Tony Blairs Memoiren Hiebe für Gordon, Lob für George

Britisches Understatement? Fehlanzeige. In seinen Memoiren zieht Tony Blair kräftig vom Leder. Er kanzelt seinen Nachfolger Gordon Brown als Versager ab, gefällt sich selbst im Eigenlob - und zeigt sich regelrecht entzückt von George W. Bush.

AFP

London - Vor der Londoner Buchhandlung ist am Mittwochmorgen nicht viel los. Ein einziger Kunde wartet vor der geschlossenen Tür. Das Buch, das er kaufen will, ist nicht Tony Blairs Autobiografie. "Wenn Blair nicht in den Irak einmarschiert wäre, gäbe es hier wahrscheinlich eine Schlange", mutmaßt der junge Mann. Doch so sei das Interesse gering. "Ich glaube kein Wort von dem, was aus seinem Mund kommt."

Das Image des früheren britischen Premiers bei seinen Landsleuten könnte kaum schlechter sein. Auf die 13-jährige Regierungszeit der Labour-Partei wird mit einigem Zynismus zurückgeblickt, Blairs Verwandlung zu einem weltreisenden Multimillionär trägt zur weiteren Entfremdung bei.

So verwundert es nicht, dass das 718 Seiten starke Werk, mit dem Blair an diesem Mittwoch auf die nationale Bühne zurückkehrte, in weiten Teilen wie eine Rechtfertigungsschrift daherkommt. Ausführlich verteidigt der frühere Regierungschef seine umstrittenste Entscheidung, nämlich, das Königreich an der Seite der USA in den Irakkrieg geführt zu haben. Er steht auch ohne Abstriche zu seinem Männerfreund George W. Bush, der ihn zu diesem Abenteuer erst verleitet hat - was Blair weltweit den Spitznamen "Pudel" eingetragen hat.

Mit einer gewissen Bewunderung beschreibt der Ex-Premier die Entscheidungsstärke des Texaners. "Es gibt Anführer, die zerbrechen sich zu viel den Kopf", schreibt er. Bush habe nicht dazu gehört. Er habe die Welt in "immenser Einfachheit" gesehen, daraus habe sich eine entschiedene Führung ergeben. Diese Anpack-Qualität weiß Blair zu schätzen, da er sich selbst als Macher begreift.

Mit Bush schaute er nach dem Abendessen Kinofilme

Schon beim ersten Treffen in Camp David im Februar 2001 ist Blair demnach aufgefallen, dass zwischen Bush und dem verehrten Bill Clinton "Welten" lägen. Es sei "seltsam" gewesen, nun mit dem Republikaner an dem Ort zu sitzen, wo er einst mit dem intellektuellen Demokraten über die Zukunft der neuen Linken diskutiert habe. Statt leidenschaftlichem Polittalk bis spät in die Nacht wollte Bush nach dem Abendessen die Filmkomödie "Meet the Parents" gucken. Doch merkte Blair nach eigenen Angaben sofort, dass Bush "sehr smart" sei. Niemand, belehrt er die zahlreichen Kritiker des früheren US-Präsidenten, stolpere einfach so in diesen Job. "Er war hart und klar und wusste genau, was er wollte."

Blair vermeidet jegliche Abrechnung mit der US-Regierung. Selbst der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kommt ungeschoren davon. Das ist kein Zufall. Die Nähe zu den USA begreift Blair als Großbritanniens wichtigstes strategisches Interesse. Es sei der "größte Unsinn" zu behaupten, der Schulterschluss schade den Briten. Das Gegenteil sei der Fall. Auch seine Kritiker hätten immer "die Tatsache bewundert, dass ich zählte, dass ich ein großer Player war, ein Weltenlenker und nicht bloß ein nationaler Anführer". Den Briten sei es nun mal lieber, wenn ihre Premierminister "international groß auftreten".

"Gordon Brown hat null emotionale Intelligenz"

Daher sei es "ein bisschen schockierend", wie sehr das transatlantische Verhältnis zwischen Europa und den USA zuletzt gelitten habe, mahnt er. Nur gemeinsam könne "der Westen" dem aufstrebenden China Paroli bieten.

So gnädig Blair mit den USA umgeht, so scharf attackiert er die eigenen Parteifreunde, allen voran seinen Erzrivalen Gordon Brown. Über seine frühe Zeit mit dem Schotten schreibt Blair noch, sie seien "ein bisschen wie Lover" gewesen, am liebsten ungestört in gemeinsamen Gedankenspielen.

Doch später hat sich diese Anziehungskraft in eine zerstörerische Abneigung verkehrt. Blair bescheinigt seinem Schatzkanzler und Nachfolger, "null emotionale Intelligenz" zu haben und als Premier das Projekt von New Labour verraten zu haben. Er sei "unerträglich" gewesen, die Zusammenarbeit mit ihm eine regelrechte Qual. Es sei von Anfang an "unklug" gewesen, dass ihn Brown als Premierminister ersetzt habe, schreibt Blair. "Es konnte nicht funktionieren." Der Schritt sei "weder politisch vernünftig noch demokratisch" gewesen. Im Nachhinein sei es aber leicht zu behaupten, er habe den Machtwechsel verhindern müssen, zu jener Zeit sei dies "nahezu unmöglich" gewesen.

Die Wahl im Frühjahr hätte Labour gewinnen können, wenn man bei der alten Erfolgsformel des wirtschaftsfreundlichen "Dritten Wegs" geblieben wäre, statt die Steuern zu erhöhen und die Rückkehr des Staates zu propagieren, schimpft Blair.

Die Kritik an seinem wichtigsten Weggefährten wirkt ungewöhnlich beißend - zumal sie gekoppelt ist mit indirektem Lob für den wirtschaftspolitischen Kurs der neuen liberalkonservativen Regierung. Einige von Blairs Parteifreunden reagierten denn auch empört. Er solle lieber die Tories angreifen als die eigenen Kollegen, kritisierte Blairs früherer Vizepremier John Prescott. Browns Anhänger blieben jedoch am Mittwoch stumm, offensichtlich hielten sie es für cleverer, auf Blairs Provokation nicht zu antworten.

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Seite 1
evolut 01.09.2010
1. Pudel
Zitat von sysopBritisches Understatement? Fehlanzeige. In seinen Memoiren zieht Tony Blair kräftig vom Leder. Er kanzelt seinen Nachfolger Gordon Brown als Versager ab, gefällt sich selbst in Eigenlob - und zeigt sich regelrecht entzückt von George W. Bush. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715166,00.html
Des Pudels Kern erfasst.
voxpopuli1it 01.09.2010
2. Bravo
TONY BLAIR,GEORGE BUSH sind das beste positiv Beispiel der Geschichte.Im richtige Moment am Hebel.Der Zukunft wird ihnen das heutige fehlend GLORIA verleihen.Dank an die USA,dank an,GROSS BRITANNIEN,für die andere eucheler,bleibt,nur Spott.
michel1, 01.09.2010
3. Die deutsche Sprache!
Zitat von voxpopuli1itTONY BLAIR,GEORGE BUSH sind das beste positiv Beispiel der Geschichte.Im richtige Moment am Hebel.Der Zukunft wird ihnen das heutige fehlend GLORIA verleihen.Dank an die USA,dank an,GROSS BRITANNIEN,für die andere eucheler,bleibt,nur Spott.
Was wollten Sie sagen?
tweet4fun 01.09.2010
4. Jedem das Seine...
Zitat von voxpopuli1itTONY BLAIR,GEORGE BUSH sind das beste positiv Beispiel der Geschichte.Im richtige Moment am Hebel.Der Zukunft wird ihnen das heutige fehlend GLORIA verleihen.Dank an die USA,dank an,GROSS BRITANNIEN,für die andere eucheler,bleibt,nur Spott.
Wenn man Ihre Rechtschreibung als Maßstab nimmt, kann man schon sagen, daß Blair und Bush eine bestimmte Klientel bedient haben.
viceman 01.09.2010
5. passt schon, während
Zitat von sysopBritisches Understatement? Fehlanzeige. In seinen Memoiren zieht Tony Blair kräftig vom Leder. Er kanzelt seinen Nachfolger Gordon Brown als Versager ab, gefällt sich selbst in Eigenlob - und zeigt sich regelrecht entzückt von George W. Bush. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715166,00.html
man über diverse "diktatoren" schimpft beweiraüchern sich diese verbrecher und massenmörder! frei nach brecht," ja der haifisch der hat zähne....."
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