Tödliches Kunduz-Gefecht Fallschirmjäger klagten vor Einsatz über Ausbildungsmängel

Drei deutsche Fallschirmjäger starben während der Karfreitagskämpfe bei Kunduz - nun berichtet der scheidende Wehrbeauftragte Reinhold Robbe, dass sich Soldaten des betroffenen Bataillons 373 schon früh über ihre mangelhafte Ausbildung beklagt hätten: Unter anderem fehlten Fahrzeuge für das Einsatztraining.

Bundeswehrfahrzeug vom Typ Dingo: Soldaten offenbar nicht ausreichend geschult
dpa

Bundeswehrfahrzeug vom Typ Dingo: Soldaten offenbar nicht ausreichend geschult

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Berlin - Die drei Soldaten, die am vergangenen Freitag bei Kunduz fielen, waren noch nicht lange in Afghanistan. Erst Ende Februar wurden die Fallschirmjäger des Bataillons 373 aus Seedorf an den Hindukusch verlegt. Und fast seit dem ersten Tag im Krisengebiet bei Kunduz gerieten sie bei jeder Fahrt aus dem Camp unter Feuer der Taliban, verloren mehrere Fahrzeuge durch Panzerabwehrraketen und lieferten sich teilweise stundenlange Kämpfe mit einem nahezu unsichtbaren Feind. Der schoss getarnt aus Wohnhäusern oder startete Hinterhalte völlig überraschend aus tiefen Gräben, die die Region durchziehen.

Doch waren die Soldaten auf die prekäre Sicherheitslage wirklich vorbereitet? Seit dem blutigen Karfreitag gibt es eine Debatte darüber, ob die Bundeswehr für den Kampf in Afghanistan gut genug gewappnet ist. Während des Osterwochenendes meldeten sich pensionierte Militärs mit harscher Kritik zu Wort, forderten schwere Geschütze für die Bundeswehr und massive Luftschläge gegen die Taliban. Am Dienstag legte der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold in der "Leipziger Volkszeitung" nach. "Was uns allerdings fehlt, sind Kampfhubschrauber", kritisierte der SPD-Obmann im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Luftschlag von Kunduz.

Bis zum kommenden Freitag - dann soll es für die drei Soldaten eine große Trauerfeier geben - droht dem Bundesverteidigungsministerium damit eine Diskussion über die Frage, ob die Truppe angemessen ausgebildet und ausgerüstet ist.

Ein kritischer Beobachter der Bundeswehr moniert jetzt konkret die Vorbereitung der betroffenen Einheit. Der SPD-Politiker Reinhold Robbe - noch bis Mai Wehrbeauftragter des Bundestags - hatte die Fallschirmjäger vor dem Abflug nach Afghanistan besucht und auch mit vielen Soldaten gesprochen. "Die Soldaten haben mich darauf hingewiesen, dass es Defizite bei der Ausbildung gibt", erinnert sich Robbe nun in der "Bild"-Zeitung. Konkret hätten sie geklagt, dass sie nicht ausreichend an den Fahrzeugen Dingo und Fennek geschult worden seien.

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Afghanistan: Gefechte in Kunduz

Robbes Erinnerungen an die Gespräche flossen auch in seinen Jahresbericht ein, den er kürzlich vorstellte. In dem langen Dossier wird die Einheit allerdings nicht konkret erwähnt. Nun aber redet Robbe Klartext. "Da werden beispielsweise Kraftfahrer in den Einsatz geschickt, die erst im Einsatzland richtig an den Fahrzeugen ausgebildet werden", sagt der Politiker. Er fordert schnelle Abhilfe. "Die Soldaten müssen eigentlich mit ihren Fahrzeugen drillmäßig das Verhalten im Gefecht üben, insbesondere das Auf- und Absitzen", so der Wehrbeauftragte.

Robbes Aussagen könnten die Diskussion anheizen, denn mindestens einer der drei Soldaten wurde am Freitag beim Absitzen von einem Dingo tödlich verletzt. Zuerst hatten die Taliban von mehreren Seiten eine Patrouille der Bundeswehr angegriffen, die in der Ortschaft Isa Khel nach Minen suchte. Zwei Soldaten wurden durch Kugeln tödlich getroffen. Wenig später starb ein weiterer Soldat, als er bei der Suche nach versteckten Sprengsätzen aus einem Dingo ausstieg und versehentlich die Straßenbombe auslöste, so die bisherigen Ermittlungen.

"Einige Schwachpunkte"

Wirklich neu sind Robbes Erkenntnisse wohl nicht. Er habe in Seedorf motivierte Soldaten getroffen, die "sehr genau wissen, was an Anforderungen auf sie zukommt", sagte er nach seiner Visite zur Verabschiedung der Soldaten am 19. Februar. Gleichwohl sei er auf "einige Schwachpunkte hingewiesen" worden. Konkret wollte er damals nicht werden, versprach allerdings, die Probleme bei der Bundeswehr zu thematisieren, damit man "möglichst schnell etwas machen kann, damit die Soldaten das bekommen, was sie wirklich benötigen". Ob dies mittlerweile passierte, ist noch unklar.

Auch der Chef des Fallschirmjägerbataillons machte auf das Problem aufmerksam, dass viele Soldaten nicht ausreichend an den Fahrzeugen trainiert werden können. Diese seien "nur in begrenzter Stückzahl vorhanden" und befänden sich "größtenteils im Einsatz", sagte Oberstleutnant Joachim Hoppe der Lokalzeitung "Zevener Zeitung" Anfang März. Man könne der Truppe nur wenige Fahrzeuge vor einem Einsatz zum Üben geben, obwohl diese kurze Zeit später in Afghanistan damit umgehen "und eben auch kämpfen" müsse, so der Kommandeur.

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Zecher, 06.04.2010
1. Das gute Geld
Unsere Politk möchte auf militär. Augenhöhe mit den Bündnispartnern sein aber kosten darf das nichts extra. Und ganz nebenbei ist der Afghanistankireg, auch wenn man ihn Einsatz, Klassenfahrt oder Stabilisierung nennt, immernoch grundgesetzwidrig. Nein, Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt.
carlosowas, 06.04.2010
2. Eskalation
Die Bundeswehr fordert im Endeffekt eine Erhöhung des Verteidigungsetats. Da freuen sich die Rüstungskonzerne. Sie entschuldigt sich für ihre Erfolglosigkeit damit, dass sie nicht genügend Rückenunterstützung von der Politik erhält. Nächste Forderung, die kommen wird, ist eine Verdoppelung der deutschen Soldatenzahl in Afghanistan. Die Bundeswehr sieht sich als Verteidiger des Vaterlandes. Das Volk wird das bald auch so sehen. Das war in der Geschichte schon öfter so.
Simpso, 06.04.2010
3. ..
Das ein Gegner sich tarnt und nicht gerade öffentlich präsentiert ist doch keine erwähnenswerte Besonderheit. Das Problem der BW ist, dass sie gehalten ist zivile Opfer zu vermeiden. Das schränkt die Handlungsfähigkeit erheblich ein. Die Taliban hingegen nehmen keine Rücksicht, ihnen kommen zivile Opfer sogar noch zugute. Das ist für die BW ein gewaltiger Nachteil der auch durch Ausbildung und besseres Gerät nicht ausgeglichen werden kann.
MarkusB, 06.04.2010
4. .
Ich finde es äusserst beschämend das unser Land seine Soldaten in den Krieg schickt und dann bei der Ausrüstung knausert. Man denke nur an den Artikel im Spiegel, bei Kriegsbeginn, in dem wir erfuhren das deutsche Soldaten sich Fernrohre bei Tschibo kauften. Von ihrem eigenen Geld. Wir sollten den Männern und Frauen dort doch zumindest das Material welches sie benötigen in vollem Umfang zur Verfügung stellen. Schlimm genug das sie kaum Rückhalt in der Bevölkerung haben.
Koda 06.04.2010
5. Wird die Bundeswehr nicht seit Jahren kaputtgespart?
Jedenfalls meine ich dies in den letzten Jahren immer wieder in den Medien gelesen bzw. gehört zu haben. Man zieht aber nicht mit "Sperrholz"-Ausrüstung und einem Crash-Kurs in den Krieg, es sei denn, man will die eigenen Soldaten los werden. Oder die Tendenz geht deswegen immer wieder dahin, die Bundeswehr in eine Berufsarmee umzufunktionieren, damit man sie leichter überall verheizen kann? Jedenfalls ist es traurig, unsere Soldaten in einen "kriegsähnlichen Konflikt" zu schicken, ohne sie vorher richtig ausgebildet und ausgerüstet zu haben.
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