Tom Koenigs "Wir müssen über einen Abzugsplan verhandeln"

Viel versprochen, wenig gehalten: Der frühere Uno-Sonderbeauftragte Tom Koenigs wirft der deutschen Politik schwere Versäumnisse in Afghanistan vor. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum der Westen an der gefälschten Wahl mitschuldig ist - und wieso er die US-Strategie schätzt.


SPIEGEL ONLINE: In Afghanistan kommt es nach den großflächigen Wahlfälschungen zu einer Stichwahl. Rettet das die Glaubwürdigkeit von Amtsinhaber Hamid Karzai?

Koenigs: Die Glaubwürdigkeit ist natürlich beschädigt - auch wenn man die Fälschungen Karzai selbst wohl nicht zurechnen kann. Dass jetzt neu gewählt werden soll, ist richtig. Nur wenn man bei der Stichwahl die schlimmsten Fehler vom letzten Mal vermeidet, kommt man zu einem demokratisch akzeptableren Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE: Kann Karzai noch ein glaubwürdiger Partner des Westens sein?

Koenigs: Die Glaubwürdigkeit ist bei beiden Kandidaten - Karzai und Abdullah - begrenzt. Nur kann sich der Westen keinen Präsidenten schnitzen. Ich bin absolut sicher, dass der nächste Präsident ohnehin eine stärkere Distanz vom Westen und von der internationalen Gemeinschaft anstrebt und seine eigenen Entscheidungen trifft. Das muss man eher begrüßen als beklagen.

SPIEGEL ONLINE: Ziel des westlichen Engagements in Afghanistan war der Aufbau einer Demokratie. Das Ergebnis ist eine Wahl mit massiven Fälschungen.

Koenigs: Es ist bedauerlich, dass es nicht möglich war, eine unanfechtbare Wahl zu veranstalten. Man sieht aber eben, dass die innerafghanischen demokratischen Prozesse noch sehr wenig entwickelt sind. Insofern ist es nötig, den Aufbau der Institutionen zu stärken. Das hat die internationale Gemeinschaft nicht vom ersten Tag an gemacht. Vor allem die USA haben das im Süden des Landes sträflich vernachlässigt.

SPIEGEL ONLINE: Die Situation im Land ist so verfahren wie noch nie seit dem Sturz der Taliban 2001. Warum sollte die internationale Gemeinschaft nicht einfach abziehen?

Koenigs: Weil sie dorthin gekommen ist, um die Zivilbevölkerung zu schützen - und weil die legalen Organe der afghanischen Bevölkerung die internationale Gemeinschaft um einen Einsatz gebeten haben. Ich bin froh, dass jetzt alle Beteiligten dem Schutz der Zivilbevölkerung oberste Priorität gewähren, auch das US-Militär.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen den jüngsten Strategiewechsel von Nato-General Stanley McCrystal an, der auf die Schonung von Zivilisten in Kampfeinsätzen setzt...

Koenigs: ...ja. Dies war richtig und wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Als Teil des Strategiewechsels denken die USA jedoch auch über eine Truppenaufstockung nach. Was halten Sie davon?

Koenigs: Diese Idee lehnt sich an die Situation im Irak an. Und McCrystal kommt ja aus dieser Schule. Aber der richtigste Satz, den er bisher gesagt hat und der die neue Strategie bestimmt, ist: Der Schutz der Zivilbevölkerung ist die Frage, an der die Auseinandersetzung in Afghanistan entschieden wird. Wobei es um die gesamte Region geht. Probleme gibt es nicht nur in Südafghanistan, sondern auch in Nordpakistan und Iran. Ich hoffe, da setzt sich etwas in Gang. Es scheint derzeit, als besinne sich die pakistanische Regierung endlich darauf, dass die fundamentalistischen Gruppen im Land nicht eine strategische Option sind, sondern eine strategische Gefährdung.

SPIEGEL ONLINE: War McCrystals Kritik an dem Luftangriff bei Kunduz richtig, bei dem viele Zivilisten starben?

Koenigs: Es war sehr bedauerlich, dass gerade die deutsche Truppe diesen katastrophalen Fehler gemacht hat. McCrystals Kritik war vollkommen richtig. Ich meine, wir hätten besser daran getan, sie nicht zurückzuweisen, sondern zu akzeptieren. Fehler passieren, und auch damit muss man umgehen - am besten, indem man Konsequenzen daraus zieht.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Koenigs: Eine Konsequenz muss sein, dass wir uns endlich der Verantwortung stellen, die wir für den Polizeiaufbau übernommen haben. Wir müssen die Stärkung der afghanischen Polizei beschleunigen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es um ein stärkeres Engagement der Deutschen geht, ist immer nur vom besseren Polizeiaufbau die Rede. Reicht das?

Koenigs: Nein, aber es ist das Element, bei dem wir am meisten versprochen und am wenigsten getan haben. Deshalb wird es immer genannt - hier sind die Defizite am eindeutigsten. Afghanistan bleibt das fünftärmste Land der Welt, und es braucht dauerhaft Unterstützung im zivilen Bereich.

SPIEGEL ONLINE: Mehr deutsche Truppen würden aus Ihrer Sicht nicht helfen?

Koenigs: Nein. Selbst Präsident Karzai hat immer gesagt, dass ihm eine massive Aufstockung der Polizei lieber sei als eine Aufstockung deutscher Truppen. Und falls die USA uns irgendwann bitten sollten, mehr Truppen zu schicken, sollten wir antworten: Ja, wir schicken eine hinreichende Anzahl von Polizeiausbildern. Das würde unserem Engagement sehr viel mehr entsprechen, als jetzt zu diskutieren, ob wir noch einen Obergefreiten mehr schicken.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich der Einsatz in Afghanistan noch erfolgreich abschließen?

Koenigs: Erfolg ist, wenn die Afghanen ihre Sicherheitsprobleme und die Probleme ihres Staatsaufbaus selbst in die Hand nehmen können.

SPIEGEL ONLINE: Das sagt der Westen seit acht Jahren.

Koenigs: Ja, aber ohne daraus Konsequenzen im strategischen Denken zu ziehen. Wir müssen uns fragen, was wir den Afghanen bieten können und was nicht. Meine Erfahrung aus dem zivilen Bereich ist: Wir Deutschen können und sollten mehr tun im gesamten Bildungs- und Ausbildungswesen - im Bereich der Universitäten, der Schulen, der Qualifizierung. Wir müssen uns fragen, ob wir diese Schwerpunkte in den vergangenen acht Jahren nicht leichtfertig verschenkt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange werden deutsche Soldaten noch in Afghanistan stationiert sein?

Koenigs: Das weiß ich nicht. Aber ich bin der Meinung, dass man mit der neuen afghanischen Regierung einen sehr konkreten Aufbau- und Abzugsplan verhandeln muss. Danach wird es sich richten, wie lange deutsche Soldaten noch bleiben müssen. Die zivile Hilfe muss noch lange andauern. Aber das militärische Engagement muss bald enden. Es kann nicht lange über diese afghanische Wahlperiode hinausgehen.

Das Interview führte Veit Medick

insgesamt 780 Beiträge
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Seite 1
nahal, 20.10.2009
1.
Zitat von sysopDie USA haben sich durchgesetzt: Zwei Monate nach der umstrittenen Präsidentenwahl in Afghanistan wird es eine Stichwahl geben. Wie demokratisch ist Afghanistan heute?
Wie soll man das vergleichen? Afghanistan ist etwas demokratischer als Russland und China, fast so demokratisch wie Iran und etwas undemokratischer als Deutschland. Oder?
Toru_Okada 20.10.2009
2.
Zitat von sysopDie USA haben sich durchgesetzt: Zwei Monate nach der umstrittenen Präsidentenwahl in Afghanistan wird es eine Stichwahl geben. Wie demokratisch ist Afghanistan heute?
In den Köpfen der Afghanen wird die Demokratie vielleicht in 2 bis 3 Generationen ankommen (aber wie es aktuelle scheint eher nicht, denn diese "Demokratie" ist auf dem besten Wege eine Totgeburt zu werden) …
SaT 20.10.2009
3. Iran
sagen wir mal so etwa wie der Iran. Der Machthaber verhindert mit allerlei Tricks seine Abwahl. Allerdings ist weder der politische noch der mediale Aufschrei im Westen hierzu mit jenem vor ein paar Monaten im Falle der Wahlfälschungen im Iran vergleichbar.
ewspapst 20.10.2009
4. Demokratie, ein tolles Wort für Afghanistan
Ziitat syop Gibt Hamid Karzai dem Druck der Amerikaner nach? Angesichts massiver Fälschungen bei den Wahlen im Sommer soll der afghanischen Präsidenten noch einmal gegen seinen Rivalen Abdullah antreten. Wie demokratisch ist Afghanistan heute? Hallo Sysop, Ihre Frage lautet: Wie demokratisch ist Afghanistan heute? In den letzten hundert Jahren ist Afghanistan zu keiner Zeit demokratisch gewesen. Die vielen Besatzer, England, Pakistan, Russland, UDSSR und USA um nur einige zu nennen haben sich dort doch nicht wegen der Menschenrechte und der Demokratie aufgehalten. Die haben ihre eigenen Interessen verfolgt. Und die Afghanen selber? Sind Sie wirklich der Meinung, in einer Stammesgesellschaft gäbe es Demokratie? Auch dort zählt der Machterhalt einer Personengruppe zu den stärksten Antrieben. Aber vielleicht haben wir neben PSL noch andere Experten, die uns darüber neue Erkenntnisse vermitteln.
Rainer Daeschler, 20.10.2009
5. Wie demokratisch ist Afghanistan?
Gegenfrage: Wie atheistisch ist der Vatikan?
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