem Motto: Auf Gewalt folgt Gewalt folgt Gewalt.

In beiden Ländern, Afghanistan und Pakistan, dauern die Proteste an.

Jones erklärt jetzt, er fühle sich nicht verantwortlich für die Toten. "Wir haben nicht zu Gewalt und Morden aufgerufen. Wir haben nur ein Buch verbrannt", erklärt er. Seine Gemeinde sei "betrübt" über den Tod der Uno-Mitarbeiter, aber das ändere nichts an dem, was seine Gemeinde tue.

Pauschalurteile und Reaktionen ohne Verstand

Es ist ein Konflikt, der auf menschenunwürdigem Niveau ausgetragen wird. Beide Seiten trifft Schuld: diejenigen, die provozieren, und jene, die sich provozieren lassen. US-Präsident Obama hat es treffend zusammengefasst: Die Schändung eines heiligen Textes, "den Koran eingeschlossen", sei "ein Akt extremer Intoleranz und Bigotterie". Ebenso schändlich sei es aber, als Reaktion darauf unschuldige Menschen zu töten.

Dabei ist es kein "Clash of Civilizations", kein "Kampf der Kulturen", wie ihn der vor drei Jahren verstorbene amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington nach dem Ende des Kalten Krieges prophezeit hat, sondern ein Clash der Verblendeten: auf der einen Seite den Islam pauschal verurteilende christliche Prediger, die zündeln - wissend, was ihr Handeln auslösen kann; auf der anderen islamische Extremisten, die reflexhaft reagieren und aus Rache wahllos Menschen umbringen. Beide Seiten sehen sich im Recht. Dabei haben sie Regeln, ja zivilisatorische Errungenschaften missachtet: Man tötet keine Menschen. Und man beleidigt sie auch nicht.

Man könnte freilich die Frage stellen, was schlimmer ist: das Töten von Menschen oder das Verbrennen eines Buchs, auch wenn es ein heiliges ist. Die Antwort darauf dürfte einem zivilisierten Menschen, ob Christ oder Muslim, klar sein. Nur ist diese Frage müßig, sie ergründet nicht die Ursache des Übels, nämlich dass die Täter, radikale Christen wie Muslime, beanspruchen, ihre Religion besitze die absolute Wahrheit.

Religiöse Konstruktionsfehler

In Zeiten, da Menschen desselben Glaubens in großer Distanz zu Menschen anderen Glaubens lebten, funktionierte das noch. Damals hatte die Überzeugung, man sei im Besitz der einzig gültigen Wahrheit, Gemeinschaft erzeugende Wirkung. Aber schon in Zeiten, als man mit dem Kreuz auf der Brust in ferne Gebiete ritt, wurde das zum Problem. In der heutigen Zeit, in der man innerhalb eines Tages vom einen Ende der Welt zum anderen reist und in der Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenleben, offenbart sich dieses Beharren auf absoluter Wahrheit als Fehler.

Wer sich letztlich nicht von dieser Wahrheit überzeugen lasse, "kommt Gott oder Allah in die Quere", sagt der indische Journalist und Politiker Arun Shourie. Von Geburt ein Hindu und ein praktizierender Buddhist, ist Shourie ein Kritiker dieses Wahrheitsanspruchs. Wer eine solche Religion in ihrer Reinheit befolge, sei unfähig, in einer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft zu leben.

Denn wer so glaubt, unterscheidet zwischen "wir" und "die" und empfindet schlimmstenfalls kein Mitgefühl, keine Empathie für Andersgläubige. Er tötet Menschen und behauptet: Das sind Ungläubige! Er verbrennt Bücher (oder zeichnet Karikaturen) und sagt: Meinungsfreiheit! "Die Menschen müssen Mitgefühl entwickeln", schreibt Karen Armstrong, in der islamischen Welt einflussreiche britische Autorin und frühere Nonne. Armstrong bietet dazu in Pakistan eigens Kurse an.

Der russische Uno-Mann erkannte, dass er Mitgefühl wohl kaum erwarten konnte. Er überzeugte die aufgebrachten Angreifer, dass er an ihre Wahrheit glaube.

Nur deshalb blieb er am Leben.